Historistischer Realismus. „Lenin“ in der Schaubühne und die Kritik

„Der sozialistische Realismus, der die Hauptmethode der sowjetischen Schönen Literatur und Literaturkritik darstellt, fordert vom Künstler wahrheitsgetreue, historisch konkrete Darstellung der Wirklichkeit in ihrer revolutionären Entwicklung.“ Diese kunstgeschichtlich epochale Forderung aus den Statuten des sowjetischen Schriftstellerverbands von 1934 hört man in der Reaktion auf die Inszenierung der letzten Tage des berühmten Revolutionsführers auf einer Datsche in Gorki nahe Moskau an der Schaubühne in abgeänderter Form heute von einer Seite, die ansonsten mit kommunistischer Kulturpolitik wenig anzufangen weiß.

Theaterkritik war und ist wie jeder Beitrag des medialen Diskurses natürlich immer auch eine ideologische Aussage. In den 1920er Jahren hatte Brecht mit Kritikern wie Alfred Kerr zu kämpfen („Nur wer die Gähnsucht kennt, weiß was ich leide“), denen sein radikaler Modernismus aufstieß. Berühmt ist auch die Wiener Kritik an Schönbergs ersten Stücken („Man hörte fast mehr die Katzenmusik der Begleitung als das Werk. Und einige Zeitungen berichteten darüber in der Spalte Unglücksfälle und Verbrechen“). Von daher erstaunt es nicht, dass bei einer Inszenierung eines so umstrittenen Themas wie dem der Oktoberrevolution und deren Folgen auch in der Theaterkritik die ideologischen Fetzen fliegen. Besonders in der SZ („Grüße an Guido Knopp: Der Dokumentar-Regisseur Milo Rau verkitscht an der Berliner Schaubühne Lenins letzte Stunden – und zeigt den Massenmörder mit Heiligenschein“) wurde das Stück regelrecht zerrissen. Hauptanklagepunkt: das Stück sei unfaktischer Revolutionskitsch. Auch der Tagesspiegel klagt das Ensemble eines Kniefalls vor einem Massenmörder an.

Diese Kritik geht jedoch sowohl an den Möglichkeiten als auch an der Umsetzung des Projekts vorbei. Zudem geht sie nicht auf die generelle theoretische Problematik ein, die das Verhältnis von Geschichte bzw. Geschichtsschreibung und dem speziellen Medium des Theaters begleitet. Es ist also zuerst einmal zu fragen, welche Herangehensweise an das Verhältnis dieser beiden intellektuellen Beschäftigungen mit menschlichen Gesellschaften gewählt wurde und ob diese gelungen ist.

Dramatische Beschäftigungen mit dem Phänomen der Revolution sind freilich zahlreich. Eines der bekanntesten und wirkmächtigsten Beispiele ist sicherlich Büchners „Dantons Tod“. Dessen offene Form dreht sich um die politische Problematik der chaotischen revolutionären Situation, zahlreiche Zitate zieren die dramatische Rede. In Büchners unverkennbarer soziolektischer Sprache werden jedoch Probleme vermittelt bzw. dramatisiert, nicht Ereignisse (wieder-)erzählt. Schließlich handelt es sich nicht um ein Historien- (heute würde man sagen Kostüm-)drama, sondern um Geschichtsphilosophie (wie jene Hegels). Während wir beispielsweise Sophokles‘ Perser auch nicht primär lesen, um daraus historische Fakten zu ziehen bzw. uns fragen, wie nah das Geschehen an der „Realität“ des griechisch-persischen Krieges ist, sondern es eben als kulturelle Verarbeitung jener Ereignisse verstehen, sollten wir Historiographie und Dramaturgie auch im Falle „Lenins“ streng trennen.

Kehren wir nun jedoch zurück auf die Datsche in Gorki. Während die aristotelische Einheit von Zeit, Ort und Handlung in „Lenin“ mehr oder weniger eingehalten wird, passiert doch im Grunde nichts. Natürlich schreitet die Zeit voran und bleibt nicht stehen, aber die Konfliktlinien, allen voran jene zwischen Stalin und Trozkij auf persönlicher Ebene oder allgemeiner zwischen revolutionärem Anspruch und Wirklichkeit werden zwar immer wieder angerissen, aber nicht zu einer dramatischen Handlung verdichtet, die dem in kurzen Clips auf der Website selbstgesetzten Anspruch, ein zeitloses Kammerspiel um Machtkämpfe nach dem Ableben einer Herrscherfigur zu sein, nicht gerecht wird.

Das Ganze ist vielmehr eine Momentbeschauung, nur sehr marginal gibt es überhaupt eine Vergangenheit oder gar eine Zukunft. Keine Rück- oder Vorblenden stören den Fluss der Zeit innerhalb dieses Portraits, lediglich kurze narrative Einschübe ergänzen das Bild. Ein anderes, wenn auch nur schwer direkt vergleichbares, Beispiel einer solchen Momentaufnahme ist Christopher Nolens „Dunkirk“. Auch hier werden in fein säuberlichen Pinselstrichen einige dramatische Stunden einer historischen Situation geschildert, ohne dass eine Geschichte erzählt würde, während man von beinahe betäubender Musik an den Sessel gefesselt wird.

Das Element der Musik bringt uns auch zum nächsten Punkt: den der Ironie. Fast in Dauerschleife werden wir mit einem Ausschnitt aus Arvo Pärts „Fratres“ berieselt, dessen religiös angehauchte Musik dem anfangs genannten Anspruch des Sozrealismus nicht gerecht und von den Nachfolgern Stalins kritisiert wurde. In Kombination zu Bachs „Jesus bleibet meine Freude“ wird dadurch eine nahezu surreal wirkende Atmosphäre erschaffen, die in krassem Kontrast zur naturalistischen Bühne steht. Die Häufigkeit des recht düsteren ersten Werks gerade in Verbindung zur Leichtigkeit der barocken Klavierklänge erschafft eine merkwürdige Komik bzw. Ironie, die die Schwere der historischen Situation – wir befinden uns in einem Land, das vom Bürgerkrieg an die Grenzen der Zivilisierung getrieben wurde, der Menschen zu Kannibalen machte und betrachten Politiker, die die ersten Konzentrationslager auf europäischem Boden errichteten – aufhebt. Ganz im Sinne Hegels also, der natürlich im Stück auch nicht fehlen darf, um die Intellektualität des Führungszirkels der Bolschewiki zu beleuchten. Dass dieser Effekt ungewollt ist, ist nur schwer vorstellbar, vielmehr handelt es sich hierbei meiner Meinung nach um eine Art der Verfremdung, die auch anfangs kurz herrscht, als der Schauspieler von Lenins und Trozkijs Leibarzt aus der Rolle fällt, die er noch nicht eingenommen hat, und erzählt, wie er Westdeutsche darum beneidet, noch immer jene Figuren heroisieren zu können, für deren Gesundheit er im Stück verantwortlich ist.

Diese Ironie kann man, lässt man sich auf diese Deutung ein, auch an anderer Stelle finden. Immer wieder sind auch Kinder Teil der Aufführung. Sprechen die Erwachsenen, die Menschen der „Alten Welt“, von der Trozkij meint, sie könnten die neue Zeit und den Neuen Menschen nicht vollends verstehen, mit den Kindern, so fallen sie stets ins Russische, also die Sprache des Neuen Menschen, die Sprache des ersten kommunistisch regierten Staates der Weltgeschichte (was wir heute im Rückblick als „Sprache des Sozialismus“ wahrnehmen löste Deutsch erst in den 1920er Jahren als solche nach dem Scheitern bzw. Ausbleiben der deutschen Revolution ab). Auch die sich drehende Bühne kann man in diesem Sinne als die sich durch die Taten der Revolutionäre fortbewegende Geschichte deuten, ganz im Sinne des dialektischen Materialismus. Offensichtlicher wird dieser Effekt in der auf der Bühne gezeigten Ikonisierung Lenins zur Führer- und Lichtgestalt, plastisch gezeigt an der Maskierung der Darstellerin Lenins (auf der Bühne) zu jenem Mann mit Spitzbart und Glatze, den wir kennen, gegen Ende des Stücks. Diese Ikonisierung konnte man beispielhaft auch in einer anlässlich des 100-Jahr Jubiläums im Januar ausgelaufenen Ausstellung im Bröhan-Museum („The paper revolution“) begutachten, wo Plakate ausgestellt wurden, die Lenin als Baby, Kind und Erwachsenen neben einem Schriftzug zeigten, der ihn als Befreier der „Menschheit des Weltproletariats“ bezeichnete – die christliche Symbolik ist offensichtlich.

Ein weiteres wichtiges Formelement stellt die selbstreferenziell genutzte Filmtechnik dar, die das ganze Stück über präsent ist. Tatsächlich kann man das gesamte Stück als Film auf einer Leinwand über der Drehbühne verfolgen, auf der immer die gerade sprechenden Personen zu sehen sind. Auch Trozkij schreibt – welch ein Zufall – gerade an einem Buch über das Kino. Das Stück befindet sich so in mehrerlei Hinsicht in einem Zwiespalt zwischen der alten Form des Theaters und der neuen Form des Kinos, das alle Modernisten in den Bann zog.

Die Frage der Methode des Zeigens eines historischen Moments, speziell der Revolution, spielt also eine große Rolle im Stück. Der Forderung einer „wahrheitsgetreuen“ oder heute „kritischen“, nicht romantisierten Darstellung historischer Ereignisse in den Künsten würde ich passend zur Thematik die Losung der LEF entgegenhalten, der „Linken Front der Künste“, einer Vereinigung sowjetischer Kunstschaffender aus den 1920er Jahren, deren avantgardistischer Ansatz sechs Jahre nach ihrer Auflösung 1928 mit dem anfangs zitierten Diktum offiziell zu Grabe getragen wurde. Diese Gruppe forderte eine revolutionäre Umgestaltung der Gesellschaft auch mit Mitteln der Kunst und insbesondere eine Nutzung der neuen Medien. Alfred Barr, Gründer des MOMA, berichtete nach Gesprächen mit Künstlern dieser Vereinigung auf einer Reise im Jahre 1928: „All the arts in Russia, including music, tend constantly toward the condition of the cinema.“ Die Form ist, gerade in der Moderne, also nicht Neben-, sondern Hauptsache. Für „Lenin“ heißt dies, das Augenmerk einer Analyse auf Form und Technik zu legen anstatt das Stück in Hau-Drauf-Manier dafür zu verurteilen, weil es ein ambivalentes Bild zeichnet bzw. nur die politischen Aspekte zu berücksichtigen.

Die LEF ist ein gutes Beispiel der Paradoxie, die das sowjetische Experiment darstellt. Das schillernde und vielgesichtige Phänomen der Oktoberrevolution brachte auch schon vor der Machtergreifung Stalins sowohl Verfolgung politischer Gegner, Roten Terror (die Tschekisten sahen sich als rote Jakobiner), Folter und Mord auf der einen Seite als auch erste Schritte hin zur Befreiung der Frau, eine bis heute bei weitem nicht nur linke Kreise faszinierende künstlerische Avant-Garde (die dank dem auch im Stück präsenten Volkskommissar für das Bildungswesen, Anatoli Lunatscharski, zumindest in den 1920er Jahren gedeihen konnte) und einen Antiimperialismus auf der anderen Seite hervor, der vor allem in der Zwischenkriegszeit einige in den Vereinigten Staaten rassistisch verfolgte Menschen sowie antikoloniale Aktivist_innen aus den europäischen Kolonien anzog. Der Afroamerikaner Homer Smith beispielsweise schrieb 1964 über seinen Umzug in die UdSSR in den 1930er Jahren: „I yearned to stand taller than I had ever stood to breathe total freedom in great exhilarating gulps, to avoid all the hurts that were increasingly becoming the lot of men (and women) of color in the United States. The solution seemed simple to me: Russia was the only place where I could go and escape color discrimination entirely. Moscow seemed the answer.“ Auch die Frauen in der Roten Armee im 2. Weltkrieg inspirierten Feministinnen in anderen Ländern, insbesondere in Großbritannien, ebenso wie nach der Revolution errichtete Abtreibungskliniken.

Diese Einschätzung liest man sogar in einer weiteren Berliner Jubiläumsschau des Roten Oktober im staatstragenden und ergo linker Sentiments unverdächtigen DHM: Die Revolution „führte zu neuen Formen in Wirtschaft, Bildung und Kultur, förderte nationale, politische und soziale Befreiungsbewegungen, inspirierte Künstler und Kulturschaffende. Von Anfang an gehörten zum Aufbau der neuen Gesellschaft aber auch Terror, Gewalt und Repression.“

Wo wir wieder bei der Frage wären, was das Stück sein will bzw. kann. Eine historiographische Herangehensweise, soviel ist deutlich geworden, ist es nicht, auch da Theater dies nie sein kann und auch nicht sein sollte. Eine Auseinandersetzung mit dieser Paradoxie ist es jedoch auch nicht. Zwar werden einige Elemente davon angesprochen, aber nicht ausgeführt, sie bleiben wie oben beschrieben auf einer unteren Sinnebene hängen und werden nicht dramatisch oder auch politisch abstrahiert bzw. verdichtet. Da gibt es beispielsweise den Bericht eines den Typus des Tschekisten symbolisierenden Leibwächters, in dem eine bestialische Folterszene aus dem Bürgerkrieg beschrieben wird. Da gibt Stalin Lenins Fraz Krupskaja Schminktipps oder Lenin regt sich darüber auf, dass Kollontai und andere Feministinnen in der Partei sich in Zeiten des Krieges mit der sexuellen Befreiung der Frau befassen. Und da spricht Lenin am Ende von den „Sklaven Chinas, Afrikas, Asiens“ (besagte Lenin in recht gutem Licht dastehen lassende Schlussrede war sicherlich einer der Hauptgründe für den Vergleich mit „Der Untergang“ in vielen Rezensionen). Doch das Stück will keine Auseinandersetzung mit diesen Themen sein.

Eine abschließende Antwort auf diese Frage will und kann ich nicht geben. Genau darum geht es jedoch. Wer sich über historische Ereignisse informieren möchte, geht in eine Bibliothek und nimmt einige geschichtswissenschaftliche Bücher in die Hand, in denen Wissenschaftler_innen Quellen auswerten und darauf aufbauend Analysen entwerfen. Wer sich im Theater ein Stück darüber ansieht, möchte sich dort auf eine Auseinandersetzung einlassen und der/dem kann auch zugetraut werden, sich Gedanken zu einer Inszenierung zu machen und nicht zu glauben, das auf einer Theaterbühne dargestellte entspreche der politischen Einschätzung der Theatermachenden. Zumal dies ein Vorwurf ist, der an Büchner nicht gerichtet wird. Vielleicht sind 100 Jahre einfach noch nicht genug, um eine offene Auseinandersetzung um den Roten Oktober zu führen.

Afro-marxist modernity. Ghana and Angola in comparison

“All that is solid melts into air, all that is holy is profaned, and man is at last compelled to face with sober senses his real conditions of life, and his relations with his kind.”[1]

“It was commonly thought that the time had come for the world, and particularly for the Third World, to choose between the capitalist system and the socialist system. The underdeveloped countries […] must, however, refuse to get involved in such rivalry. [They] must endeavour to focus on their very own values as well as methods and style specific to them. […] The choice of a socialist regime, of a regime entirely devoted to the people […] will allow us to progress faster in greater harmony.”[2]

Marx’ depiction of change in a modern, capitalist society – evoked, he argues, by the constant revolutionising of the instruments of production – is part of a theory, which, in its various manifestations in the 20th century, provided the basis for a modernity radical opposed to the prescribed one. The Cold War between the two opposing political and economic systems, of which Fanon speaks, can indeed be regarded as a competition between these two versions of modernity propagated by Washington and Moscow, respectively. Fanon’s directive for Africa, reflecting the truly global dimension of this contestation, may seem contradictory at first sight, but, as will be shown, is referring to a distinct version of the modernity propagated by the latter, an Afro-Marxist modernity, which will be the topic of this essay. Using Africa as one common geographical frame bears risks, given the massive differences in social and political developments throughout the 19th and 20th century. Still, the combining colonial experience and the later discussed Pan-African movement, closely intertwined with Marxism, justify the common analysis. After defining modernity as well as its Marxist and, finally, Afro-Marxist notions, the proliferation of these ideas is outlined, both in the form of the Soviet Union’s as well as Cuba’s ties to the various African movements and independent states and the education of Africans outside Africa. Finally, the realization of these ideas and the differing manifestations are described, using Ghana and Angola as two case studies contrasting a non-violent nation-building project, and a radical, militant struggle. Sources by Kwame Nkrumah, leader of the Ghanaian independence movement and the MPLA, one of the parties in the Angolan war against the Portuguese and the subsequent civil war help to show that the manifestation of spread ideas depended heavily on single African actors as well as the Cold War geopolitical situation. In order not to overcomplicate the terminology and to find a depth of the ideological differentiation appropriate to the length of the essay, Marxism is used in a broad sense as relating to the basic Marxist claim for the control of the means of production by the working class (even in their absence as in many developing countries at the time) or, in broader terms, a mass-based politics with an anti-capitalist stance.

To begin with, modernity, in general terms, is understood as an overall approach to or concept of life in the modern age, in ideological terms defined as post-enlightenment era and, to differentiate it from post-modernity, based on the first and second industrial revolutions. “As the basic characteristic and embodiment of the developmental process of modern society, modernity manifests itself in all aspects of social life.”[3] Following Marshall Berman, we find the crucial phase of modernisation, i.e. the striving for a – more or less radical – changing of society, based on new ideas, in the time after the “great revolutionary wave of 1790s”, in which an abruptly emerged modern public “shares the feeling of living in a revolutionary age”, but at the same time remembers the material and spiritual conditions of the pre-revolutionary era.[4] Modernity also “entailed some very distinct shifts in the conception of human agency, and of its place in the flow of time. It carried a conception of the future characterized by a number of possibilities realizable through autonomous human agency”[5]. This striving for another organization of society, however, we have to understand as split into a global multitude with overlapping similarities, but also clear local distinctions.

Marxism constituted the most radical form of this new understanding of human agency. By developing an alternative, but all the more enthusiastic, model of a just, industrialized society, enjoying the benefits of modern technology and industrial goods, Marx delivered a blueprint for the reorganization of societies which enjoyed unforeseeable popularity in the 20th century. Even more important for our case was, however, the realization of this rather vaguely defined concept of modernity by the Bolsheviks and the perception of this experiment in the rest of the world. Soviet modernity was a way of the engagement of the masses – including women – in the ideological vision of the party. In its refutation of Marx’ idea, that the socialist revolution could only be successful in developed, capitalist societies, the Soviet Union constituted a form of modernization based on mechanisation, industrialisation and overall-control of the economy and society by a vanguard party which came to power only by means of militancy and violence.[6] In the Cold War context after 1945, finally, “modernity came in two stages: a capitalist form and a communal form, reflecting two revolutions – that of capital and productivity, and that of democratization and the social advancement of the underprivileged.” In this above described rivalry for notions of modernity, both sides had to prove “the universal applicability of their ideologies” by exporting them to the not yet developed world. [7] Marxism thus became a concept of development and, paradoxically – given Marx’ idea that nations would vanish after the realization of communism – nation-building and therefore became a popular approach to modernity. For this essay, we distinguish between three forms of dissemination of this Marxist modernity: material support, ideological connections and the loose spread of ideas.

Afro-Marxist modernity, finally, can be seen as an adaptation of these ideas to the African context. Pan-Africanism, i.e. the idea that the liberation of one country is only the first step towards the liberation and unification of the whole of Africa, played a crucial role in many anti-colonial movements, most prominently in Nkrumah’s concept of African socialism. Despite being Marxist in word and deed, Afro-Marxist movements stressed that they were “departing in significant ways” from classical Marxism.[8] This also meant that Afro-Marxism did not necessarily entail any form of political alignment with Moscow in the Cold War. In fact, the non-aligned-movement was very popular among anti-capitalist African governments.[9] “The eclectic nature of Afro-Marxism allowed adoptive regimes a certain autonomy with regard to Moscow while still being allowed to present themselves as ‘progressive’.”[10]

Despite this non-necessity of direct links to Moscow, the Soviets played a crucial role for many Afro-Marxist movements. While the Bolsheviks took an anti-imperialist stance from the beginning on, which they tried to spread through the Comintern, the actual support as well as the strength of Marxist movements in Africa was relatively poor initially. In the 1930s, the support increased even further due to the common fascist threat with the imperial powers.[11] In the decade after 1945, then, sub-Saharan Africa was considered “relatively unimportant in terms of geopolitics.”[12] After Khrushchev dropped Stalin’s two-camp theory, a more pragmatic approach defined Moscow’s relationship with Africa. Even countries without a distinct anti-capitalist stance received material supply, which was regarded as an anti-Western investment.[13] In general terms, one can distinguish between two phases of Soviet influence in Africa: after supporting newly-independent countries, especially Guinea, Mali and Ghana from 1958 onwards, the USSR, as well as Cuba, intervened in several armed conflicts or civil wars in the 1970s, most importantly in Angola, Mozambique, and Ethiopia.[14]

While the USSR was also the host for students from – not only anti-capitalist – African countries, most prominently at the People’s Friendship University in Moscow[15], and thereby tried to actively propagate Soviet modernity among Africans, the education of Africans in the West was even more important in many cases. Often already “dedicated to such staples of modernity as technology and systematization”[16] through colonial education, links to communist parties especially in Britain, France and Portugal helped African elites to develop their Afro-Marxist ideas of how to gain political as well as economic independence from the West and to build a just and progressive society thereafter. The Western education also helps to explain the focus on science and education, “which were at the heart of the project to build modern states in the Third World.”[17] The links to European and Soviet communists, however, must not be overestimated. Afro-Marxist leaders “were out to win power for themselves rather than to place their movements and countries under external communist domination.”[18]

The actual Afro-Marxist nation- and state-building can be distinguished, like the Soviet support, in two phases: “During the late 1950s and early 1960s countries such as Ghana, Guinea, Mali, Tanzania and Zambia, claimed to have adapted socialism to their own national circumstances, producing territorial variants of what was vaguely described as ‘African Socialism’, or ‘Populist Socialism’”, which favoured “broad-based hegemonistic mass movements of the anti-colonial struggle” over Leninist vanguard parties. Since the realization of their socialist programs failed, these first Afro-Marxist regimes faced deep troubles in the late 1960s and many fell victim to military coups. The result was, however, no retreat from the Marxist path of modernization. Rather, a more radical Marxist approach was presented as an answer to the failure of these regimes. The first African “People’s Republic” in Congo (Brazaville), established in 1969 after a putsch by radical soldiers, is the first example of this more radical Marxist state model. Yet, a Marxist-Leninist party was only established years after the acquisition of power. The same is true for Somalia, Benin and Ethiopia. This more radical Marxist approach was even “used by political dissidents to challenge the legitimacy of established Marxist rulers.”[19] The most radical and militant manifestation of Afro-Marxism, however, could be seen in the former Portuguese colonies and the civil wars resulting from the late decolonization process.

The history of Ghanaian, and indeed African independence cannot be written without the person of Kwame Nkrumah. The leader of the independent movement and first president of the newly independent country “became a symbol of hope for other colonised people around the world”[20], especially in Africa, and most important advocate of Pan-Africanism. Through his western education, both in the US and the UK, he came into contact with Marxist ideas as well as communist and African organisations. He also played a key role in the 1945 Manchester fifth Pan-African Congress, where he discussed his ideas with other key African politicians like Frantz Fanon.[21] In 1947 he was invited to become head of the United Gold Coast Convention (UGCC).[22] He “arrived in a country facing serious postwar difficulties. Unemployment was rampant, prices had soared and the all-important cocoa crop was threatened by disease”[23], which in 1948 led to riots and demonstrations. Nkrumah, more radical than the other UGCC members, founded the Convention People’s Party (PCC) in 1949, which “demanded ‘Self-Government Now’ and began to mobilise trade unionists, farmers, youth and ex-servicemen’s associations”[24] and thereby channelled the anti-colonial mood in the country. In 1951, while in prison for organising demonstrations, he won the general election with over 90 percent. During this campaign his party propagated a resolute modern programme, including “free education and medical care, the introduction of heavy industry, railroad electrification [and] the mechanization of agriculture”[25] and were thus already promoting a modernity with a Marxist stance. Following his appointment as prime minister of the Gold Coast in 1952, he and the CPP led the country peacefully to “internal self-government” and, finally, to independence in 1957, when Nkrumah became first president of renamed Ghana.[26] Having already determined the discourse about the future of the country in the late colonial era, the term “development” became ubiquitous after 1957. “Development, the objective good, was the one tenant upon which the Cold War powers in the United Nations, as well as the Third World powers at Bandung, could all agree.” The introduction of annual development plans, focusing on industrialisation and infrastructure projects led the county on a modernization path established first in the Soviet Union. Development also included a focus on, especially technical, education and technology.[27]

These symbols of modernity in the first independent sub-Saharan African country were not established in an explicit Marxist framework at the beginning. Indeed, Nkrumah’s foreign policy swayed between East and West several times while officially being part of the Non-Aligned Movement, which illuminated the “cultivation of an enlightened, humanist, and morally and socially reforming modernity”.[28] Soviet material assistance for Ghana started in 1960, when an agreement was signed providing for cultural and technological cooperation as well as the exchange of teachers and students. In another agreement following soon after, the exchange of Soviet industrial products for Ghanaian raw materials was arranged.[29] This cooperation, however, was only one part of Ghana’s foreign aid, albeit presenting the educational, technological and industrial modernity more symbolically than the US loans. It was not until 1964, that Ghana in word and deed ultimately moved closer to a Soviet-Marxist modernity, although Nkrumah never fully accepted it while being president.[30]

At this point it is worth looking closer at one of Nkrumah’s most important publications, “Africa Must Unite”[31] from 1963. In a chapter titled “Building Socialism in Africa”, he describes his vision of an African socialism. Although he names different parts of Marxist modernity like “industrialisation”, “public ownership of the means of production”, a government-controlled economy as well as the role of the PCC, which is “entirely Ghanaian in content and African in outlook, though imbued with Marxist socialist philosophy”, he denies the Soviet Union as the role model of this modernization and states, that “there is no universal pattern for industrialization that can serve as an absolute model for new nations emerging out of colonialism.” Two things become clear in Nkrumah’s view: Afro-Marxist modernity is perceived as a distinct African adaptation of the spread ideas of Marxist theory, and the Soviet role model is denied, despite the mentioned material support for the realization of this modernity. Nkrumah’s more radical Marxist or rather anti-Western course caused his downfall in 1966, when a military coup overthrew his government while he was on a piece mission in Vietnam.[32] While in exile, he continued publishing and reverted to a more radical Marxist, which made his ideology, “Nkrumahism”, a source of inspiration even for Marxist Afro-Americans, as evident in a pamphlet published by the “All-African People’s Revolutionary Party” in Washington in 1982, where his Pan-Africanism is extended to the idea of an African nationhood and one – centuries old – common, as well as global and anti-capitalist struggle all Africans around the world are part of. “Scientific socialism” is presented as an answer and “historical necessity”, realized by a vanguard party formed out of the – male and female – intelligentsia of Africans in Africa and in the diaspora.[33] His ideology thus became a means of dissemination of a specific notion of modernity itself.

Angola presented a quite different case, both in the type of the colonial rule and, resulting from it, the way the decolonization process took place. For the Portuguese governments, especially after the erection of Salazar’s Estado Novo in 1926, Angola and its other colonial possessions constituted overseas departments of the Portuguese nation and played a crucial part in the Portuguese economy. In the 1960s, large-scale development plans and an increase in the settler population emphasized Angola’s importance for the regime. At the same time, violence – remaining the only viable expression of anti-colonial opposition due to the government’s stance on the colonial question – broke out between the government and different nationalist movements which, one the one hand, consisted of the so-called mestiços (mixed) and assimilados (Westernized), which were parts of the urban population and felt increasingly threatened in their position by the growing number of settlers and, on the other hand, of mostly rural Africans hardly affected by the colonial modernity. This split in terms of class (and, to an extent, race) in the anti-colonial movement also features the two main factions in the civil war, the MPLA and the FNLA. The former emerged from contacts between Angolan students in Portugal and the Portuguese Communist Party – which acted as an intermediary of Soviet modernity due to their close links to Moscow[34] – and became more and more radical Marxist. While these movements also represented different ethnic groups, these splits were not the reason for the civil war. Quite on the contrary, the territorial integrity of the Angolan “nation”, defined by the Portuguese imperialists, remained unquestioned by the anti-colonial movements.[35]

Already during the anti-colonial, but most importantly during the following civil war resulting from the “Carnation Revolution” in 1974, Angola became a Cold War proxy war with a multitude of players involved. While the US, South Africa, China and Zaire supported MPLA’s opponents, UNITA and the FNLA, the Angolan Afro-Marxists received large-scale military aid from the Soviet Union (as well as its European allies), various African countries, including Ghana and Congo Brazaville (where the MPLA had its base prior to the declaration of independence in 1975) as well as the supply of 12,000 Cuban troops in late 1975, which proved crucial for the survival of the MPLA during Pretoria’s invasion.[36] These ideological connections to the communist world, however, were the result of a quest for international supply initially in the West, which was denied due to their Marxist reputation despite the initial refusal of the leadership of a clear Marxist stance. In 1964, finally, the MPLA positioned itself in the Socialist Camp and established the connections which guaranteed its victory in the civil war.[37] Apart from the overt Marxist program, the anti-imperialist struggle of other movements, especially in Vietnam and Algeria, became crucial for the MPLA’s understanding of being part of a global struggle.[38]

Modernity in the Angolan case was closely connected to the term “national liberation”. In a speech over Radio Tanzania from 1968, the leader of the MPLA, Agostinho Neto, outlined his stance on the war against the Portuguese, which he regarded as part of a global, anti-capitalist struggle. It becomes clear, that militancy is part of modernity, the armed action is a “school” for the warriors which shall lead the nation in the struggle for full independence, i.e. from the Portuguese and the foreigners owning the natural resources. Unlike Nkrumah, Neto did not propagate Pan-Africanism, but stressed the “anti-racial” stance of his movement, a reference to the racial background of the MPLA. He also addresses modernity in a direct manner when speaking of the MPLA’s strive for the “liquidation of ignorance, disease and primitive forms of social organization” and the need for industrialisation, all implemented by a strong “vanguard party” which “must control the life of the country during every moment.”[39] Although Neto didn’t address the links to the Soviet Union in this speech, the MPLA was transformed into a Marxist-Leninist ‘vanguard worker’s party’ after the proclamation of the People’s Republic of Angola in 1975 and a visit of Neto in Moscow in 1976.[40] In the new program, “there was no mention of ‘African socialism’, a formula which Moscow distrusted as unscientific.”[41] Despite these close ties, the Angolan economy remained oriented towards the West.[42]

A triptych from about 1975, depicting the three leaders of the Marxist struggle in Angola (Castro, Neto, Brezhnev), exhibited in London in 2016 (red4.jpg), marks not only the cultural implementation of Afro-Marxist modernity in Angola, realized through global Marxists cooperation, it also shows the post-modern reception of the topic in the post-colonial metropolis.[43] As we have seen, Afro-Marxist modernity manifested itself in different ways throughout time. In Ghana, ideological links as well as the material support in form of Ghanaian-Soviet cooperation, were only established during the end of Nkrumah’s reign. However, the spread of Marxist ideas was influential for his entire thinking, beginning with his Western education, and, consequently, the implementation of a form of Afro-Marxism in Ghana, closely linked to the idea of Pan-Africanism, and shaped the discourse around the term “development”. Angola presents a different picture: the proliferation of modernity happened most importantly in the form of military assistance as a means of material support. Moreover, ideological connections with communists in Portugal, Cuba and the Soviet Union defined the movement from the beginning on. The inevitability of radical militancy made the MPLA leaders use these ties to manifest an Afro-Marxist modernity which in ideological and military terms relied much more on non-African Marxist powers than in Ghana. The dissolution of the Warsaw Pact, however, as well as the on-going UNITA insurgency and the failure of the implemented economic system made the MPLA finally open the country towards a market-oriented model and a multi-party system.[44] Has Afro-Marxist modernity thus “melted into air” and been replaced by a neoliberal, universal postmodernity, in which it is reduced to the topic of a post-modern exhibition?

Primary Sources

“All-African People’s Revolutionary Party. Some aspects of its origins, objectives, ideology & program.” Political pamphlet, published by the All African People’s Revolutionary Party, Washington D.C. in 1982 or 1983. Source: African Activist Archive. URL: http://africanactivist.msu.edu/document_metadata.php?objectid=32-130-1C55.

Fanon, Frantz: The Wretched of the Earth (New York: Grove Press, 2004).

Marx, Karl: The Communist Manifesto, edited by Frederic L. Bender (New York: Norton & Company, 1988).

Neto, Agostinho: “A message to companions in the struggle.” Speech, delivered on 06.06.1968 over Radio Tanzania in the program “The Voice of Angola in Combat”. Source: African Activist Archive. URL: http://africanactivist.msu.edu/document_metadata.php?objectid=32-130-1188.

Nkrumah, Kwame: Africa Must Unite (London: Heinemann Educational Books, 1963).

Ractliffe, Jo: “Mural portraits depicting Fidel Castro, Agostinho Neto and Leonid Brezhnev, painted on the wall of a house in Viriambundo, Angola, circa 1975.” Triptych, part of: Courtesy of Stevenson, Cape Town/Johannesburg. URL: http://calvert22.org/images/uploads/pages/Red_Africa/slideshow1/_element_slideshow/red4.jpg. Published in the exhibition “Red Africa” of the Calvert 22 Foundation, London, 4 Feb – 3 Apr 2016. URL: http://calvert22.org/red-africa/.

Secondary Sources

Adi, Hakim; Sherwood, Marika: Pan-African History. Political figures from Africa and the diaspora since 1787 (London: Routledge, 2003).

Berman, Marshall: All That Is Solid Melts Into Air. The Experience of Modernity (New York: Penguin Books, 1988).

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[1] Marx, Karl: The Communist Manifesto, edited by Frederic L. Bender (New York: Norton & Company, 1988), p. 58.

[2] Fanon, Frantz: The Wretched of the Earth (New York: Grove Press, 2004), pp. 55-56.

[3] Ziyi, Feng: A contemporary interpretation of Marx’s thoughts on modernity, Frontiers of Philosophy in China, 1 (2006), pp. 254-268, here p. 255.

[4] Berman, Marshall: All That Is Solid Melts Into Air. The Experience of Modernity (New York: Penguin Books, 1988), p. 17.

[5] Eisenstadt, S.N.: Multiple Modernities, Daedalus, 129/1 (2000), pp. 1-29, here p. 2.

[6] Westad, Odd Arne: The Global Cold War. Third World Interventions and the Making of Our Times (Cambridge: Cambridge University Press, 2005), pp. 52, 92.

[7] Ibid., pp. 4, 40.

[8] Nugent, Paul: Africa Since Independence. A Comparative History (New York: Palgrave Macmillan, 2004), p. 138.

[9] Westad: Global, p. 107.

[10] Hughes, Arnold: The appeal of marxism to Africans, Journal of Communist Studies, 8 (1992), pp. 4-20, here pp. 17-18.

[11] Ibid., p 5.

[12] Mazov, Sergey: A Distant Front in the Cold War. The USSR in West Africa and the Congo, 1956-1964 (Standford: Standford University Press, 2010), p. 11.

[13] Hughes: Appeal, p. 16.

[14] Schmidt, Elizabeth: Foreign Intervention in Africa. From the Cold War to the War on Terror (Cambridge: Cambridge University Press, 2013), p. 26.

[15] Kret, Abigail Judge: ‚We Unite with Knowledge‘. The Peoples’ Friendship University and Soviet Education for the Third World, Comparative Studies of South Asia, Africa and the Middle East, 33/2 (2013), pp. 239-256.

[16] Westad: Globa,, p. 74.

[17] Ibib., p. 93.

[18] Hughes: Appeal, p. 6.

[19] Ibid., pp. 10-14.

[20] White, Evan: Kwame Nkrumah: Cold War Modernity, Pan-African Ideology and the Geopolitics of Development, Geopolitics, 8 (2003), pp. 99-124, here p. 100.

[21] Poe, D. Zizwe: Kwame Nkrumah’s Contribution to Pan-Africanism. An Afrocentric Analysis (New York: Routledge, 2003), p.2.

[22] Adi, Hakim; Sherwood, Marika: Pan-African History. Political figures from Africa and the diaspora since 1787 (London: Routledge, 2003), p. 144.

[23] Howell, Thomas A.; Rajasooria, Jeffrey P.: Ghana & Nkrumah (New York: Facts on File, 1972), p. 7.

[24] Adi: History, p. 144.

[25] Howell: Ghana, p. 12.

[26] Adi: History, p. 144.

[27] White: Nkrumah, pp. 105-106.

[28] Ibid., pp. 111-112.

[29] Howell: Ghana, pp. 62-63.

[30] White: Nkrumah, p. 113.

[31] Nkrumah, Kwame: Africa Must Unite (London: Heinemann Educational Books, 1963).

[32] Adi: History, p. 145.

[33] Pamphlet found in the African Activist Archive. URL: http://africanactivist.msu.edu/document_metadata.php?objectid=32-130-1C55.

[34] Webber, Mark: Angola: Continuity and change, Journal of Communist Studies, 8 (1992), pp. 126-144, here p. 127.

[35] Guimarães, Fernando Andresen: The Origins of the Angolan Civil War. Foreign Intervention and Domestic Political Conflict. (London: Macmillan Press, 1998), pp. 4-32.

[36] Gleijeses, Piero: Conflicting Missions. Havana, Washington, and Africa, 1956-1976 (Chapel Hill: University of North Carolina Press, 2002), pp. 246-272.

[37] Guimarães: Origins, p. 72.

[38] Webber: Angola, pp. 127-128.

[39] Speech found in the African Archivist Archive. URL: http://africanactivist.msu.edu/document_metadata.php?objectid=32-130-1188.

[40] Guimarães: Origins, p. 170.

[41] Steele, Jonathan: Soviet relations with Angola and Mozambique, in: Cassen, Robert (Ed.): Soviet interests in the Third World. The Royal Institute of International Affairs (London: SAGE Publications, 1985), pp. 284-298, here p. 289.

[42] Ibid.

[43] „Red Africa“, Calvert 22 Foundation, London, 4 Feb – 3 Apr 2016. URL: http://calvert22.org/red-africa/.

[44] Webber: Angola, pp. 130-137.

Die „proletarisch-revolutionäre“ Literatur und die KPD

„Proletarisch-revolutionäre Literatur ist nicht Armeleutepoesie oder Mitleidsdichtung, sie bewimmert nicht tränenbeflissen das Elend des Proletariats […]. Im Trommelfeuer und in Straßenkämpfen ist sie geboren, sie ist unter dem Druck der Zensur groß geworden. Die Antwort, die sie auf die Ausbeutung und auf den Krieg gibt, ist eine aktive Lösung.“[1] Dieses Zitat Johannes R. Bechers aus dem Jahre 1929 beschreibt beispielhaft die Haltung der KPD zu Fragen der Literatur. Die „proletarisch-revolutionäre“ Literatur – der Begriff steht im Kontrast zur sozialdemokratischen ‚Arbeiterliteratur‘ – ist aus Sicht der KPD gegen Ende der Weimarer Republik eine Waffe im Klassenkampf und, wie Alfred Döblin es treffend sarkastisch auf den Punkt bringt, „im Besitz der Unfehlbarkeit“[2], was allein schon dadurch zum Ausdruck kommt, dass Bechers seine Proklamation nicht einmal mehr mit einer ‘soll’ oder ‘muss’-Form verkleidet, sondern sie als feststehende Tatsachen darstellt.

Bechers Aufsatz steht jedoch nur beispielhaft für die KPD-Kulturpolitik in der Endphase der Republik. Bis 1929 hat die Partei bereits andere Ansichten verworfen und durch ihre Macht als größte kommunistische Organisation bereits Einfluss genommen auf die vielseitigen Ausdrucksformen der neuen Literatur in der ersten Demokratie auf deutschem Boden; und sie wird es auch in den letzten Jahren bis 1933 weiter tun.

Die dieser Arbeit zugrundeliegende Fragestellung positioniert sich um den Kulturbegriff der KPD in den verschiedenen Phasen der Weimarer Republik. Gefragt werden soll nach der Beziehung zwischen der Partei und den „linken“ Schriftstellern. Vor allem anhand der Theaterszene soll festgestellt werden, wie groß der Einfluss der Partei auf die jeweiligen Organisationsformen proletarischen Theaters war und wie die Wechselwirkung zwischen den beiden Polen zu bewerten ist: Richten sich die Autoren, Spielgemeinschaften und Inszenierungen nach den Parteivorgaben oder propagieren die Parteivorgaben nicht eher nur die bereits vorhandenen Kunstformen?

Da die Fragestellung ein sehr breites Themenfeld betrifft, sollen in dieser Arbeit wie bereits gesagt vor allem die Spielgruppen und allgemein die Theaterszene betrachtet werden, jedoch sollen auch allgemeine kultur- bzw. kunstpolitische Entwicklungen mitberücksichtigt werden.

Nach einer Einführung in die kulturpolitischen Positionen der KPD in der Frühphase der Weimarer Republik werden verschiedene Tendenzen des kommunistischen Theaters betrachtet bzw. die Einflussnahme der Partei darauf, um im Zweiten Teil auf den BPRS, die Agitprop-Bewegung und die sich gewandelte Einstellung der KPD einzugehen.

Die Auftrennung in zwei Blöcke rührt von den großen Unterschieden in der Kulturpolitik der KPD zum Anfang und Ende der Republik her.

Anfangsphase der Weimarer Republik

Haltung der KPD

Die Haltung der KPD zur Kultur ist anfangs noch stark von den Vorkriegspositionen der SPD geprägt. Franz Mehrings Ansicht, eine eigene Kultur der Arbeiterklasse dürfe erst nach dem „ökonomisch-politischen Siege des Proletariats“ entstehen, kann man in den Anfangsjahren auch in den KPD-Leitlinien in Fragen der Kultur wiederfinden.[3] Bestärkt wird diese Linie nicht nur von Leo Trotzki, der 1923 in mehreren in der „Prawda“ veröffentlichten Artikeln die Ablehnung einer proletarisch-revolutionären Literatur im kapitalistischen System proklamiert, da eine solche klassenspezifische Literatur dem Endziel, also der Zerstörung der Klassengesellschaft entgegenwirke und somit konterrevolutionär sei.[4] Zwar widerspricht beispielsweise Clara Zetkin bereits 1911 dieser Haltung mit dem Argument, Kunst müsse als Ausdruck eines revolutionären Bewusstseins die Vorherrschaft der bürgerlichen Ideologie herausfordern[5], jedoch kann man eine kulturkonservative Linie innerhalb der KPD bis in die 20er Jahre hinein beobachten.[6]

Die Anfangsjahre der Weimarer Republik sind indes von den verschiedensten literarischen Formen geprägt. Die Position der KPD, vorerst das Erbe der bürgerlichen progressiven Schriftsteller des 19. Jahrhunderts gegen die modernen Tendenzen des Expressionismus, Aktivismus und Dadaismus zu bewahren, wirkt wie ein verzweifelter antimodernistischer Versuch, die Kontrolle über eine vielschichtige und sich stark verändernde Literaturszene zu erlangen, in der die Zugehörigkeit zu den linken Kräften nicht so leicht auszumachen war.

So fallen in die Frühphase der Weimarer Republik neben die erwähnte KPD-Position auch ganz andere Proklamationen an „das Proletariat“. Kurt Eisner beispielsweise verfasst einen Monat vor seiner Ermordung, im Januar 1919, eine Schrift, in der er die Freiheit als Voraussetzung für das Gedeihen einer proletarischen Kunst darstellt. Der ideale Staat lässt für Eisner den Künstler frei seinen Trieben folgen, schränkt ihn also nicht in seiner Kreativität ein.[7] Vor allem im Kontrast zur Parteilinie in der Spätphase oder gar zur späteren Kulturpolitik der SED – auch wenn dies freilich kein Teil dieser Arbeit ist – gewinnt dieser Aufsatz an Relevanz.

Einfluss auf die Theaterszene

Das erste Beispiel der aktiven und erfolgreichen Einmischung der KPD in die Theaterszene findet sich bei der Bekämpfung des „Proletarischen Theaters“, einer Gegengründung zur sozialdemokratischen Volksbühne. Die ca. 5000 Mitglieder des „Proletarischen Theaters“ entstammen zwar kommunistischen Vereinigungen, jedoch solchen, welche die KPD ablehnt.[8] An einer Kritik an der Aufführung des Stückes „Rußlands Tag“ unter Erwin Piscator 1920 anlässlich des dritten Jahrestages der Oktoberrevolution wird die kulturkonservative Sicht der KPD in dieser Phase der Republik deutlich. Die KPD-Kulturkritikerin Gertrud Alexander kritisiert die Bezeichnung Kunst anstatt Propaganda. Theater verlange künstlerische Leistung, weshalb die bürgerliche Kunst dem vorzuziehen sei.[9]

Die ablehnende Haltung der KPD führt schließlich dazu, dass die Zuschüsse vonseiten der Partei ausbleiben und eine ausreichende Massenbasis gar nicht erst geschaffen werden kann. Dies führt 1921 zur Auflösung des „Proletarischen Theaters.“

Ebenso wird der 1919 gegründete „Bund für proletarische Kultur“ von der KPD-Presse stark kritisiert.[10] Obwohl KPD-Mitglieder zu den Initiatoren des Bundes gehören, erscheint im KPD-Presseorgan „Freiheit“ eine vernichtende Kritik.

Aber auch Kritik an Stücken wie Tollers „Die Wandlung“ oder „Freiheit“ von Herbert Kranz, die in der KPD-Presse als gegenrevolutionär beschrieben werden, sind in diese Reihe einzufügen. Diese seien in ihrer Tendenz ‘bürgerlich’ und ‘pazifistisch’.[11]

Wichtig für die Fragestellung sind zudem die „Leitsätze zur Bildungsarbeit der KPD“ anlässlich der ersten Reichsbildungskonferenz 1922. Darin werden „proletarische Sport- und Gesangvereine, dramatische Klubs, Freidenker- u. Proletkultbestrebungen, freie Schulgesellschaften, Volksbühnen, proletarische Theater usw.“[12] als Leitlinien der Kulturpolitik vorgegeben. Es handelt sich dabei also „zunächst lediglich um den Zugriff auf bereits existente kulturelle, bzw. subkulturelle Zusammenhänge und nicht um eigene Konzeptionen.“[13]

Entwicklung des Sprechchores

Bereits 1922 kann man jedoch auch Tendenzen erkennen, die hin zu einer neuen Kultur führen sollen. Im Bereich des Sprechchores kann man bereits einen starken Einfluss der Partei erkennen. Der Wandel in der Kulturpolitik verläuft dabei parallel mit dem Beginn der wirtschaftlichen Stabilisierung der Republik. In den im Januar 1922 herausgegebenen „Leitsätzen zur Bildungsarbeit der KPD“ wird die Notwendigkeit eines kulturpolitischen Kampfes proklamiert.[14] Zetkins Vorkriegsposition scheint sich nun doch durchzusetzen: zum Zwecke der Gewinnung größerer Teile der Bevölkerung soll der bürgerlichen Kultur nun doch eine Arbeiterkultur entgegengesetzt werden. Vor allem der Sprechchor und generell das Theater soll dabei die bevorzugte Rolle spielen.

Von der bereits erwähnten, im Allgemeinen ‘kulturkonservativen’ Gertrud Alexander finden sich über den Sprechchor lobende Worte. Ihrer Meinung nach gebe er dem Proletariat die „Möglichkeit einer gefühlsmäßigen Präsentation des Kampfwillens; die individuelle Leistung eines Künstlers werde durch die kollektive Darbietungsform aufgehoben, was qualitativ eher dem Bewusstsein der Arbeiterklasse entspräche.“[15]

Der erste Sprechchor der Partei, der „Zentrale Sprechchor der KPD“, wird im Frühjahr 1922 gegründet. Die Form des Sprechchores war jedoch weder von der KPD erfunden worden noch wird er nur von „proletarisch-revolutionären“ Gruppen verwendet. Etwa im Stück „Der Moloch“ von Bruno Schönlank aus dem Jahre 1923 wird ebenfalls die Form des Sprechchores verwendet, hier sogar in ein Konzept des Bewegungssprechchores eingebettet. Und das, obwohl sowohl Schönlank als auch die Aufführung dem sozialdemokratischen Arbeitertheater zuzurechnen sind.[16]

Durch den Sprechchor erlangt die KPD nun nicht nur Einfluss auf die Zuschauer, sondern auch auf wichtige Autoren. Von Wangenheim und ab 1924 auch Piscator sind dafür sicherlich die bekanntesten Beispiele.

Erwin Piscator

Anhand der Person Erwin Piscators lässt sich die sich verändernde Sicht der KPD in Kulturfragen exemplarisch ablesen. Wurde er in den Anfangsjahren der Republik noch für sein Wirken im „Proletarischen Theater“ kritisiert, bekam er schon 1924 einen Parteiauftrag zu einer Propagandaveranstaltung anlässlich der Reichstagswahlen.[17] Diesen Auftrag kann man als Brückenschlag in die Zweite Phase der KPD-Kulturpolitik ansehen, die innerhalb der sich stabilisierenden wirtschaftlichen Verhältnisse einerseits die Arbeiterkorrespondentenbewegung[18] durchzusetzen sucht, und zum anderen beispielsweise im Bereich des Theaters nun auch eine eigene „klassenspezifische“ Kunst zulässt bzw. sie fördert.

Den Höhepunkt des Einflusses der KPD auf zumindest bestimmte Theatergruppen und Inszenierungen, man könnte auch sagen der Verbindung von Politik und Kunst, sind in der Anfangsphase der Republik Erwin Piscators Aufführungen „Roter Rummel“ 1924 und seine Inszenierung beim Parteitag 1925. Letztere Aufführung ist ein riesiges Massenspektakel, bei dem insgesamt mehr als 2000 Personen mitwirken. Die Organisation, also zum Beispiel das Zusammenbringen der vielen verschiedenen mitwirkenden Gruppen – die Schauspieler rekrutieren sich unter anderem aus dem Rotfrontkämpferbund, dem kommunistischen Sängerbund sowie proletarischen Sprechchören und Spielgemeinschaften – wird direkt von der Partei übernommen.[19]

„Oppositionelle“ Tendenzen

Der hier beschriebene Einfluss der Partei auf bestimmte Theatergruppen darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es im Bereich der linksgerichteten Kunst besonders in der Frühphase Tendenzen gegen die Parteilinie und auch parteikritische Werke gibt. Beispielsweise im 1924 verfassten Gedicht Oskar Kanehls unter dem Titel „Antreten zum Kommunismus“ wird der Ordnungswahn der Partei angegriffen. Nicht die Sipo (Sittenpolizei) oder Reichswehr  stellt nach Demonstration, Hungerrevolte und Arbeitslosigkeit die Ordnung wieder her, sondern die Genossen selbst.[20]

Eine Gruppe junger bürgerlicher Intellektueller, die sich dem Kommunismus immer weiter zuwendet, lehnt die Parteipositionen ab und verwirklicht sich in Formen wie „Spontaneismus und Massenaktion“[21]. Durch schnell auftretende Konflikte mit der KPD gründet die Gruppe um Wieland Herzfelde eigene Organisationen. Vor allem die KPD-Position der Bewahrung von Teilen des bürgerlichen Kulturerbes lehnt die Gruppe ab und wendet sich neben Spontaneismus auch dem russischen „Proletkult“ zu.[22]

Endphase der Weimarer Republik

Bestimmend für die Endphase der Republik ist eine zunehmende Institutionalisierung und Kontrolle der Partei über die verschiedenen Spielgemeinschaften und Bühnen. Und auch hier ist die Rolle der Partei – vor allem in der Selbstsicht – wichtig für die Kulturpolitik der KPD. Die Gründung des BPRS (Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller) 1928 fällt kurz vor die Weltwirtschaftskrise und soll bürgerliche, sich der KPD zugewandte Schriftsteller mit neu zu gewinnenden Arbeiterschriftstellern zusammenbringen.

In der Weltwirtschaftskrise wird durch den BPRS zudem die Vorgabe, Literatur nur für Proletarier zu schaffen, ausgeweitet, sodass nun auch die Mittelschicht für die Parolen der KPD gewonnen werden soll, was eine Ausweitung des Themenspektrums der Literatur über die des Arbeitskampfes hinaus bedeutet.[23]

Kontrolle über andere Kulturorganisationen

Jedoch kann man sogar bereits vor der Gründung des Bundes Tendenzen der Partei zur Kontrolle anderer Kulturorganisationen erkennen. Nicht nur dass auf dem Parteitag der KPD 1927 eine „Rote Kulturfront“ gegründet wird, die auf ein Zusammenwirken der KPD mit bereits bestehenden proletarischen Kulturorganisationen abzielen soll und aus der der BPRS quasi hervorgeht, sondern auch die seit den Anfangsjahren der Republik von der Sozialdemokratie kontrollierte Volksbühne wird seit 1926 immer mehr von der KPD unterwandert.[24] In diesen beiden Punkten, besonders in der „Roten Kulturfront“, kann man also eine Bewegung von der Partei aus zu bereits bestehenden Kultureinrichtungen hin erkennen. Zu der Frage nach der gegenseitigen Beeinflussung von Parteilinie und Kunst sind also bis jetzt verschiedene Aspekte deutlich geworden: Einerseits greift die Partei in manche Bereiche, wie im Fall des „Proletarischen Theaters“, aktiv in die Kulturszene ein und verändert diese aus ihren parteipolitischen Kulturvorstellungen heraus. Andererseits gibt es aber auch eine Bewegung hin zur Kontrolle oder zumindest zu einer institutionellen Einbindung von bestehenden Organisationen.

Bertolt Brecht

Die in dieser Arbeit beschriebenen Tendenzen treffen natürlich nicht auf alle Autoren zu. Bertolt Brecht beispielsweise kann man erst ab ca. 1927 als „Sozialisten“ bezeichnen (obwohl er beispielsweise von Thomas Mann schon viel früher als ein solcher bezeichnet wird), und selbst in den letzten Jahren der Republik kann man ihn nie auf die Parteilinie beschränken. Er ist weder Parteimitglied noch im BPRS aktiv. Dennoch ist sein Theater für die zu untersuchende Gruppe eminent wichtig. Nicht nur dass beispielsweise sein Stück „Die Maßnahme“ 1930 vom „Arbeiterchor Groß-Berlin“, also einer Laienspielgruppe uraufgeführt wird, sondern auch sein theoretisches Konzept des Epischen Theaters, dessen Elemente auch in vielen anderen linken Theatergruppen und Inszenierungen zu finden sind, bezeugen seine Rolle im „linken“ Kulturleben der Weimarer Republik. Brechts Werke in der Spätphase der Weimarer Republik lassen zwar eine starke Hinwendung zur kommunistischen Propaganda erkennen, dennoch ist Brecht vor allem an der Umsetzung seiner theoretischen Überlegungen und seines Konzeptes des Epischen Theaters gelegen.

Johannes R. Becher und die Kulturpolitik der KPD in der Endphase der Republik

Klare Richtungsweisungen zur Art und Weise der neu zu schaffenden „proletarisch-revolutionären“ Kunst finden sich unter anderem in „Die Linkskurve“, der Zeitschrift des BPRS, die sich bis zum Ende ihres Bestehens 1932 zum zentralen kulturpolitischen Organ der KPD entwickelt.

In einem Beitrag darin unter dem Titel „Unsere Front“ macht Johannes R. Becher seine Ansichten der proletarischen Kultur deutlich. Der Aufsatz betont durch den Titel sowie die durchgehaltene Wir-Form die Einheit und Geschlossenheit der proletarischen Klasse und auch Literatur und stellt die proletarisch-revolutionäre Literatur als Kampfmittel gegen die bürgerliche Klasse und gegen den Kapitalismus dar. Besonders betont er die Abgrenzung zur bürgerlichen Literatur, die die „Tatsachen“ als „Schicksal beschwatze“ und darauf verzichte, „Geschichte mitzuschaffen.“

Die neue proletarische Literatur dagegen singe „Klassenliebe und Klassenhaß. Sie marschiert mit unter der Parole ‘Krieg dem Krieg!’“.

Der Aufsatz steht beispielhaft für die Kulturpolitik der KPD gegen Ende der Weimarer Republik: Die anfangs beschriebene Ansicht, klassenspezifische Kunst sei im Kapitalismus abzulehnen oder die kulturkonservativen Ansichten etwa Gertrud Steins zur Bewahrung des bürgerlichen Kulturerbes sind nun ersetzt durch eine Absage an bürgerliche Kunst und durch die Propagierung der Einbindung von Kunst in den Klassenkampf und die revolutionären Bemühungen. Nicht umsonst endet der Artikel mit den Worten „UdSSR funkt die rote Melodie der Welt.“[25]

Auf die Theaterebene bezogen betont er durch den Anspruch an Realismus, die Negierung des Schicksals und die Absage an „Maskeraden“ und andere Verklärungen sowie durch den Aufruf zur Tat durch die Mittel der Kunst die Richtlinien des Agitprop, des propagandistischen Theaters und letztendlich auch des Epischen Theaters Bertolt Brechts.

Die Tendenzen des Artikels machen den Anspruch der Partei in der Endphase der Republik deutlich. Nicht nur dass nun eine eigene proletarische Kunst gewollt ist, sie ist von der Parteiseite aus – Becher hatte innerhalb der KPD, vor allem in Fragen der Kultur, eine wichtige Rolle inne – die einzige akzeptierte Kunst im Sinne des Klassenkampfes und stellt somit ein Bestreben zur Kontrolle oder zumindest Einflussnahme dar sowie den Wunsch, die normsetzende Rolle in der proletarischen Kunst zu sein – entgegen beispielsweise dem anfangs erwähnten, in der Vorkriegs-SPD einflussreichen Kurt Eisner, der für eine Freiheit der Kulturschaffenden und ihrer Ausdrucksformen plädiert. Diese kontrollierenden Bestrebungen werden auch in den Zielen des BPRS deutlich, der durch Anwerbung und Schulung potentieller Arbeiterschriftsteller Einfluss vor allem in den noch nicht etablierten Kulturkreisen erlangen möchte.[26]

Einfluss auf Agitprop-Bewegung

Im Bereich des Theaters wird dies 1928 deutlich, als sich die Zentrale der KPD Einfluss auf die Agitprop-Bewegung sichert. Die Agitprop-Bewegung existiert seit den frühen 20er Jahren, erfolgreich und massenwirksam wird das Konzept jedoch erst unter Anleitung der KPD 1926/27.[27]

Dies reiht sich in die anderen Beobachtungen ein, nämlich dass die Partei in organisatorischen Fragen in der kommunistischen Kunstszene großen Einfluss besaß, jedoch im Theaterbereich eher wenig bis gar keine künstlerischen Vorgaben schuf.

Durch Unterwanderung und Reorganisation des „Deutschen Abeitertheaterbundes“ (DAThB) erlangt die Partei in der von ihr zum „Arbeiter-Theater-Bund Deutschlands“ (ATBD) umbenannten Organisation die Kontrolle oder zumindest Einfluss auf wichtige Agitproptruppen. Zusammen mit dem „Internationalen Arbeiter-Theater-Bund“ in Moskau werden auf gemeinsamen Konferenzen wichtige Beschlüsse zur Agitprop-Bewegung gefasst. Auch durch Schulungen und Wettbewerbe soll die Bewegung gestärkt werden.[28]

Auf die dieser Arbeit zugrundeliegende Fragestellung bezogen heißt das, die Partei versucht in der Spätphase der Republik einerseits, durch Stellungnahmen wie die Bechers eine klare Leitlinie in der Arbeiterkultur vorzugeben, verschafft sich andererseits aber auch Einfluss auf bereits bestehende Kultureinrichtungen, etwa im zuletzt beschriebenen Fall der Zusammenfassung der Agitproptruppen.

Nun bleibt jedoch die Frage, wie stark der Einfluss der Parteivorgaben auf die Literatur bzw. die Literaturschaffenden war. Anders gefragt, ob sich die Leitlinien wie die Bechers nicht doch in die bereits bestehende Tendenz des klassenbewussten Schreibens einbetten und somit nur mit dem Strom der Zeit schwimmen und sich trotzdem stilschaffend gebärden.

Der Einfluss der Partei bzw. der Parteilinien auf einzelne Schriftsteller ist schwer auszumachen. Neben der organisatorischen Unterstützung für manche Bereiche der Kultur ist hier vor allem die Schulung bzw. Ausbildung von Arbeiterschriftstellern im BPRS wichtig. Im Fall der Agitpropbewegung kann man feststellen, dass die Partei dieser durch ihre Unterstützung zum großen Erfolg verhilft, ebenso wie sie anderen Tendenzen durch Kritik oder ausbleibende organisatorische Unterstützung schadet. Von der Parteilinie weitgehend unabhängig agieren literarische Größen wie Bertolt Brecht, der zwar mit seinen Lehrstücken klar zum kommunistischen Theater tendiert, jedoch nie Parteimitglied ist.

Allein die zunehmende Zahl an Publikationen und auch Bühnen gegen Ende der Weimarer Republik macht eine macht eine komplette Kontrolle der Partei über alle linksgerichteten Theater- und allgemein Kunstprojekte unmöglich.

Fazit

Festzuhalten ist, dass die Partei in organisatorischen Fragen durchaus Einfluss auf die Literatur-, besonders auf die Theaterszene hatte, nicht nur im Bereich der Theaterorganisationen, sondern auch in der Anwerbung und Schulung von Arbeiterschriftstellern im BPRS. Deutlich wird dies am Beispiel des „Proletarischen Theaters“, das durch die Bekämpfung durch die KPD untergeht.

Im künstlerischen Bereich kann man dies nicht so stark beobachten, hier schwimmt die Partei mehr mit dem Strom, als dass sie tatsächlich künstlerische Akzente setzt. Beispiele sind die Agitprop-Truppen, die zwar erst durch die organisatorische Hilfe der Partei zu ihrem großem Erfolg gelangen, jedoch auch – sogar in der SPD, man denke an Bruno Schönlank – schon vor der Inanspruchnahme der KPD existieren.

Und natürlich gibt es neben den Parteipositionen auch immer abweichende Meinungen und Organisationen wie jener erwähnte Kreis junger Intellektueller in den Anfangsjahren der Republik oder die großen Namen der Literaturszene, die ebenfalls dem linken (Brecht oder auch Tucholsky) oder einfach dem gesellschaftskritischen Spektrum der Literatur angehörten.

Primärquellen

Alfred Döblin: Katastrophe in einer Linkskurve. In: Das Tagebuch 11 (2. Mai 1930) H. 18

Kurst Eisner: Der sozialistische Staat und der Künstler. In: „Die Republik 2, Nr. 17, 17. Januar 1919

Johannes R. Becher: Unsere Front. In: Die Linkskurve 1 (Agugust 1929), Nr. 1

Alle Primärquellen nachzulesen in: Weimarer Republik. Manifeste und Dokumente zur deutschen Literatur 1918-1933, hrsg. Von Anton Kaes, Stuttgart 1983

Sekundärquellen

Bendel, Oliver: Das revolutionäre Arbeitertheater der Weimarer Zeit. Theater als Instrument kommunistischer Propaganda, Konstanz 2004

Burns, Rob: Theorie und Organisation der proletarisch-revolutionären Literatur in der Weimarer Republik, In: Bullivant, Keith (Hrsg.): Das literarische Leben in der Weimarer Republik, Königstein/Ts., 1978

Hartung, Günter: Der Dichter Bertolt Brecht: zwölf Studien, Leipzig 2004

Hein, Anna Elisabeth; Hein, Peter Urlich: Kunstpolitische Konzepte der deutschen Arbeiterbewegung. Eine Darstellung am Beispiel von Literatur und Theater, Münster 1983

Safranski, Rüdiger; Fähnders, Walter: Proletarisch-revolutionäre Literatur. In: Literatur der Weimarer Republik 1918-1933. Herausgegeben von Bernhard Weyergraf, München 1995

Stieg, Gerald: Das Arbeitertheater in der Weimarer Republik, In: Stieg, Gerald/Witte, Bernd: Abriß einer Geschichte der deutschen Arbeiterliteratur, Stuttgart 1977

[1]Zitiert nach: Johannes R. Becher: Unsere Front. In: Die Linkskurve 1 (Agugust 1929), Nr. 1, S. 1-3. Der Artikel findet sich auch in: Weimarer Republik. Manifeste und Dokumente zur deutschen Literatur 1918-1933, hrsg. Von Anton Kaes, Stuttgart 1983, S. 610

[2]Alfred Döblin: Katastrophe in einer Linkskurve. In: Das Tagebuch 11 (2. Mai 1930) H. 18, S. 694-698

[3]Burns, Rob: Theorie und Organisation der proletarisch-revolutionären Literatur in der Weimarer Republik, In: Bullivant, Keith (Hrsg.): Das literarische Leben in der Weimarer Republik, Königstein/Ts., 1978, S. 224

[4]Burns: Theorie und Organisation, S. 222

[5]Auch ein 1905 in Russland veröffentlichter Aufsatz Lenins mit dem Titel „Partei und Proletariat“, der eine der klarsten Formulierungen der Notwendigkeit und der Bedingungen einer proletarischen Literatur darstellt, ändert diese Haltung anfangs nicht. Dies könnte auch daran liegen, dass der Aufsatz erst 1924 übersetzt und in Deutschland publiziert wurde; nachzulesen in: Burns: Theorie und Organsiation, S. 223

[6]Safranski, Rüdiger; Fähnders, Walter: Proletarisch-revolutionäre Literatur. In: Literatur der Weimarer Republik 1918-1933. Herausgegeben von Bernhard Weyergraf, München 1995, S. 184

[7]Wörtlich heißt es darin: „Der Staat kann dem Bürger nichts anders raten, als dass er frei und unabhängig seinem innersten Triebe folgt, und das ist die größte Förderung, die der Staat der Kunst angedeihen lassen kann: dass er dem Künstler die vollkommene Freiheit seiner künstlerischen Betätigung gibt.“. Die zitierte Schrift „Der sozialistische Staat und der Künstler“ erschien in: „Die Republik 2, Nr. 17, 17. Januar 1919, S. 1-2

[8]Bendel, Oliver: Das revolutionäre Arbeitertheater der Weimarer Zeit. Theater als Instrument kommunistischer Propaganda, Konstanz 2004, S. 14

[9]In der Kritik heißt es wörtlich: „Im Programm steht […] dies solle keine Kunst sein, sondern Propaganda. Man wolle die proletarische, kommunistische Idee auf der Bühne zum Ausdruck bringen, um propagandistisch und erzieherisch zu wirken. Man will nicht „Kunst genießen“. Dazu ist zu sagen: Dann wähle man nicht den Namen Theater, sondern nenne das Kind bei seinem rechten Namen: Propaganda. Der Name Theater verpflichtet zu Kunst, zu künstlerischer Leistung! […] Kunst ist eine zu heilige Sache, als daß sie ihren Namen für Propagandamachwerk hergeben dürfte! […] Was der Arbeiter heute braucht, ist eine starke Kunst […] solche Kunst kann auch bürgerlichen Ursprungs sein, nur sei es Kunst.“ Nachzulesen in: Bendel: Das revolutionäre Arbeitertheater, S. 21

[10]Safranski; Fähnders: Proletarisch-revolutionäre Literatur, S. 179

[11]Hein, Anna Elisabeth; Hein, Peter Urlich: Kunstpolitische Konzepte der deutschen Arbeiterbewegung. Eine Darstellung am Beispiel von Literatur und Theater, Münster 1983, S. 40

[12]Hein: Kunstpolitische Konzepte, S. 40

[13]Ebd., S. 40

[14]Bendel: Das revolutionäre Arbeitertheater, S. 24

[15]Hein: Kunstpolitische Konzepte, S. 39f.

[16]Stieg, Gerald: Das Arbeitertheater in der Weimarer Republik, In: Stieg, Gerald/Witte, Bernd: Abriß einer Geschichte der deutschen Arbeiterliteratur, Stuttgart 1977 , S. 100

[17]Nach: Bendel: Das revolutionäre Arbeitertheater, S. 37

[18]Diese Bewegung stellt den Versuch dar, Arbeitern die Möglichkeit zu geben, selbst journalistisch tätig zu werden und ist verbunden mit der allgemeinen Parteistrategie, sich in „Betriebszellen“ umzuorganisieren

[19]Stieg: Das Arbeitertheater in der Weimarer Republik, S. 110

[20]Nachzulesen in: Safranski; Fähnders: Proletarisch-revolutionäre Literatur, S. 189

[21]Burns: Theorie und Organisation, S. 225f.

[22]Burns: Theorie und Organisation, S. 225f.

[23]Burns: Theorie und Organisation, S. 236

[24]Stieg: Das Arbeitertheater in der Weimarer Republik, S. Ca. 99

[25]Zitiert nach: Johannes R. Becher: Unsere Front. In: Die Linkskurve 1 (Agugust 1929), Nr. 1, S. 1-3. Der Artikel findet sich auch in: Weimarer Republik. Manifeste und Dokumente zur deutschen Literatur 1918-1933, hrsg. Von Anton Kaes, Stuttgart 1983, S. 610

[26]Burns: Theorie und Organisation, S. 227f.

[27]Hartung, Günter: Der Dichter Bertolt Brecht: zwölf Studien, Leipzig 2004, S. 138

[28]Bendel: Das revolutionäre Arbeitertheater, S. 67f.

Der Weg zum “normalen” Staat. Die Außenpolitik der UdSSR vor dem Hitler-Stalin-Pakt

„Doch alles verblasste und wurde ausgelöscht vor dem Eindrucke eines winzigen Viadukts in der Tiefe, der sich über den Schienenstrang Leningrad-Reval plötzlich auf freier Strecke erhob: die Triumphpforte des roten Erdteils, das Tor, das die zwei Welten auf diesem Planeten trennt. Es durchzuckte das Schiff wie ein elektrischer Schlag, die einen mit Freude, die andern mit Haß. […] Die Grenze – jene unsichtbare Linie, die deutlicher als der Äquator, unseren Planeten in zwei Hälften teilt, zog auch durch das Schiff.“[1] Dieser Auszug aus dem Bericht des Journalisten Arthur Koestler von der 1931 mit einem deutschen Luftschiff durchgeführten Expedition in die sowjetische Arktis vermittelt die – mehr ideologische als geographische – Entfernung zwischen der UdSSR und dem kapitalistischen Rest der Welt zu Beginn der 30er Jahre.

Die Überbrückung dieser Schlucht, die Annäherung an das kapitalistische Ausland, das Drängen in das internationale Gefüge, die Errichtung eines Sicherheitssystems, das den ersten sozialistischen Staat der Geschichte vor einem gemeinsamen antikommunistischen Kreuzzug der kapitalistischen Staaten schützen sollte, also all jene Ziele der sowjetischen Außenpolitik in den 30er Jahren bis zum vieldiskutierten Hitler-Stalin-Pakt, sind jedoch undenkbar ohne die Etablierung und Selbstdarstellung der UdSSR als Staat unter Staaten. Wie die Polarforscher bei ihrem Zwischenstopp in Leningrad mit militärischen Ehren empfangen wurden, so sollten nun auch Botschafter und Politiker aus dem Ausland im Staate der Weltrevolution empfangen werden. Die Weltrevolution wurde aufgeschoben, diplomatische Kontakte geknüpft und schließlich erfolgte 1934 der Eintritt in den Völkerbund, der zunächst größte Erfolg des neuen Außenkommissars Litvinov. Zwar zerbrach der anschließend geschlossene Pakt mit Frankreich und der Tschechoslowakei durch die Appeasement-Politik Frankreichs im Münchner Abkommen, jedoch konnte sich die Sowjetunion bis zum Beginn der deutschen Aggression in den Jahren 1938/39 erfolgreich in das internationale System einfügen.

Im Rahmen dieser Arbeit soll die sowjetische Außenpolitik dieser Zeit unter dem Gesichtspunkt der Etablierung der UdSSR als in außenpolitischer Hinsicht den westlichen kapitalistischen Nationen angeglichener Staat betrachtet werden. Nach der für das Verständnis der sowjetischen Außenpolitik überaus wichtigen Darstellung von Stalins Staats-und Revolutionsverständnisses, dem sogenannten Konzept des „Sozialismus in einem Land“ sollen auf diese Weise zum einen einige der wichtigsten Ereignisse wie der bereits erwähnte Eintritt in den Völkerbund und das Bündnis mit Frankreich betrachtet werden. Zum anderen sollen auch allgemeine Tendenzen wie die Selbstdarstellung der UdSSR im Völkerbund sowie die Politik der Komintern und der außenpolitische Gehalt der neuen „Stalin“-Verfassung von 1936 analysiert werden, um zum Schluss einen Ausblick auf das Ende des maßgeblich durch Litvinov geschaffenen „Systems der kollektiven Sicherheit“ zu geben und kurz die verschiedenen Forschungsthesen um das Münchner Abkommen 1938 und vor allem den Hitler-Stalin-Pakt 1939 zu geben.

Die Zielsetzung dieser Arbeit ist also, die Außenpolitik des ersten sozialistischen Staates unter dem Gesichtspunkt zu analysieren, wie sich dieser immer weiter fortbewegte vom Ziel der Weltrevolution und zu einem etablierten Staat im internationalen Gefüge wurde, der sich lediglich durch seine innere Struktur und seine Staatsideologie von anderen Großmächten unterschied. Dieser Fokus liefert eine neue Sichtweise auf die beschriebene Epoche der sowjetischen Außenpolitik und ergänzt somit die bisherige Forschung, die sich vor allem mit der Zielsetzung der stalin’schen Außenpolitik sowie deren inneren Strukturen beschäftigt, um eine neue Perspektive.

Vorgeschichte

Auch wenn die Anfänge der sowjetischen Außenpolitik in den 20er Jahren nicht mehr in den in dieser Arbeit betrachteten Zeitraum fallen, so ist es doch sinnvoll, in einigen wenigen Sätzen zwar nicht die Ausgangslage der sowjetischen Politik, doch zumindest die für das Thema der Arbeit wichtigen Aspekte zu umreißen. Diese sind vor allem die diplomatische bzw. völkerrechtliche Anerkennung der Sowjetunion als Staat bzw. der Bolschewiki als rechtmäßige Regierung und das Litvinov-Protokoll, also das vorläufige Inkrafttreten des Briand-Kellog-Paktes zwischen der UdSSR und seinen europäischen Nachbarstaaten als ersten Schritt zu einer Eingliederung in das Staatengefüge.

Die diplomatische Anerkennung

Spätestens nach dem Scheitern des Aufstandes der KPD im deutschen Reich im Jahre 1923, dem ‚deutschen Oktober‘, stand die Führung der Bolschewiki vor einem scheinbar unlösbaren Problem: in keinem anderen Staat der Welt[2] hatten Kommunisten die Macht erringen können, die von Marx beschworene Weltrevolution hatte nur in Russland gesiegt, ausgerechnet im unindustrialisiertesten und deshalb laut Marx dafür ungeeignetsten aller europäischer Staaten[3]. Nach dem Scheitern der Revolution in Deutschland 1918/19, auf der die größten Hoffnungen gelegen hatten, nahmen die Bolschewiki zu ebenjenem Staat Kontakt auf, allerdings nicht wie erhofft mit ihren deutschen Genossen, sondern mit einer bürgerlichen Regierung. Der 1922, also ein Jahr vor dem vorerst letzten Revolutionsversuch, abgeschlossene Vertrag von Rapallo normalisierte die Beziehungen zwischen den beiden aus dem Völkerbund ausgeschlossenen und international isolierten Staaten.[4]

Da 1923 für die Bolschewiki die erhoffte Weltrevolution vorerst weit entfernt schien, musste ein Ausweg aus dem dauerhaften Dilemma gesucht werden. „Ein modus vivendi musste deshalb gefunden werden, der es unter diesen Umständen ermöglichte, dauerhaft ein Nebeneinander von sozialistischem und kapitalistischem System, eine Art ‚friedliche Koexistenz‘, zu gewährleisten.“[5] Der Schlüssel dazu war die Aufnahme von diplomatischen Beziehungen mit Großbritannien im Jahre 1924, was eine ganze Folge von Anerkennungen anderer Staaten zur Folge hatte.[6]

Die Aufnahme von diplomatischen Beziehungen war nicht allein aufgrund der damit verbundenen Aufhebung der internationalen Isolierung von Nutzen, sondern diente vor allem der wirtschaftlichen Entspannung und schaffte einen Zugang zu den für die Neuordnung der Wirtschaft im Rahmen der NEP (=Neue Ökonomische Politik) nötigen Waren.[7]

Während diese Wirtschaftsbeziehungen weiter ausgebaut wurden, kam es im Laufe der 20er Jahre zu immer größeren Spannungen zwischen der UdSSR und den westlichen Mächten, was schließlich nach Schauprozessen gegen britische Spezialisten in der UdSSR 1927 zum vorläufigen Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit London durch die konservative britische Regierung führte.[8]

Die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen mit London 1929 war vor allem durch die sowjetische Industrialisierung und die Weltwirtschaftskrise begründet. Die britische Verhandlungsseite sah sich bereit, Stalins Forderung nach einer sofortigen Wiederanerkennung nachzugeben und angesichts der Lage der eigenen Wirtschaft in der Krise[9] über das noch immer ungeklärte Schuldenproblem zwischen den beiden Staaten[10] hinwegzusehen. Die diplomatischen wie wirtschaftlichen Beziehungen mit der UdSSR wurden also wiederaufgenommen, was von deren Seite her wie gesagt vor allem unter dem Gesichtspunkt der Industrialisierung und der dafür benötigten westlichen Güter und Investitionen vorangetrieben wurde.[11] Die Beziehungen zwischen den beiden Staaten blieben dennoch überaus angespannt, was ein Vorfall im Jahre 1933 zeigt, als mehrere britische Angestellte von Metro-Vickers in der UdSSR festgenommen und der Spionage und Sabotage angeklagt wurden, was eine neue anti-sowjetische Kampagne in Großbritannien hervorrief und ein Handelsembargo gegen sowjetische Güter zur Folge hatte.[12]

Die wichtigste nun noch fehlende Anerkennung, nämlich durch die USA, erfolgte 1933 und stellte einen der größten diplomatischen Erfolge des sowjetischen Außenkommissars Litvinov und des NKID[13] dar[14]. Jedoch dauerten die guten Beziehungen nicht lange an, und auch der von amerikanischer Seite erhoffte Export-Boom in die UdSSR, für den eigens die Export-Import-Bank gegründet worden war, blieb aus.[15]

Der erste und in gewisser Weise damit wichtigste Schritt hin zur Etablierung der UdSSR als „Staat unter Staaten“ und zu ihrer Einführung in das internationale Mächtesystem, die diplomatische Anerkennung als Nachfolgestaat des Zarenreiches, war also einerseits stark von Wirtschaftsinteressen dominiert, was die schlechten Beziehungen zu London, aber auch Washington zeigen, und löste in gewisser Weise das Grundproblem der russischen Kommunisten nach dem Scheitern der Revolution vor allem in Deutschland, indem sie dem ersten und vorerst einzigen sozialistischen Staat der Erde die Möglichkeit bot, in einen ‚modus vivendi‘ mit den kapitalistischen Staaten einzutreten.

Das Litvinov-Protokoll

Das 1929 von der UdSSR, Polen, Rumänien, Lettland, Estland, etwas später auch von Litauen und der Türkei unterzeichnete Abkommen, das den Verzicht auf Gewalt in zwischenstaatlichen Konflikten bedeutete, kann als erster Schritt hin zu Litvinovs „System der kollektiven Sicherheit“ gesehen werden und wird stets als sein erster großer Erfolg angesehen. Ohne auf die genauen Hintergründe des Vertrages einzugehen, wie dies beim Eintritt in den Völkerbund gemacht werden wird, liefert der Vertrag doch ein bedeutendes Ergebnis für diese Arbeit.

Wichtig im Zusammenhang mit diesem Pakt ist die viel beschriebene Kriegsangst Stalins und generell großer Teile der Parteiführung am Ende der 20er Jahre. Ein Vertrag mit den europäischen Nachbarstaaten zum gegenseitigen Gewaltverzicht kann somit als Reaktion auf die Angst vor der Einkreisung und einem antikommunistischen Kreuzzug gesehen werden.[16]

Die Initiative des neuen Außenkommissars Litvinovs[17] zum vorläufigen Inkrafttreten des Briand-Kellogg-Paktes ist nicht nur von sicherheitspolitischer Relevanz, sondern stellt auch den ersten Kontakt mit Rumänien und Polen, also den Staaten des französischen Bündnissystems her. Mit Rumänien bestanden vormals keine diplomatischen Beziehungen aufgrund der ungelösten Bessarabien-Frage, und damit war auch der Kontakt zur „Kleinen Entente“ (Rumänien, Tschechoslowakei und Jugoslawien) zuvor unmöglich gewesen. Litvinovs Verdienst besteht also nicht nur in der Etablierung eines Sicherheitssystems, sondern auch in der Durchbrechung der internationalen Isolierung und einem ersten Schritt in Richtung des späteren Paktes mit Frankreich und der Tschechoslowakei, denn man hatte in Moskau eingesehen, „dass der Weg nach Warschau [als damaligem Hauptziel der europäischen Sicherheitspolitik der UdSSR] zu jener Zeit noch über Paris führen musste.“[18]

Dem Abschluss des Litvinov-Protokolls folgten die Paraphierung eines Nichtangriffspaktes mit Frankreich im August 1931 und anschließend die gewünschten Nichtangriffspakte mit Finnland, Estland und vor allem mit Polen. Mit der Unterzeichnung des Nichtangriffspaktes mit Frankreich 1932 wurde ein „Frontwechsel zu einer antirevisionistischen Politik vollzogen und eine neue internationale Konstellation in Mitteleuropa vorbereitet.“[19]

Entscheidend für das Thema der Arbeit sind vor allem zwei Punkte: die Initiative für das Litvinov-Protokoll und die Nichtangriffspakte gingen von sowjetischer Seite aus und zeigen somit das Bedürfnis nach Sicherheit des sowjetischen Staates als vordergründiges außenpolitisches Ziel. Zudem kommt es zu einer Akzeptanz des vorher so verhassten Versailler Systems, zu einer Annäherung an die Staaten des „Cordon Sanitaire“ und damit letztlich auch an Frankreich, also dem späteren Partner von 1935.

Das Konzept des „Sozialismus in einem Land“

Die Idee bzw. das Konzept des „Sozialismus in einem Land“ existiert offiziell zwar erst ab 1926, jedoch beschreibt es Stalins Vorstellungen bereits vor dem Tode Lenins recht gut. Bereits 1924 hatte er diesen Gedanken zum ersten Mal formuliert. Isaac Deutscher stellt den Prozess der Entwicklung dieser Theorie in seiner Stalin-Biographie jedoch als reine Abgrenzung zu Trockijs Konzept der „Permanenten Revolution“ und Stalin als in dieser Frage im Grunde zunächst unentschlossen dar, was sich in einer Broschüre Stalins noch Anfang 1924 zeige, in der er feststelle, „dass das Proletariat zwar in einem bestimmten Lande die Macht an sich reißen könne, dass es aber keine sozialistische Wirtschaft in diesem eigenen Lande schaffen könne.“[20] Der Umschwung hin zum Konzept des „Sozialismus in einem Land“ bedeutete also die angestrebte Verwirklichung des Ziels der sozialistischen Wirtschaft als Wirtschaft des Überflusses durch eine Industrialisierung innerhalb der UdSSR, die für Stalin aufgrund der Kontrolle der proletarischen Regierung über Industrie und Banken und die natürlichen Reserven des Landes möglich sei. Da Marx‘ Analysen sich in der Praxis nicht bewahrheiteten, die Revolution setze sich in den fortschrittlichsten und am weitesten industrialisierten Staaten durch und ermögliche durch die Nutzung dieser Industrie durch eine proletarische Herrschaft den Kommunismus, mussten diese Voraussetzungen eben nun mit eigenen Anstrengungen geschaffen werden.[21]

In einer Rede vom 9. Juni 1925 schließlich spricht Stalin über die Möglichkeit des Aufbaus des Sozialismus in einem Lande. Darin stellt er den Aufbau des Sozialismus in der UdSSR nicht nur als durchführbar, sondern als „notwendig und unausbleiblich“ dar. Zwar gesteht er zu, dass der bereits angelaufene sozialistische Aufbau durch den „Sieg des Sozialismus im Westen“ erleichtert würde, jedoch werde dieser Sieg nicht so schnell erreicht. Der Erfolg der Errichtung einer sozialistischen Wirtschaft hänge dabei von der „Stärke bzw. Schwäche unserer Feinde und unserer Freunde außerhalb unseres Landes ab.“ Nur wenn die „Periode der ‚Atempause‘“ verlängert werden könne und es zu keiner Intervention komme bzw. diese erfolgreich abgewehrt werden könne, könne das Projekt Erfolg haben.“[22]

Das Verwerfen von Trockijs Konzept der „permanenten Revolution“ und der Fokus auf den wirtschaftlichen Aufbau ist nicht nur für das weitere Selbstverständnis des ersten sozialistischen Staates als ‚sowjetischer Nationalstaat‘ mit einer vorerst nicht auf Weltrevolution, sondern auf Konsolidierung ausgerichteten Außenpolitik immanent, sondern bildet auch die Grundlage für die Eingliederung der UdSSR in die internationale Staatengemeinschaft. Zwar schwor auch Stalin dem Endziel der Weltrevolution nicht ab, und durch die Komintern und die Kontakte zu den KP anderer Staaten besaß die sowjetische Außenpolitik in den 30er Jahren trotzdem noch eine internationalistische Komponente, jedoch ermöglichte die neue Zielsetzung, – nicht zuletzt durch die Botschaft, die die neue Losung an die kapitalistischen Staaten sandte – den Kontakt mit im Grunde genommen feindlichen Staaten aufzunehmen und schuf dadurch auch die Voraussetzung für die unter anderem von Stalin in seiner Rede geforderte „Atempause“.

Mit dem Konzept des „Sozialismus in einem Land“ sind aber wie oben dargestellt nicht nur die Aufschiebung der Revolution und die Ausrichtung der sowjetischen Außenpolitik verbunden, sondern vor allem die gewaltigen inneren Umwälzungen, die sogenannte „Revolution von oben“. Konkret sind damit also die Kollektivierung der Landwirtschaft und die Industrialisierung gemeint, die im Rahmen des ersten Fünf-Jahresplans vorangetrieben wurden und eng verbunden waren mit den Repressionen gegen die sowjetische Bevölkerung. Letztendlich festigten diese Maßnahmen, der sowjetische ‚große Sprung nach vorne‘, nicht nur Stalins Macht, sondern auch die des sowjetischen Staates insgesamt, festigen somit auch das Konzept des sowjetischen ‚Nationalstaates‘ und ermöglichen die spätere Hegemonie über die anderen Staaten des Warschauer Paktes.

Der Eintritt in den Völkerbund

Ziele und Konzeption des Eintritts in den Völkerbund

Zunächst soll nun der Frage nachgegangen werden, welche Ziele hinter dem Eintritt in den Völkerbund standen und somit ein erster Entwurf der Zielsetzung bzw. der Konzeption der sowjetischen Sicherheitspolitik ausgearbeitet werden, der im folgenden Kapitel über den Pakt mit Frankreich, erweitert werden soll.

Jonathan Haslam betont in seiner Analyse des sowjetischen Bestrebens nach einem System der kollektiven Sicherheit in Europa in den 30er Jahren die sowjetische Kriegsangst als entscheidenden Faktor für den Eintritt in den Völkerbund.[23] Der Frieden war in seiner Lesart nicht allein Voraussetzung für das Fortbestehen des sowjetischen Staates bzw. Systems insgesamt, sondern insbesondere für die Industrialisierung. Der erste Fünf-Jahresplan war zwar bis 1932 in nur vier Jahren vorläufig beendet worden, jedoch war dies erst der erste Schritt des Wandels vom Agrar- zum Industrieland, also einem der großen Ziele der stalin’schen Politik und wie bereits dargestellt ein wichtiger Teil der ‚Staatswerdung‘ im Zusammenhang mit dem Konzept des „Sozialismus in einem Land“. Da bis 1938 Probleme bei der Mobilisierung auftraten und die Industrialisierung im Bereich der Rüstung erst langsam Erfolge zeigte, wurde von Litvinov ein System propagiert, in dem durch gegenseitige Absicherung der Existenz des anderen, also Nichtangriffspakte mit anderen Staaten sowie eine Forcierung der internationalen Abrüstung, die Existenz der UdSSR als unabhängiger Staat gesichert werden könne.[24]

Die Annäherung an den Westen war in wirtschaftspolitischer Hinsicht jedoch nicht allein deshalb wichtig, weil somit der für die Industrialisierung notwendige Frieden länger aufrechterhalten werden konnte, sondern vor allem brauchte die sowjetische Wirtschaft Ausrüstung und Güter aus dem Westen, wofür die Weltwirtschaftskrise aus sowjetischer Sicht die Voraussetzung war.[25]

Neben der wirtschaftlichen Situation ist aber auch die internationale Situation bzw. das Mächtegerüst 1933/34 wichtig für das Verständnis der Beweggründe und Ziele des Eintritts in den Völkerbund bzw. das dahinter stehende sicherheitspolitische Konzept. Natürlich nimmt Deutschland hierbei eine Sonderrolle, wenn nicht gar die alles entscheidende Rolle ein. Die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler 1933 stellt ein einschneidendes Ereignis für die sowjetische Außen- und Sicherheitspolitik dar. Zwar betonte Hitler Anfang 1933 mehrmals, er wolle die Beziehungen zur UdSSR nicht verändern, jedoch wurde nach einigen Monaten das Ende der Rapallo-Beziehungen deutlich, worauf gleich näher eingegangen wird. Ein erstes Anzeichen hierfür stellen zum Beispiel die Übergriffe auf sowjetische Botschaften und Handelsvertretungen dar.[26]

Die Forschung liefert mehrere mehr oder weniger konträre Thesen bezüglich des deutsch-sowjetischen Verhältnisses nach 1933. Umstritten ist, wie stark die sowjetischen Bemühungen um eine Annäherung an Deutschland nach dem mehr oder weniger sichtbaren Bruch 1933 waren, der durch den Abschluss des deutsch-polnischen Nichtangriffspakts 1934 seinen deutlichsten Ausdruck fand.[27] Eine Reihe von westlichen Historikern widersprach der offiziellen sowjetischen Geschichtsschreibung, die in der sowjetischen Außenpolitik der 30er Jahre ein ernsthaftes und aufrechtes Vorgehen gegen die deutsche Aggression sahen. Aus Sicht dieser Historiker[28] „[…] the real foreign policy of the USSR is not to be found in the impassioned speeches of Litvinov at Geneva, but rather in the covert contacts with Berlin by Karl Radek, David Kandelaki, Sergei Bessonov and others. In this light, the Nazi-Soviet Pact is seen not as a regrettable alternative necessitated by the failure of the Collective Security campaign, but as the ultimate achievement of the real aim of that campaign.”[29]

Der eben zitierte Teddy Uldricks sieht das Verhältnis zu den faschistischen Staaten weder als Abwendung aus ideologischen Gründen noch als geheime Diplomatie zwecks der Vorbereitung eines gemeinsamen Paktes oder Bündnisses. Den oft nicht ganz eindeutigen Charakter der sowjetischen Außenpolitik der 30er Jahre macht er am Beispiel der Politik gegenüber Japan deutlich: „Soviet policy in that arena contained both measures of resistance to Japanese aggression and elements of appeasement of Tokyo. The USSR shipped considerable military aid to Nationalist China, but refused to sign a mutual assistance pact with Nanking; it massively reinforced the Sino-Soviet Border, but also sold the Chinese Eastern Railway to Japan.“[30] Aber auch im Falle Italiens widerlegt er einen konsequenten Antifaschismus der sowjetischen Politik, ebenso wie beim vorläufigen Ende der guten Beziehungen mit Deutschland, das nicht etwa in einer – moralisch bzw. ideologisch begründeten – Abwendung vom Nationalsozialismus begründet liegt, sondern in der Zurückweisung der sowjetischen Angebote durch Berlin. Die Autorisierung der neuen Strategie der „Kollektiven Sicherheit“ erfolgte demgemäß auch erst am 20. Dezember 1933.[31] Die bereits erwähnten Geheimkontakte und die damit verbundene Kritik an der traditionellen sowjetischen Deutung bzw. Geschichtsschreibung leugnet er zwar nicht, gewährt ihnen aber keinen so großen Stellenwert wie die oben erwähnten Historiker, vor allem aufgrund des gewaltigen personellen Unterschiedes: „The problem with this contention is that three unoffficial and tentative feelers [gemeint sind damit die Geheimkontakte Radeks, Kandelakis und Bessonovs mit Berlin] can scarcely tip the scales against the weight oft he Collective Security campaign pursued with vigour from late 1933 to 1939.“[32]

Ebenso wie ins Uldricks Analyse enden auch für den bereits mehrfach zitierten George Haslam die deutsch-sowjetischen Beziehungen 1933 vorerst und sind der Hauptgrund für die Hinwendung zum Westen: „Ultimately, and despite the oppostion aroused in Moscow at the mention of any dramatic change, it was growing German hostility that drove the USSR in a direction that many mistrusted.“[33] Das Ende der guten Beziehungen stellt in seiner Analyse eine Rede Hugenbergs auf der Weltwirtschafskonferenz am 14. Juni 1933 dar, bei der er deutschen Lebensraum im Osten und gleichzeitig ein Ende der Lebensbedingungen in der UdSSR forderte. Kurz darauf wird die am 20. Juni des Jahres verstorbene Clara Zetkin medienwirksam auf dem Roten Platz beigesetzt und die militärische Zusammenarbeit im Rahmen des Rapallo-Vertrages beendet.[34]

Das Ende der Rapallo-Politik ist für die sowjetische Außenpolitik von enormer Bedeutung. Von Lenin entworfen, stellte sie einen der Grundpfeiler der Außenpolitik bis zum Machtwechsel in Deutschland 1933 dar. Interessanterweise nimmt die Politik der beiden ehemaligen Rapallo-Partner bezüglich des internationalen Systems die genau entgegengesetzte Richtung an. Während Hitler 1933 aus dem Völkerbund austritt, entschließt sich die UdSSR dazu, die internationale Isolation zu durchbrechen und ins internationale Staatengefüge einzutreten.

Die Verhandlungen

Nachdem nun die Motive der sowjetischen Führung für einen Eintritt in den Völkerbund als wichtigstes Zeichen einer Annäherung an den Westen und eine Einbindung in das internationale Mächtesystem beschrieben wurden, ist es nun auch wichtig, die vorhergehenden Verhandlungen zu betrachten. Dabei fällt zunächst auf, dass die Aufnahme in den Völkerbund mit dem sowjetischen-französischen Pakt des Jahres 1935 parallel verläuft. Wie im folgenden Kapitel über diesen Pakt soll hier nun anhand einiger ausgewählter Quellen der Quellensammlung „Politbjuro ZK RKP(b) – BKP(b) i Evropa. Reschenie ‚osoboj papki‘ 1923-1939“, also einer Aktensammlung aus den Sondermappen des Politbüros, die Aufnahme in den Völkerbund näher beleuchtet werden, um so diesen für diese Arbeit eminenten Punkt besser zu verstehen.

Nachdem in den ersten Jahren nach 1930 vor allem die wirtschaftlichen Beziehungen mit England, Frankreich, Deutschland und Italien im Zusammenhang der beschriebenen Materiallieferungen und Investitionen für die sowjetische Industrialisierung die Politbürobeschlüsse zur Europapolitik dominieren, findet sich in diesen sogenannten „Sondermappen“ auch die Zustimmung zum schließlich gescheiterten Projekt eines „Pan-Europa“, also ein erster Versuch der Eingliederung in ein internationales System. Dieses Projekt ging vom französischen Außenminister Briand aus und war kurz ausgedrückt die Idee einer föderalen Vereinigung der europäischen Völkerbundsmitglieder. Obwohl die UdSSR und die Türkei somit von dem Projekt ausgeschlossen wurden, gab es einen deutsch-italienischen Vorschlag, diese beiden Nationen trotzdem in die Verhandlungen mitaufzunehmen.[35] Die sowjetische Führung stimmte der Teilnahme an der entsprechenden Kommission am 10. April 1931 zu.[36] Obwohl das Projekt letztendlich scheiterte, zeigt es doch die sowjetische Bereitschaft, nach dem Litvinov-Protokoll einer Einbindung in ein gesamteuropäisches System zuzustimmen, auch wenn hierbei die Initiative nicht von der sowjetischen Seite aus ging.

Wie bereits dargestellt, kann man die sowjetisch-französische Annäherung und die Aufnahme in den Völkerbund nicht voneinander trennen. Die beiden Seiten hatten bereits 1932 wie bereits erwähnt einen Nichtangriffspakt abgeschlossen und ab August 1933 regelte ein geheimes französisch-sowjetisches Protokoll die Wirtschaftsbeziehungen und erlaubte französische Kredite für den Ankauf französischer Industriegüter zum Zwecke der bereits erwähnten Industrialisierung sowie der Ankurbelung der krisengeschüttelten französischen Wirtschaft.[37] Die Zusammenarbeit erhält jedoch 1933 durch den Machtwechsel in Deutschland eine neue Qualität.

Davon zeugt ein Dokument vom 19. Dezember 1933, worin dem Polpred[38] in Frankreich, Valerian Saveljevič Dovgalevskij, Direktiven für die Antwort an den französischen Außenminister Paul-Boncour gegeben werden. Dieser hatte nach dem deutschen Völkerbundsaustritt im Oktober 1933 Dogalevskij über die Möglichkeit einer gemeinsamen Zusammenarbeit der beiden Staaten informiert. Die französische Seite bestand jedoch auf dem Abschluss eines Paktes im Rahmen des Völkerbundes.[39] Laut des Dokuments sollte Dovgalevskij der französischen Seite unter anderem mitteilen, die UdSSR sei einverstanden mit einer Aufnahme in den Völkerbund, mit dem Abschluss einer regionalen Vereinbarung über gegenseitige Verteidigung im Falle eines Angriffs Deutschlands und mit der Aufnahme von Belgien, Frankreich, der Tschechoslowakei, Polen, Litauen, Lettland, Estland und Finnland oder einiger dieser Staaten in diesen Pakt, aber auf jeden Fall von Frankreich und Polen. Außerdem sollten sich die Vertragsparteien unabhängig von den Bestimmungen der Abmachung verpflichten, sich gegenseitig diplomatisch, moralisch und wenn möglich materiell zu helfen bei einem Angriff, den der Vertrag nicht einschließt.[40] Am 18. September 1934 kam es dann schließlich zur offiziellen Aufnahme in den Völkerbund. Ein weiterer Schritt aus der Isolierung war gegangen.

Die Verbindung der beiden Punkte, dem Eintritt in den Völkerbund und dem Pakt mit Frankreich, macht ein Schreiben eines 1934 in der französischen Botschaft in der UdSSR arbeitenden Paillards[41] an Litvinov deutlich, in dem er ihn an die unauflösliche Verbindung der Aufnahme in den Völkerbund und der sich in Verhandlung befindenden Pakte erinnert.[42]

Deshalb soll im nächsten Kapitel diese Betrachtung fortgesetzt werden und anschließend ein gemeinsames Ergebnis in Bezug auf das Thema der Arbeit und die ihr zugrunde liegende These formuliert werden.

Die wichtigste Erkenntnis aus der Analyse des Eintritts in den Völkerbund ist wohl, dass die Aufnahme in den Völkerbund zwar den sowjetischen Sicherheitsinteressen diente und sie die auf Wirtschaftskontakte mit dem Westen basierende Industrialisierung – also das wohl wichtigste Projekt der Sowjetführung – sicherte, die Initiative zur Aufnahme in den Bund – also nicht mehr nur der Teilnahme von sowjetischen Vertretern bei Abrüstungsverhandlungen in Genf – von Frankreich aus ging, was wiederum nur aus dem Machtwechsel in Deutschland und dem damit verbundenen deutschen Austritt aus dem Völkerbund resultierte.

Bündnisse mit kapitalistischen Staaten

Freilich ist das Bündnis bzw. der Pakt mit Frankreich und der Tschechoslowakei von 1935 nicht die erste Annäherung an einen kapitalistischen Staat, denkt man an den Vertrag von Rapallo von 1922 mit dem Deutschen Reich, der die beiden „Außenseiter“ im internationalen System, die beiden aus dem Völkerbund ausgeschlossenen Staaten einander annäherte. Jedoch beschränkte sich dieser Vertrag auf die Normalisierung der gegenseitigen Beziehungen. Selbst wenn man die militärische Zusammenarbeit dazurechnet, die im Rahmen dieses Vertrages stattfand, gleicht dieser Vertrag nicht dem militärischen Pakt für gegenseitige Hilfe, der 1935 mit Frankreich abgeschlossen wurde. Dieser Pakt ist also ein Novum in der sowjetischen Geschichte und stellt somit auch nach dem Eintritt in den Völkerbund eine wichtige Kehrtwende dar: zum ersten Mal geht die kommunistische Sowjetunion ein militärisches Bündnis mit zwei kapitalistischen Staaten ein. Dies kann man als einen der wichtigsten Schritte hin zur Etablierung der UdSSR im internationalen System ansehen, da das Bündnis mit kapitalistischen Regierungen im Grunde aus revolutionärer Sicht einen Widerspruch darstellte. Nicht nur, dass die sowjetische Führung im Völkerbund und auf diplomatischem Wege Kontakt zu den kapitalistischen Staaten aufnahm, nun befand sie sich im offenen Bündnis mit diesen.

Zunächst soll die Vorgeschichte des Paktes betrachtet werden, die die Bemühungen der Sowjetregierung um ein festes sicherheitspolitisches Bündnis aufzeigt und schließlich das Ergebnis dieser Verhandlungen, der Pakt von 1935, betrachtet werden.

Das Projekt „Ostpakt“

Wie bereits bei der Analyse des Dokuments vom 19. Dezember 1933 deutlich wurde, war der Pakt mit Frankreich und der Tschechoslowakei, wie er 1935 abgeschlossen wurde, nicht als Pakt zwischen explizit diesen drei Staaten geplant gewesen, sondern entwickelte sich gewissermaßen aus Gesprächen bzw. Verhandlungen über einen Regionalpakt in Europa, die wie gesehen von 1933 bis 1935 andauerten.

Wichtig für die Analyse der sowjetisch-französischen Verhandlungen ist zunächst eine Rede Stalins auf dem 17. Parteikongress im Januar 1934, in der er sowohl eine Orientierung auf Deutschland als auch eine Orientierung auf Polen und Frankreich verneint. Die Orientierung in der Vergangenheit und in der Gegenwart liege allein auf der UdSSR. Noch am Tag der Rede bezeichnete die Direction politique des französischen Außenministeriums die Aussage, Paul-Boncour strebe einen Beistandspakt an, als falsch.[43] Dass Frankreich dennoch vorerst die einzig verbliebene Macht für ein Sicherheitsbündnis in Europa war, wurde nach der Zurückweisung eines sowjetischen Vorschlags der beiderseitigen deutsch-sowjetischen Erklärung der Unabhängigkeit der baltischen Staaten durch Berlin klar: „Having once more tested the water to see whether Rapallo could be resurrected in some form, the Russians recoiled from Berlin, aware that the French option was all that was now open to them.“[44] Und tatsächlich kam im April die französische Zustimmung zu weiteren Verhandlungen. Die Schwierigkeiten lagen nun darin, dass die sowjetische Seite Paris dazu bringen wollte, ganz Osteuropa in den Pakt miteinzubeziehen. Die Franzosen wollten dagegen ihre Verpflichtungen so gering wie möglich halten und widerriefen ihre zu Beginn der Verhandlungen gemachte Zusage, die baltischen Staaten in den Pakt aufzunehmen, aufgrund ihres Verbündeten Polen.[45]

Im Juni 1934 stimmt die sowjetische Führung dann dem britischen Wunsch zu, in die Planungen um das Projekt „Ostpakt“ – im westlichen Sprachgebrauch auch als „östliches Locarno“ bezeichnet – sowie in die bilateralen Verhandlungen zwischen der UdSSR und Frankreich auch Deutschland einzuschließen.[46]

Das Scheitern des Projektes „Ostpakt“ liegt schließlich auch in der deutschen und polnischen Absage begründet. Bereits Ende September 1934 wurde deutlich, dass sich der deutschen Absage auch die polnische Regierung anschließen werde, um die polnisch-deutschen Abmachungen, also konkret den im Januar desselben Jahres abgeschlossenen bereits erwähnten Nichtangriffspakt zwischen den beiden Staaten, nicht zu gefährden.[47] Als Reaktion auf diese negative Haltung der deutschen und polnischen Regierung zu dem geplanten Pakt beschloss das Politbüro schließlich am 23. November 1934, die Gespräche auch ohne Deutschland und Polen weiterzuführen, auch wenn die Initiative dazu nicht überhastet geschehen solle.[48]

Gerade die Bereitschaft, wenn auch nicht Initiative, Deutschland in ein Sicherheitssystem einzubinden, zeigt, dass die Zielsetzung der sowjetischen Außenpolitik in den Jahren 1933 bis 1935 nicht etwa allein auf der Ausgrenzung des potentiellen deutschen Aggressors lagen, sondern die Aufrechterhaltung des Friedens und damit des Systems von Versailles in Europa das oberste Ziel darstellte. Dafür war die sowjetische Führung bereit, Sicherheitspakte nicht nur mit kapitalistischen Staaten, sondern auch mit dem nationalsozialistischen Deutschland einzugehen bzw. sah diese Pakte als Teil des „Systems der kollektiven Sicherheit“ an und förderte sie.

Der Pakt mit Frankreich und der Tschechoslowakei 1935

Kurz nach der erwähnten Absage der deutschen und polnischen Seite an das Projekt „Ostpakt“ kam auf die sowjetischen Verhandlungsführer eine weitere Herausforderung zu: Das Attentat auf den französischen Außenminister Barthou am 9. Oktober 1934 in Marseille bedeutete zunächst einen Rückschlag für die Verhandlungen um den Beistandspakt, da Barthous Nachfolger Pierre Laval ein Abkommen mit Deutschland als für den Frieden in Europa überaus wichtig erachtete, worunter die Gespräche mit Moskau über den nun um Deutschland und Polen reduzierten Pakt deutlich litten.[49]

Im zuletzt betrachteten Dokument vom 23. September 1934 wurde bereits die sowjetische Zustimmung dazu deutlich, den geplanten Sicherheitspakt auch ohne Deutschland und Polen durchzuführen, dies jedoch nicht zu überstürzen. Nur ein paar Tage später schließlich, am 02. November, wurde vom Politbüro auf Anfrage des NKID entschieden, auch einen kleineren Pakt abzuschließen, also ohne Berlin und Warschau, wenn Frankreich und die Tschechoslowakei oder auch nur Frankreich dem zustimmten.[50]

Was auf diese Entscheidung folgte, war eine längere, mehrere Monate lang andauernde Phase, in der das Projekt nicht recht vorankam, da Paris versuchte, die Zusagen an Moskau möglichst gering zu halten. Schließlich wurde ein Kompromiss geschlossen und der Pakt am 2. Mai 1935 unterzeichnet. Dem folgte am 16. Mai die Unterzeichnung des sowjetisch-tschechoslowakischen Paktes, der sich nur in dem Punkt von dem französisch-sowjetischen Pakt unterschied, dass die Hilfe für die Tschechoslowakei oder die UdSSR durch die jeweils andere Vertragspartei davon abhing, ob Frankreich zuerst handelte bzw. wie Frankreich sich entschied zu handeln.[51] In Moskau wurde der Pakt mit Frankreich mit großem Unmut aufgefasst und bei vielen als Enttäuschung empfunden.

Jonathan Haslam, dessen Analyse der sowjetischen Bemühungen um ein System der kollektiven Sicherheit für die Analyse der Verhandlungen um den Pakt mit Frankreich in dieser Arbeit neben der Betrachtung einiger weniger Akten des Politbüros die Grundlage bildet, schließt das Kapitel über den Pakt mit Frankreich mit folgender These: „Instead of removing Soviet anxieties, the signature of the pact only whetted the Soviet appetite for further guarantees; thus the pact did not substitute for attempts to revive Rapallo. Instead it became a bargaining counter held in reserve for future negotiations with Berlin.“[52]

Der Abschluss des sowjetisch-französischen Paktes für gegenseitige Unterstützung war also keineswegs ein von beiden Seiten gleichermaßen gewolltes und mit gleicher Energie und den gleichen Zielen vorangebrachtes Projekt. Vielmehr zeigt die Geschichte der Verhandlungen um den Pakt, dass sich die sowjetische Sicherheitspolitik nach dem Machtwechsel in Deutschland nicht nur auf die Eingliederung in das internationale Mächtesystem, also den Völkerbund, stützte, sondern eine Partnerschaft mit einem der stärksten kapitalistischen Staaten als Sicherheitsgarant für die Verhinderung eines antikommunistischen Kreuzzuges und des Aufbaus des „Sozialismus in einem Land“ angestrebt wurde, was jedoch wiederum von französischer Seite aus nur durch den Eintritt in den Völkerbund möglich war.

Selbstdarstellung der UdSSR nach außen

Litvinovs Reden im Völkerbund

Die Selbstdarstellung der UdSSR nach außen hin geschieht neben den Botschaftskontakten zu einem hohen Grad durch die Institution des Völkerbundes. Bereits vor dem Eintritt in denselben 1934 konnten sowjetische Delegationen an vom Völkerbund einberufenen Konferenzen teilnehmen[53]. In den frühen 20er Jahren entsprechen die offiziellen Äußerungen sowjetischer Politiker jedoch der negativen sowjetischen Auffassung des Völkerbundes als „Koalition von Kapitalisten“.[54]Ab 1927 ist im Zusammenhang mit der anfangs beschriebenen Öffnung nach Westen auch eine Annäherung an den Völkerbund erkennbar. Zu diesem Zeitpunkt trat die UdSSR auch der „Vorbereitenden Kommission für die Abrüstungskonferenz“ bei, was Litvinov, damals an der Spitze der sowjetischen Delegation, die erste Möglichkeit bot, wortgewandt für Frieden und Abrüstung zu werben und ein positives Bild der Sowjetunion zu zeichnen.[55] Diese Bemühungen werden teilweise natürlich durch die oben erwähnten Prozesse gegen ausländische Ingenieure und die außenpolitische Wirkung der antikapitalistischen Propaganda zunichte gemacht. Dennoch gelingt es, zumindest in Frankreich die antikommunistische Einstellung vieler Politiker zumindest abzuschwächen und nach der Kontaktaufnahme mit den meisten westlichen Staaten sich selbst so gut darzustellen, dass ein Pakt und eine Aufnahme in den Völkerbund möglich werden. Dabei darf man auch nicht vergessen, dass die Losung des „Sozialismus in einem Land“ auch eine starke außenpolitische Wirkung besaß und eine friedliche Koexistenz, also auch Kooperation zwischen kapitalistischen Staaten und der sozialistischen UdSSR ermöglichte.

Nach dem Eintritt in den Völkerbund kann Litvinov wie bereits erwähnt in den Sitzungen des Völkerbundrates durch seine Reden das Bild der friedliebenden Sowjetunion ausbauen und seine Ideen des unteilbaren Friedens und des Systems der kollektiven Sicherheit verbreiten. Die geringe Wirkung von Litvinovs Appellen, „sich zum Schutze der Unabhängigkeit der Bundesmitglieder und gegen eine Ausbreitung der faschistischen Aggression zusammenzuschließen“ [56], am sichtbarsten an der Tatenlosigkeit der internationalen Gemeinschaft im spanischen Bürgerkrieg oder in der Abessinien-Krise, kann eine Erklärung sein für den nächsten Schritt der Annäherung an den Westen, die neue Verfassung von 1936.[57]

Stalin-Verfassung 1936: Annäherung durch „Assimilation“

Der Beschluss der neuen Verfassung fand ein Jahr nach Unterzeichnung des Paktes mit Frankreich statt, die Ausarbeitung wurde bereits kurz zuvor, am 6. Februar, beschlossen.[58] Nachdem der Pakt wie gezeigt am Ende nicht ganz den sicherheitspolitischen Vorstellungen der sowjetischen Führung entsprochen hatte, kann man die neue Verfassung als weiteren Annäherungsversuch an den Westen sehen. Die Bedrohung durch Japan in der Mandschurei und das nationalsozialistische Deutschland hatte durch den 1936 zwischen diesen Staaten abgeschlossenen Antikomintern-Pakt noch zugenommen, vor allem durch die während der Verkündung des Paktes durch die Führer der Achsenmächte stattfindenden Zusammenstöße an der sowjetisch-japanischen Grenze.[59]

Der neue, scheinbar demokratische und liberale Charakter der neuen Verfassung liegt vor allem in der starken Rolle des Parlaments, des Obersten Sowjets, begründet. Zudem tritt der starke Föderationscharakter der Union zutage. Den sowjetischen Bürgern wird das Wahlrecht und auch andere demokratische Rechte zugesprochen. Die politische Realität wird jedoch im Artikel 126 widergespiegelt, in dem es heißt, dass sich die Bürger in der Kommunistischen Partei vereinigen können, die „[…] der Vortrupp der Werktätigen in ihrem Kampf für den Aufbau der kommunistischen Gesellschaft ist und den leitenden Kern aller Organisationen der Werktätigen, der gesellschaftlichen sowohl wie der staatlichen, bildet.“ Außerdem heißt es in Artikel 141, dass lediglich die Partei die Kandidaten für die Wahl aufstellen kann. Nach außen hin lieferte die neue Verfassung also demokratische Rechte und ein demokratisches Wahlsystem, genauer betrachtet bildet die Verfassung aber in den beiden benannten Artikeln die Wirklichkeit recht gut ab.[60]

In liberalen und linksgerichteten Kreisen im Westen wurde die generelle Tendenz der sowjetischen Außenpolitik ab 1935 positiv aufgefasst, von der neuen Ausrichtung der Komintern über die offene Parteinahme der sowjetischen Regierung für die spanische Republik bin hin zur neuen Verfassung.[61]

Volksfronttaktik der Komintern – verschobene Revolution

Die Rolle der Komintern wird in der Forschung als für die sowjetische Außenpolitik nicht allzu groß bzw. bedeutend angesehen. Vielmehr wird betont, dass sie ein reines Werkzeug Stalins war und ihre internationale Rolle auf eine Unterstützung der übrigen außenpolitischen Instrumente des sowjetischen Apparats degradiert wurde. Die Abhängigkeit der in Moskau sitzenden Organisation von ihrem ‚Gastland‘ wird besonders in den ‚Großen Säuberungen‘ deutlich, unter denen die Komintern „als Hort trotzkistischer Feinde“ besonders zu leiden hatte.[62] Unter dem Begriff der ‚Bolschewisierung‘ wurde ab dem V. Weltkongress 1924 die Tendenz der völligen Abhängigkeit der Komintern-Parteien von der KPdSU deutlich.[63]

Die ab 1928 geltende Losung der Komintern für die kommunistischen Parteien im kapitalistischen Rest der Welt war ebenjene berüchtigte These des „Sozialfaschismus“, welche die Sozialdemokratie als den größeren Feind als den aufkommenden Faschismus ansah und den vor allem für Deutschland so folgenschweren Grabenkampf zwischen KPD und SPD bis 1933 zur Folge hatte.

Eine erste Ausnahme von dieser Losung wurde aufgrund besorgniserregender Vorgänge in Paris am 6. Februar 1934 gewährt: Nachdem faschistische Kräfte im Zuge des Stavinsky-Skandals die linke Regierung abzusetzen drohten, beteiligte sich die Kommunistische Partei Frankreichs nach einem Entschluss in Moskau an einem Generalstreik der Sozialistischen Partei; gleichzeitig, ebenso im Februar 1934, kam es zum Aufstand sozialistischer Milizen gegen die Installation des Dollfuss-Regimes in Österreich.[64] Die Einheitsfront-Regierung in Frankreich, deren Zustandekommen auf diesen Ereignissen fußte, bildete ein deutliches Zeichen für einen Umschwung in der Kominternpolitik.[65]

Der einflussreiche Kominternpolitiker und ab 1935 Generalsekretär der Organisation, der Bulgare Georgij Dimitrov, der nach diesen Ereignissen von der Notwendigkeit einer Kurskorrektur der Kominternpolitik überzeugt war, konnte seine Ansichten erfolgreich dem sowjetischen Politbüro vorschlagen. Auch wenn Stalin anfangs noch wenig überzeugt war, stimmte das Politbüro schließlich für die neue Strategie und ebnete Dimitrov daraufhin auch den Weg zur Führung der Komintern.[66]

Der VII. Komintern-Kongress im Jahre 1935 brachte dann schließlich die richtungsweisende Veränderung für die – mehr ideologisch als tatsächlich in der Politik der einzelnen Staaten erfolgreiche – kommunistische Internationale. Die ultralinke Richtung, der Aufruf zum Kampf gegen die Sozialdemokratie als wichtigste Stütze der Bourgeoise, wurde fallen gelassen für eine neue Losung, die den Kampf gegen den Faschismus an oberste Stelle rückte und die Bildung von Volksregierungen als wünschenswertes Ziel anstrebte, was faktisch einen Aufschub der revolutionären Bemühungen der einzelnen kommunistischen Parteien bedeutete.

Auch wenn der Entschluss für die neue Losung sicherlich mit den Ereignissen in Frankeich und Österreich, vor allem natürlich aber auch der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 zusammenhing, passte das neue Konzept perfekt zum parallel stattfindenden Aufbau von Litvinovs „System der kollektiven Sicherheit“. „Both the Narkomindel and the Comintern’s strategy were a response to the same threat; collective security and Popular Front were twins.“[67]

Die Kurskorrektur in der Kominternpolitik und damit auch der Beziehungen der Sowjetunion zu den anderen kommunistischen Parteien ist neben dem Eintritt in den Völkerbund und dem Pakt mit Frankreich ein weiterer maßgeblicher Einschnitt in die internationalistische Politik der UdSSR. Von nun an stand auch die Politik der Kommunisten außerhalb der sowjetischen Grenzen ganz unter dem neuen Ziel der Friedenssicherung, und damit auch der von der kommunistischen Bewegung bisher so bekämpften Friedensordnung von Versailles. Wie verhängnisvoll die „Sozialfaschismus“-Losung auch besonders im Falle Deutschlands war und wie sinnvoll die Kursänderung für uns heute erscheinen mag, so stellt sie doch definitiv die Abkehr von Lenins Konzept des internationalistischen Kampfes für die Weltrevolution dar. „World revolution was put off for better times.“[68]

Ausblick: München 1938 und Moskau 1939: Das Scheitern der Westbindung

Der Ribbentrop-Molotov-Pakt, der hier nur in einem Ausblick betrachtet werden soll, stellt in vielen Punkten einen Bruch in der sowjetischen Außenpolitik dar: das Bündnis mit dem nationalsozialistischen und erklärten antikommunistischen Diktator des „Dritten Reiches“, die Expansion in der Zusammenarbeit mit demselben in die ehemaligen Gebiete des Zarenreiches, die Ersetzung Litvinovs durch Stalins treuen Gefolgsmann Molotov als Außenkommissar, der „Verrat an der Sache“.

Auf einer anderen Ebene aber kann man den Pakt auch als Kontinuität betrachten: die neue Großmacht UdSSR, die den Weg des Sozialismus eingeschlagen und die Weltrevolution vertagt hat, die in den Völkerbund eingetreten ist und Beistandspakte mit kapitalistischen Staaten abgeschlossen hat, die ihre Industrialisierung unter anderem durch ein auf die Friedensordnung von Versailles gestütztes „System der kollektiven Sicherheit“ und Kredite, Ingenieure und Material aus den kapitalistischen Staaten ermöglicht hat, die sich im Völkerbund als friedliebend und durch die neue Verfassung sogar demokratisch dargestellt hat, geht gewissermaßen den letzten Schritt. Sie sieht die beste Möglichkeit des weiteren Friedens für die UdSSR und den gleichzeitig größten Machtzuwachs in einem Pakt mit Deutschland und holt sich das „verloren gegangene“ ehemalige russische Gebiet zurück, nun vollständig in die Arena der anderen Großmächte eingetreten, die sich jedoch immer noch in einigen markanten Punkten von diesen unterscheidet.

Der Pakt mit Hitler liegt naturgemäß im Mittelpunkt zahlreicher Forschungsarbeiten. Da der Fokus dieser Arbeit auf der Zeit vor dem Pakt liegt, dieser aber dennoch als Abschluss der betrachteten Phase eminent ist, sollen die wichtigsten Forschungsrichtungen, Ansätze und Thesen vorgestellt werden, ohne dabei den Anspruch an Vollständigkeit der Zusammenfassung der, wie gesagt, zahlreichen Literatur zu dem Thema zu erheben.

Die Beurteilung des Hitler-Stalin-Paktes schließt stets die vorhergehenden Jahre mit ein und erstellt so ein Gesamtkonzept der Außenpolitik unter Stalin. Dabei geht es vor allem um die Bewertung des Systems der „kollektiven Sicherheit“. Wie bereits in Kapitel 4) über den Eintritt in den Völkerbund dargestellt, hält eine Denkrichtung alle hier teilweise vorgestellten Bemühungen um die Sicherung des Friedens und die Annäherung an die Westmächte für die Tarnung der eigentlichen Bemühungen der sowjetischen Außenpolitik, einem Bündnis mit Deutschland. Für Vertreter dieser Richtung, darunter Robert C. Tucker oder Gerhard Weinberg[69], bestand die wahre sowjetische Außenpolitik dieser Jahre aus Geheimkontakten zum Deutschen Reich und nicht in den pazifistischen Reden Litvinovs vor dem Völkerbund oder dem Sicherheitspakt mit Frankreich. In dieser Sichtweise ist schließlich der Pakt mit Hitler kein Fehltritt einer auf den Westen und den Friedenserhalt ausgerichteten Außenpolitik, sondern der Erfolg der in Wahrheit verfolgten Ziele. Teil dieser Theorie ist auch die These, der Große Terror habe die Ausschaltung des antideutsch bzw. antifaschistisch eingestellten Teils des sowjetischen bürokratischen Apparates zum Ziel gehabt und sollte somit den Weg zum Pakt mit Hitler ebnen. Dieser Deutung der Säuberungen widerspricht u.a. Teddy Uldricks und kritisiert, die Opfer des NKVD-Terrors seien keinesfalls allein unter den antideutsch eingestellten Teilen des sowjetischen Apparats zu finden.[70]

Auch die Sudetenkrise 1938 ist für das Verständnis des Paktes von 1939 wichtig. Silvio Pons sieht in der Krise nicht nur ein Scheitern der westlichen Außenpolitik, sondern betont ebenso die Passivität der sowjetischen Politik in der Krise: „The Czech crisis soon proved that the Soviet Union lacked the will and the means to play a significant role in European affairs: Moscow retreated still further from the international stage.“[71] Gestützt durch die Beschlüsse des Paktes von 1935 habe die sowjetische Führung nach der in der Angst vor einem neuen Krieg in Europa begründeten französischen Absage keine Eigeninitiative ergreifen wollen. Zwar habe Litvinov bis zuletzt versucht, einen europäischen Krieg zu verhindern, in den seiner Meinung nach die UdSSR unwillkürlich mit hineingezogen werden würde, wie ein Telegramm an Stalin zeigt, in dem er ihn zur Mobilisierung als wirkungsvolle Maßnahme gegen Hitlers Expansionsdrang bewegen wollte.[72] Jedoch lag die Entscheidungsgewalt nicht in seiner Hand und sein Drängen auf aktive Unterstützung Prags wurde nicht in Taten umgesetzt.

Donald O’Sullivan sieht in der sowjetischen Politik während der Sudetenkrise keine allein durch die französische Haltung motivierte Passivität. In seiner Analyse der sowjetischen Außenpolitik vom Münchner Abkommen bis zum deutschen Angriff 1941 sieht er die Zielsetzung der sowjetischen Führung in einer militärischen Auseinandersetzung Deutschlands mit Prag und den Westmächten, was er vor allem durch eine geheime Rede Ždanovs in Prag im August 1938 begründet, in der dieser vor kommunistischen Funktionären die positiven Folgen eines möglichen Krieges erläutert, nämlich das Ende von Faschismus wie Kapitalismus. In einem solchen Kampf stünde die Rote Armee dann auf Seiten der tschechoslowakischen Genossen.[73] Der französische Vertragsbruch erleichtere laut O’Sullivan diese Haltung lediglich.

Ein weiterer Streitpunkt ist das Interesse Stalins oder genereller der sowjetischen Führung am Feld der Außenpolitik. Viele frühere Arbeiten betonen das außenpolitische Desinteresse Stalins an Themen der Außenpolitik und die Fixierung auf die in den 30er Jahren viel wichtigeren Themen wie Industrialisierung, Zwangskollektivierung der Landwirtschaft und schließlich Sicherung der totalen Macht durch die Säuberungen ab 1936/37.[74]

Um die Jahrtausendwende entstanden eine Reihe weiterer Forschungsarbeiten zum Thema der sowjetischen Außenpolitik, darunter die hier oft zitierten Arbeiten von Donald O’Sullivan oder Viktor Knoll. Diese betonen zum einen die Handlungsmöglichkeiten der Beamten des NKID und Litvinovs, zum anderen widerlegen sie die These der Außenpolitik als wenig beachtetes oder hinter der Innenpolitik weit zurückstehendes Feld der Politik, wie auch Robert Service in seiner 2004 erschienen Stalin-Biographie[75]. Durch die Analyse neu zugänglicher Dokumente machen sie deutlich, dass sich Stalin über jede noch so kleine außenpolitische Begebenheit stets informieren ließ und über die Außenpolitik bestens informiert war[76]. In den spannungsgeladenen Jahren 1938/39 sehen sie eine große Flexibilität der sowjetischen Außenpolitik. „Weniger langfristige und detaillierte Planungen bestimmten die sowjetische Außenpolitik zu der Zeit, sondern die kontinuierlichen Neueinschätzung des internationalen Kräfteverhältnisses und die ständige Anpassung des eigenen Instrumentariums an die wechselnden Umstände.“[77], schreibt O’Sullivan. Der Pakt mit Hitler ist hier weder das über Jahre verfolgte Ziel noch bedauerlicher Fehler einer langfristig auf eine Annäherung an den Westen festgelegten Politik, sondern Ergebnis eines Abwägens zwischen einem Bündnis mit den Westmächten oder mit Hitler. Nach monatelangen parallel geführten Geheimverhandlungen mit beiden Seiten entschloss sich Stalin schließlich für Hitler, der ihm die von den Westmächten versagten baltischen Staaten und Ostpolen zusicherte.

Fazit

Die Eingliederung in das internationale System und der Prozess der Anpassung der Außenpolitik an westliche oder auch nur ‚traditionelle‘ Maßstäbe lief wie in dieser Arbeit gezeigt in mehreren Schritten ab. Nachdem durch die diplomatische Anerkennung der meisten Staaten ab 1924 zum einen die Grundlage für den Kontakt mit den kapitalistischen Staaten gelegt wurde und der wirtschaftliche Aufbau durch Investitionen und Güter aus diesen Staaten gewährleistet war, gelang schon 1929 durch das Litvinov-Protokoll und die darauf folgenden Nichtangriffspakte ein erster sicherheitspolitischer Vertrag und eine Annäherung an die europäischen Nachbarstaaten. Das Konzept des „Sozialismus in einem Land“ bildet dann die ideologische Grundlage für die Verschiebung der Weltrevolution, die staatlich durchgesetzte massive Industrialisierung und Kollektivierung der Landwirtschaft im ersten Fünf-Jahres-Plan. Außerdem werden durch dieses Konzept des ‚sowjetischen Nationalstaates‘ die Einbindung in das internationale Mächtesystem und die Pakte mit kapitalistischen Staaten legitimiert. Der erste sozialistische Staat der Geschichte nimmt somit einen seinen eigenen Weg, nähert sich aber außenpolitisch nach der revolutionären Phase immer weiter den traditionellen Maßstäben an.

Der Eintritt in den Völkerbund 1934 und damit verbunden der Pakt mit Frankreich und der Tschechoslowakei 1935 bilden schließlich die Fortführung der ersten beiden Punkte und schließen – mit der Ausnahme von Rapallo – die nach der Revolution entstandene Schlucht zwischen den kapitalistischen Staaten und ihrem ersten sozialistischen Pendant. Der prowestliche Litvinov konnte die UdSSR dem Westen annähern und durch den Kontakt mit den ausländischen Regierungen das von ihm präferierte „System der kollektiven Sicherheit“ etablieren. Die langen und komplizierten Verhandlungen im Zusammenhang um den Völkerbundseintritt und den Pakt zeigen klar den Fokus der sowjetischen Außenpolitik auf dem Erhalt des Friedens und damit auch des zuvor bekämpften Versailler Friedenssystems, wodurch der Erhalt der Wirtschaftsbeziehungen und damit der Aufbau des Sozialismus ermöglicht und ein Angriff auf die UdSSR verhindert werden sollten. Dieses Ziel spiegelt auch die 1935 an die Verhältnisse in Europa angepasste Komintern-Politik wider, die den Aufruf zur Weltrevolution durch die Forderung von Volksregierungen zusammen mit den zuvor bekämpften Sozialdemokraten bzw. gemäßigten Sozialisten zum Erhalt des Friedens und der Eindämmung des Faschismus ersetzte. Die friedensliebende Selbstinszenierung im Völkerbund und die scheinbare Demokratisierung durch die neue Verfassung von 1936 ergänzen dieses Bild und zeigen den starken Wunsch nach Annäherung an den Westen nach der ‚Einkreisung‘ durch die faschistischen Mächte Deutschland und Japan.

Quellen

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[1] Koestler, Arthur: Von weißen Nächten und roten Tagen, Wien 2013, S. 28

[2] Mit Ausnahme der auf internationaler Ebene eher unbedeutenden Mongolei

[3] Siehe hierzu das Vorwort zu: Marx, Karl: Zur Kritik der politischen Ökonomie, In: Marx, Karl; Engels, Friedrich: Werke, Berlin 1971

[4] Creuzberger, Stefan: Stalin. Machtpolitiker und Ideologe, Stuttgart 2009, S. 209 ff.

[5] Ebd., S. 220

[6] Großbritannien folgen noch 1924 Italien, Österreich, Griechenland, Norwegen, Schweden, China, Dänemark, Mexiko, Frankreich und Japan. Siehe: Der Große Ploetz, Die Enzyklopädie der Weltgeschichte. 35., völlig neu bearbeitete Auflage, Freiburg im Breisgau 2008, S. 1134 f.

[7] Kennan, George F.: Sowjetische Außenpolitik unter Lenin und Stalin, Stuttgart 1961, S. 265 ff.

[8] Knoll, Viktor: Das Volkskommissariat für Auswärtige Angelegenheiten im Prozess außenpolitischer Entscheidungsfindung in den zwanziger und dreißiger Jahren, In: Zwischen Tradition und Revolution. Determinanten und Strukturen sowjetischer Außenpolitik 1917-1941, herausgegeben von Ludmila Thomas und Viktor Knoll, Stuttgart 2000, S. 125

[9] Kennan: Sowjetische Außenpolitik, S.309

[10] Die Bolschewiki weigerten sich, die Schulden der zaristischen Regierung in Großbritannien zu übernehmen; Siehe Kennan: Sowjetische Außenpolitik, S. 310, S. 316 f. und S. 274 oder Niedhart, Gottfried: Die Sowjetunion in der britischen Urteilsbildung 1917-1945, In: Niedhart: Der Westen und die Sowjetunion. Einstellungen und Politik gegenüber der UdSSR in Europa und in den USA seit 1917, Paderborn 1983, S. 107

[11] Хлевнюк, Олег: 1930.1933 гг., In: Политбюро ЦК РКП(б) – ВКП(б) и Европа. Решения «особой папки» 1923 – 1939, Moskau 2001, S. 209

[12] Haslam, Jonathan: The Soviet Union and the struggle for Collective Security in Europe, 1933-39, London und Basingstoke 1984, S. 17 ff.

[13] Narodny kommissariat innostrannych del (Volkskommissariat für äußere Angelegenheiten)

[14] Knoll: Das Volkskommissariat, S. 139

[15] Schröder, Hans-Jürgen: Von der Anerkennung zum kalten Krieg. Die USA und die Sowjetunion 1933-1947, In: Niedhart, Gottfried (Hrsg.): Der Westen und die Sowjetunion. Einstellungen und Politik gegenüber der UdSSR in Europa und in den USA seit 1917, Paderborn 1983, S. 180 f.

[16] Knoll: Das Volkskommissariat, S. 127

[17] Maksim Maksimovič Litvinov löste 1930 Čičerin als Außenkommissar ab

[18] Markert, Werner: Von der Oktoberrevolution zur „Revolution von oben“. Zur politischen Struktur des Stalinismus, In: Vierteljahrsheft für Zeitgeschichte, 2 (1954), S. 70

[19] Ebd., S. 70 f.

[20] Deutscher, Isaac: Stalin. Eine politische Biographie, Berlin 1989, S. 366

[21] Ebd., S. 369 f.

[22] Stalin, J.W.: Fragen und Antworten, Rede am 9. Juni 1925, In: Werke, Bd. VII, Berlin (Ost) 1952 ff., S. 173 ff.

[23] Haslam: The Soviet Union, S. 1

[24] Ebd., S. 1 f.

[25] Хлевнюк, Олег: 1930.1933 гг., In: Политбюро ЦК РКП(б) – ВКП(б) и Европа. Решения «особой папки» 1923 – 1939, Moskau 2001, S. 209

[26] Haslam: The Soviet Union, S. 11

[27] Creuzberger: Stalin, S. 225

[28] Siehe beispielsweise Tucker, Robert C.: Stalin in Power: The Revolution from above, 1928-1941, New York 1990

[29] Uldricks, Teddy J.: Soviet Security Policy in the 1930s, In: Gorodetsky, Gabriel (Hrsg.): Soviet Foreign Policy, 1917-1991. A Retrospective, London 1994, S. 66

[30] Ebd., S. 66

[31] Ebd., S. 67

[32] Ebd., S. 68

[33] Haslam: The Soviet Union, S. 11

[34] Ebd., S. 19 f.

[35] Политбюро ЦК РКП(б) – ВКП(б) и Европа. Решения «особой папки» 1923 – 1939, Moskau 2001, Dok. 140, S. 235 f.

[36] Ebd., Dok. 149, S. 245

[37] Girault, René: Wirklichkeit und Legende in den französisch-sowjetischen Beziehungen 1917-1945, In: Niedhart, Gottfried (Hrsg.): Der Westen und die Sowjetunion. Einstellungen und Politik gegenüber der UdSSR in Europa und in den USA seit 1917, Paderborn 1983, S.127 f.

[38] Polpred = Polnomočnyj Predstavitel (=bevollmächtigter Vertreter) entspricht einem Botschafter

[39] Политбюро ЦК РКП(б) – ВКП(б) и Европа, S. 306, zitiert nach: „Documents Diplomatiques Francais, 1932-1939, I Serie. V. Paris 1970. Doc. № 84, P. 165“

[40] Ebd., Dok. 207, S. 305 f. Hier lässt sich beispielshaft das oben beschriebene Prinzip der Ausarbeitung durch das NKID und die Beschlusskraft des Politbüro aufzeigen: am 12. Dezember fällt das Politbüro eine Resolution für die kollektive Sicherheit. Daraufhin wird das Narkomindel beaufragt, einen entsprechenden Entwurf vorzulegen, der am 19. Dezember schließlich angenommen wird, wodurch schließlich Litvinovs ursprüngliche Idee angenommen wurde. Siehe hierzu: Haslam: The Soviet Union, S. 29

[41] Aus dem Dokument sind keine näheren Informationen zu dieser Person ersichtlich, auch die französische Schreibweise kann hier nur erraten werden (original Пайяр)

[42] Ebd., S. 314, zitiert nach: Dokumenty vneshnej politiki SSSR, T. XVII., S. 495

[43] Haslam: The Soviet Union, S. 34 f.

[44] Ebd., S. 37

[45] Ebd., S. 38

[46] Политбюро ЦК РКП(б) – ВКП(б) и Европа, Dok. 214, S. 313

[47] Ebd., S. 318

[48] Ebd., Dok. 218, S. 318

[49] Haslam: The Soviet Union, S. 43 f.

[50] Политбюро ЦК РКП(б) – ВКП(б) и Европа, Dok. 219, S. 318

[51] Ebd., S. 49 ff.

[52] Ebd., S. 51

[53] Bereits 1922 kam es zur Teilnahme einer sowjetischen Delegation an der Internationalen Konferenz über Fragen der Hygiene und Seuchenbekämpfung in Warschau, die vom Völkerbund einberufen worden war. Siehe dazu: Pfeil, Alfred: Der Völkerbund. Literaturbericht und kritische Darstellung seiner Geschichte, Darmstadt 1976, S. 92 f.

[54] Ebd., S. 92

[55] Ebd., S. 122 f.

[56] Plettenberg, Ingeborg: Die Sowjetunion im Völkerbund 1934 bis 1939. Bündnispolitik zwischen Staaten unterschiedlicher Gesellschaftsordnungen in der internationalen Organisation für Friedenssicherung: Ziele, Vorraussetzungen, Möglichkeiten, Wirkungen, Köln 1987, S. 515

[57] Ebd., S. 513 ff.

[58] Deutscher: Stalin, S. 460 f.

[59] Ebd., S. 538

[60] Zum Text der Verfassung siehe: Bodo Dennewitz, Die Verfassungen der modernen Staaten, Gildenverlag Hamburg 1947, S. 191-214

[61] Kennan: Sowjetische Außenpolitik, S. 395 ff.

[62] O’Sullivan, Donald: Stalins „Cordon sanitaire“. Die sowjetische Osteuropapolitik und die Reaktionen des Westens 1939 – 1949, Paderborn, München u.a. 2003, S. 56

[63] Weber, Hermann: Die Kommunistische Internationale. Eine Dokumentation, Hannover 1966, S. 20

[64] Haslam: The Soviet Union, S. 35

[65] Albertini, Rudolf von: Zur Beurteilung der Volksfront in Frankreich (1934-1938), In: Vierteljahrsheft für Zeitgeschichte 7 (1959), S. 1 f.

[66] Haslam: The soviet Union, S. 54

[67] Ebd., S. 59

[68] Ebd., S. 59

[69] Siehe Tucker, Robert C.: Stalin in Power. The Revolution from above. 1928-1941, New York 1990 oder Weinberg, Gerhard: The Foreign Policy of Hitler’s Germany, Vol. I, Diplomatic Revolution in Europe 1933-1936 und Vol. II, Starting World War II, 1937-1939, Chicago 1980

[70] Uldricks: Soviet Security Policy, S. 69

[71] Pons, Silvio: Stalin and the inevitable war, 1936-1941, London 2002, S. 126

[72] Pons: Stalin and the inevitable war, S. 132 f.

[73] O’Sullivan: Je später man uns bittet, S. 161 f.

[74] Über diese Denkrichtung siehe: O’Sullivan: Stalins “Cordon Sanitaire“, S. 49

[75] Service, Robert: Stalin, A Biography, London, Basingstoke und Oxford 2004, S. 381

[76] O’Sullivan: Je später man uns bittet, S. 166

[77] Ebd., S. 173

Abortion in Britain and the Soviet Union in the interwar period – an intertwined history

“The decree of November 1920 for the RSFSR, which has since been copied in the other constituent republics, substituted, in the case of abortion, for the age-long policy of prohibition of a practice that could not be stamped out by repression, the unprecedented policy of converting it into a social service under strict public control.”[1] This extract from a travel report of two British Fabians, Beatrice and Sidney Webb, from 1936 about their journey to the Soviet Union is but one example of the interest the Soviet legalization of abortion created in the West. Being part of a broader interest in the Soviet experiment at the time, this particular issue was discussed in the context of the discourse about birth control in interwar Britain. This interest manifested itself even in a concrete transnational medical cooperation, both in the form of British Physicians working or travelling in the USSR and Field Offices of the Soviet Union’s National Health Department in Britain as well as other Western countries.[2] In this essay, it will be analysed how the Soviet practice of abortion influenced the discourse about birth control by looking at how it was depicted in the British Medical Journal (BMJ), the official publication of the British Medical Association (BMA) and “Britain’s largest circulation medical journal.”[3] In order to understand how the Soviet experience could serve as a projection screen for the British physicists, the practices of and debates about abortion in Britain and the Soviet Union as well as the transnational connections, thus the broader international interwar discourse about the topic, have to be portrayed first. This essay is telling thus two stories: one about changing notions of abortion in medical as well as political terms, and another about the transfer of knowledge and ideas across the boundary separating two distinctively different economic and political systems. While military and economic cooperation across this border in the interwar period are well explored, aspects like medical history still require research. Julie Thomas has already presented the links between Soviet and American scientists in the field of birth control as well as its international aspect. This essay extends this research to the British case.[4] Although contraceptives are rather absent in the discourse presented in the Journal, abortion will be regarded as one aspect of the broader topic of birth control, including the different types of contraceptives, throughout the essay.

At the end of the 19th century, the British discourse on birth control was shaped by the falling birth rate, which dropped from 36 births per thousand inhabitants in 1876 to 15 in 1930, to a large degree due to increased contraceptive practice.[5] The “population question” this tendency created added an explicit class aspect to the older Malthusian fear “of unchecked population growth geometrically exceeding the arithmetical ability of a nation to provide adequate subsistence for its mushrooming numbers.”[6] With the criminalisation of abortion in 1861, “public law became more clearly involved in the private sexual and reproductive practice of women.” Both tendencies were accompanied by a growing interest in – especially working-class – motherhood, whereby the maternal (and thus patriotic) abilities of the lower classes were questioned by its middle-class observers.[7] The world’s first organization advocating birth control – presented as a solution to the “overpopulated” lower classes – was the Malthusian League, founded in 1877. In the interwar period the relatively small organisation turned to eugenics for “racial improvement”, just as earlier advocates of a “qualitative” improvement of the population had done since the Boer War. Eugenic views were popular in different parts of the British society as well, from the imperial administration to the radical Left.[8] These ideas, as well as Marie Stopes’ – supposedly the most famous British birth control advocate at the time – publications, most famously “Married Love” from 1918, created a new environment in which changing ideas about women’s rights and female sexuality were openly discussed. One aspect of this new discourse was the campaign for the legalisation of abortion, which became a crucial issue for the feminist movement at the time. Abortion was, especially among the working-class, still a widespread means of birth control, but it involved a high mortality rate, a popular fact in the birth control discourse.[9] The Abortion Law Reform Association, a “feminist pressure group” formed in 1936, campaigned for the legalisation of abortion as a means of the improvement of working-class women. The campaign “saw maternalism and reproductive control not in opposition but as complementary”, but also stressed abortion as a means of women’s self-determination and control over their own body. For some, the legalisation in the Soviet Union was an inspiration for their further striving.[10] The British Left in general, however, unlike their German comrades, never focused on the issue. The Labour party refused to consider the issue some of their female party members advocated for, “arguing that birth control was a matter of private conscience outside the realm of politics.”[11] While the discourse was opened, especially on the feminist Left, to full access to all kinds of birth control, actual changes remained small in the interwar period. In 1930, the government at least allowed to distribute birth control information in maternal clinics of the public health service, if a further pregnancy “was deemed to be detrimental to health”, which gave birth control at least a degree of respectability. The “population scare” of the late 1930s, however, shifted the debate again towards the quantity of the population and stopped the government to take any further steps.[12]

In the Soviet Union, the Bolsheviks realized, in many respects, an gender order of society alternative to the capitalist one, at least in the first decade up to Stalin’s full seizure of power in the 1930s. Most importantly, this meant a critique of “the conventional family and its household economy”[13], which had already been apparent in socialist theory before the revolution. The emancipation of women would follow the abolition of private property and sexual relations would become a “purely private affair.” Although reality did not entirely accord with these ideas, communal facilities like dining rooms, nurseries or kindergartens, which should transfer former household labour to the public sphere, as well as the establishment of civil marriage and divorce were first steps towards this goal.[14] The discussion of sexuality in the first socialist state was mostly directed towards the question of the upbringing of children in a sexually free society, which should again happen in a communal manner. The most momentous measure, however, was the already mentioned legalisation of abortion in 1920. Prior to the Revolution, “the practice of abortion had been widespread in Russia.”[15] The law should abolish illegal abortion by offering every women a free and legal abortion up to the third month of pregnancy, “provided it was carried out by a doctor in a hospital”[16], which was the first legal opportunity to terminate pregnancy worldwide. Yet, the law stated that abortion was no woman’s right, but an “evil” that was legalized to decrease maternal mortality originating in illegal abortions. Once the described communal facilities would be available to every woman, there would be no more need for abortion, so the belief of the Soviet officials.[17] The law generated an enormous demand which could not be supplied by the hospital accommodations and the special “abortaria” in the bigger cities. To limit numbers, priority was given especially to those who had already several children.[18] The legalisation was considered a success by the government: the number of illegal abortions and thereby the rate of maternal mortality was reduced significantly. Abortion, however, was a controversial topic and opposed by many in the medical profession, the same way other aspects of the new gender politics were not endorsed by many male party members.[19] As in Britain, this discourse also included eugenic ideas, although without any racial aspect due to the multi-ethnic identity of the Soviet Union.[20] The fact that until 1917 Western publications determined the Russian eugenic discourse shows the truly transnational character of the broad topic of population policies in the first half of the 20th century.[21] In the course of the general drawback of many revolutionary achievements and the erection of Stalin’s dictatorship, finally, the 1920 law was reversed in 1936 and all eugenic thinking and research prohibited. This measure was part of a general “effort to control women’s bodies.”[22] After the criminalisation, abortion was depicted as opposite to “the happiness of Soviet women and children.”[23] Contraceptives remained, as in the 1920s, not legislatively regulated, but very hard to obtain[24], which is also why they barely appear in Western writing about birth control in the Soviet Union.

The two national discourses on medicine and birth control were in many ways linked between each other. One example is the Socialist Medical Association (SMA), an organisation linked to the Labour Party and aimed at establishing a “socialist programme for health.” Several of its members used the Soviet example, especially in times of the economic depression, to propagate this aim and met Soviet delegates at the “Second International Congress of the History of Science and Technology, held in London in 1931”, whose speeches impressed them deeply. Somerville Hastings, a founding member of the SMA, even travelled the Soviet Union himself, which shaped him decisively. Back in Britain, he stressed the efficiency and organization of the Soviet health and birth control system. His positive views on the Soviet system of maternity policy influenced the SMA’s founding statement on this issue and its subsequent policy.[25]  Many SMA members were also influenced by a book by the “American socialist doctor and medical historian” Henry Sigerist titled “Socialised Medicine in the Soviet Union.”[26] Margaret Sanger, however, was probably the most influential international figure of the interwar birth control movement and discourse. The American nurse, birth control activist and socialist was active not only in the US, but also in Britain, where she co-founded two international organisations centred in London, which collected and distributed information on birth control from and to different countries and “encouraged the exchange of medical research on birth control internationally.” Although she herself had only little contact with Soviet scientists, the international conferences on the issue of birth control she organized served as a ground for Soviet and Western physicians to meet and exchange their ideas. These conferences are examples of a vital scientific exchange of birth control information between Western and Soviet scientists in the interwar period. The USSR was “the site of an active exchange of artists, workers, and scientists”, including physicians. While the majority of Soviet medical texts on birth control relied heavily on Western research and even contraceptive devices and chemical formulas were imported in the USSR, Western scholars, on their part, used Soviet statistics and the clinical experience for their writings, as we will see later. The Soviet Government even “encouraged the visits of scholars, artists, engineers, and workers in the first years following the revolution”, which fascinated many in the West.[27] It was exactly the different situation in Britain or the West and the Soviet Union in terms of birth control which made the country so interesting and special.

As mentioned earlier, the British Medical Journal was an important media for the discourse inside the medical profession, which was, in general terms, rather opposed to the radical demands of the British birth control movement.[28] A large share of the weekly papers (about 24,000 in 1918, compared to 43,000 in 1939) went to the members of the BMA.[29] While it had been silent on the issue of birth control in the Victorian period, following the “medical profession’s virtual conspiracy of silence on the subject”, it became a platform for an open debate on the issue after the First World War.[30] Still, many members of the BMA remained hostile to birth control. All the more astonishing is the way the Soviet practice of abortion was used for the debate in the Journal from the second half of the 1920s onwards. Although many of the following articles were not written by BMJ authors themselves, but only publications of other sources, the journal still served as a distributor of these ideas and played thereby an important part in the discourse.

Throughout the 1920s and 1930s, it is striking how differently the Soviet Union as well as their abortion practices are depicted. The Soviet reference, it can be stated, was primarily used to underline the different positions already apparent in the above described British discourse. For example, in a report about a meeting of scientists in January 1927 on the “medico-legal and ethical aspects of abortion”, the Soviet legalisation is rejected as purely ideologically motivated, while, according to the report, “medical indications alone should be considered in deciding on the induction of abortion.” The Soviet example, together with the demand for the legalisation of abortion in the UK, is thus rejected for ideological reasons. The report is even directly referring to the above described transnational distribution of ideas by stating that “the spread of loose views in the profession regarding its responsibility must tend towards a similar state of affairs in this country.”[31] Only one month after this report was published, however, W. Horsley Gantt, “Chief of the Medical Division of the American Relief Administration, Unit Leningrad”, gives a positive impression of the Soviet medical system from his own stay in the country. Although the civil war had created a difficult situation for Soviet physicians, the government “had done what they could” to improve the medical system and guarantee freedom of research. The legalisation of abortion is, according to him, reducing the actual number of abortions, due to the state regulation. He also mentions educational films on the issue, “explaining the dangers of irregular abortions.” Although he does not explicitly state that this practice should be applied to the British case, the note that the number of abortions is “fewer than in other countries” implies that the Soviet system is achieving a better result than the British one and thus makes a statement in favour of the legalisation for the reader.[32]

Apart from these rather personal views on the question, the Journal also refers to the international level and publishes the Report of the Health Section of the League of Nations on “Abortion as a cause of maternal mortality” in 1930, in which we can find the earlier mentioned interest in maternity. This aspect of abortion, according to the report, “has only gradually been appreciated” and is presented as an argument for a reform of the legislation of abortion in the member states. The Soviet reference is crucial in this argumentation, as it serves as a positive example. The presented statistics are used to show, as Gantt did earlier, that the legalisation decreased the maternal mortality, not only by carrying out the abortions professionally, but also earlier than illegal abortions, which are “frequently practised at a late stage of pregnancy, adding considerably to the maternal danger.” The total number of abortion do, according to further statistics, “not necessarily increase as a result of legalization, while the decline in secret abortions during the last few years and the performance of the operations in hospital have been accompanied by a corresponding decrease in maternal mortality.” The argument presented in the report is based entirely on scientific ground and supposedly neutral or unpolitical: “Whatever arguments may be urged on moral or other grounds against the legalization of abortion in [the] USSR it appears to have been effective in preventing the shocking waste of maternal life.”[33] The argument of the 1927 meeting is thus questioned by stating that the Soviet example is achieving a positive result notwithstanding the ideological implications behind it.

Shortly after, another report is published, this time about the “impressions of medical tourists in Russia”, presented at a meeting “under the auspices of the Society for Cultural Relations between the Peoples of the British Commonwealth and the [USSR]” at the London School of Tropical Medicine and Hygiene. The reporting doctors draw a positive picture of the Soviet medical system, much like the Webbs or Gantt. They stress the professionalism of the procedure of abortions and the information given to the women before and afterwards. This shows how influential the Soviet reference was among at least a part of the British medical profession, given that a pro-Soviet organisation could organise a meeting headed by the Editor of the Lancet, alongside the BMJ probably the most influential medical publication.[34] Another publication, a speech held at the Edinburgh Obstetrical Society in 1932 titled “Abortion – a discussion on its social, legal, and ethical aspects” even includes an implicit demand for a change of the abortion law – albeit not in every case – in a report on the Soviet abortion practice, “so as to allow these unfortunate, desperate women to place their cases before some authority who could, upon sufficient cause being shown, authorize the termination of pregnancy under decent conditions, instead of, as at present, forcing her to place herself in the hands of an ignorant abortionist.”[35] In other cases, the transnational character of the issue is stated: “We must also remember that today no nation stands alone. Owing to the ease of communication through the agency of the Press, broadcasting, and the interchange of ideas at conferences, and so forth, there is a very great tendency for peoples of different nationality to act in concert. […] What is approved by one people today is likely to influence very largely the policy of another nation tomorrow.”[36] As the first example shows, however, the Soviet reference was not only used in a positive way, but also to justify the current legislation by defining medical reasons for abortions as the only legitimate justification, as a debate at a meeting of a sub-division of the BMA shows, in which the different views on abortion and the Soviet reference are presented by the different speakers. The report contains a positive depiction of the Soviet system by another member of the meeting, who points out that British physicians should study the Soviet “unique experiment” carefully, since “Russia [has] one great advantage – it [is] not, like ourselves, tied down by tradition.” Yet another speaker uses the Soviet reference to demonstrate the dangers of abortions which, in his sight, were misrepresented by many: “If the truth were known about the Russian cases it would open many eyes.” Others also questioned the positive picture presented of Soviet abortion clinics and still others warned that “political prejudice against Russia was warping the judgement.”[37] The issue thus remained controversial and part of the general debate about the issue of abortion in interwar Britain, in the public as well as in the medical profession.

This cross-cultural analysis of the abortion question, a central issue in the history of sexuality, helps us to understand the relationship between sexuality and modernity. It shows us how two so distinctively different ideological systems like the British and the Soviet ones both struggled to find answers to the question of how a more open, especially female sexuality – a transnational phenomenon in the interwar period – was compatible with the challenges of modernity and modern life. Their cooperation in this issue thus reveals similarities of the two otherwise so different systems. The Soviet reversion of the legalisation in 1936, moreover, demonstrates how limited a feminist stance on the issue of birth control was at the time. The fact that abortion was not legalised when the Labour party established the NHS after the Second World War, although the Soviet-friendly SMA members “had a crucial part to play in the formation of Labour Party health policy in the decade culminating in the foundation of the NHS”[38], proves not only the ignorance of the British Left about this topic, but also the limited scale of the Soviet reference in the long run. In fact, it was not until 1967 that the Abortion Act “opened up access to legal and safe abortion on a variety of grounds and established freedom of choice as a cornerstone of ‘second wave’ feminism.” The Labour party, which passed the law, albeit only “by means of a private member’s bill sponsored by a Liberal”[39], thus finally fulfilled the demand of the feminist groups who had campaigned for its legalisation since the interwar period. At the end of the Cold War, when the Soviet abortion statistics were published in 1988 as part of Gorbachev’s glasnost, the topic again captured the British attention, as articles in the Lancet show. Meanwhile, however, the discourse had shifted, the Communist country was no longer regarded as a positive example. On the contrary, a “serious shortage of contraceptives” was seen as the reason for the tremendously high amount of abortions.[40] The fascination for or rejection of the unique situation of legalized abortion in the USSR from 1920 until 1936 in the British medical profession was thus but an expression of an interest in an experiment yet too revolutionary for their own country.

Primary Sources

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Secondary Sources

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[1] Webb, Sidney; Webb, Beatrice: Soviet Communism. A New Civilisation (London: Victor Gollancz, 1937), p. 829.

[2] Thomas, Julie: International Intercourse: Establishing a Transnational Discourse on Birth Control in the Interwar Era (ProQuest Dissertations Publishing, 2004), p. 1-2.

[3] Bartrip, P.W.J.: Mirror of Medicine. A History of the British Medical Journal (Oxford: Oxford University Press, 1990), p. 216.

[4] Thomas: Intercourse, p. 44.

[5] Brooke, Stephen: ‚A New World for Women‘? Abortion Law Reform in Britain during the 1930s, American Historical Review, 106 (2001), pp. 431-459.

[6] Soloway, Richard Allen: Birth Control and the Population Question in England, 1877-1930 (Chapel Hill: The University of North Carolina Press, 1982), pp. xi-xii.

[7] Brooke: New World, p. 435.

[8] Lewis, Jane: The ideology and politics of birth control in inter-war England, Women’s Studies Int. Quart., 2 (1979), pp. 33-48.

[9] Loudon, Irvine: Death in Childbirth: An International Study of Maternal Care and Maternal Mortality 1800-1950 (Oxford Scholarship Online, 2011), pp. 3-4.

[10] Brooke: New World, pp. 432-442.

[11] Graves, Pamela: Introduction, in Gruber, Helmut; Graves, Pamela (Ed.): Women and Socialism. Socialism and Women. Europe between the Two World Wars (New York: Berghahn Books, 1998), p. 173.

[12] Lewis: Birth control, pp. 34-42.

[13] Kaminsky, Lauren: Utopian Visions of Family Life in the Stalin-Era Soviet Union, Central European History, 44 (2011), pp. 63-91.

[14] Goldman, Wendy Z.: Women, the State and Revolution. Soviet Family Policy and Social Life, 1917-1936 (Cambridge: Cambridge University Press, 1993), p. 3.

[15] Ibid., p. 254.

[16] Loudon: Childbirth, p. 19.

[17] Goldman: Women, p. 256.

[18] Loudon: Chilbirth, p. 19.

[19] Buckley, Mary: Women and Ideology in the Soviet Union (New York: Harvester Wheatsheaf, 1989), pp. 37-39.

[20] Hoffmann, David L.: Modern State Practices and Soviet Socialism, 1914–1939 (Ithaca, Cornell University Press, 2011), p. 133.

[21] Krementsov, Nikolai: From ‚Beastly Philosphy‘ to Medical Genetics. Genetics in Russia and the Soviet Union, Annals of Science, 68 (2011), pp. 61-92.

[22] Hoffmann: Socialism, pp. 140-142.

[23] Thomas: Intercourse, p. 162.

[24] Ibid. P. 154.

[25] Stewart, John: Socialist Proposals for Health Reform in Inter-War Britain. The Case of Somerville Hastings, Medical History, 39 (1995), pp. 338-357.

[26] Stewart, John: ‚Science Fights Death‘. David Stark Murray, Science, and Socialism in Interwar Britain, Annals of Science, 57 (2000), pp. 143-161.

[27] Thomas: Intercourse, pp. 2-14, 44, 96-97, 164, 176.

[28] Ibid., pp. 34-35.

[29] Bartrip: Mirror, p. 216

[30] Ibid., pp. 229-232.

[31] Reports of Societies. Abortion: Medico-legal and ethical aspects, in British Medical Journal, 29.01.1927, p. 188.

[32] Gantt, W. Horsley: A Medical Review Of Soviet Russia. V. The Medical Profession, Soviet Science, And Soviet Sanitation, in BMJ, 05.02.1927, pp. 244-245 and 19.02.1927, p. 339.

[33] Abortion As A Cause Of Maternal Mortality. Report Of The Health Section Of The League Of Nations, in BMJ, 04.10.1930, p. 566.

[34] Soviet Medicine And Hygiene: Impressions Of Medical Tourists In Russia, in BMJ, 05.12.1931, p. 1043.

[35] Reports of Societies. Law and Ethics of Abortion, in BMJ, 07.05.1932, p. 844.

[36] Beckwith Whitehouse: A Paper on the indications for the induction of abortion, in BMJ, 20.08.1932, p. 336.

[37] British Medical Association. Clinical and scientific proceedings, in BMJ, 26.11.1932, pp. 968-969.

[38] Stewart: Science, p. 161.

[39] Brooke: New World, p. 432.

[40] USSR. Abortion and Contraception, in The Lancet, 18.11.1989, p. 1208.

The Rif War and French interwar imperial modernity

Paris possessed a twofold identity in the modern era: it was the “capital of modernity”[1], which was inseparably linked to the French revolution and the consequences it had on European politics and thought and, at the same time, already during the revolution also an “(Anti-) Imperial Metropolis”[2], governing parts of every continent and home of people from all over the world, especially so in the interwar period, when it became both the centre of anti-imperialism and an empire which had even increased its global influence. In the following, two sides of the changing national and at same time imperial identity, or imperial modernity, of this French metropolis in the interwar period will be analysed. The first one we call “banal imperialism”, following Billig’s concept of “banal nationalism”[3]. It manifested itself in the different ways the citizens of the metropole could come in contact with their colonial empire: they could taste it in the form of food from the colonies; they could see it in the form of posters, adverts and colonial cinema or in forms of the pavilions of the 1931 exhibition, which will be a constant throughout the essay; they could hear about it in the radio; they could follow Tintin to his adventures to Africa; or they could experience it with all five senses by travelling the colonies themselves. This colonial experience, however, is connected to the politics concerning the most striking influence of the colonies on the metropole, immigration, which will serve as a transition to the second part, the political debate about the Rif war of 1925-26, thus the discourse about the most obvious and most violent side of French imperialism. Here we will compare four different views from the press to show the different positions French politics and the public had on this topic. Both sides of this imperial modernity are, however, closely connected and, as will be our argument, also linked to the specific political situation of the time and what we call the “multiple interwar modernities”, which resulted from the political turmoil WWI had created and the subsequent manifestations of ideological alternatives, i.e. fascism in Italy, and, most importantly, bolshevism in the former Russian Empire. Consequently, the Rif war was of major importance for both the French communists and the anti-imperialists from the colonies living in France, because it showed the – at least for a time – successful realization of an alternative, anticolonial world order, which was, in their view, part of the broader anti-capitalist and anti-imperialist vision realized in the Soviet Union. The interwar period was thus a time in which the French national and imperial identity underwent fundamental change: the first signs of anti-colonial resistance were interpreted in the metropole in a highly polarized debate shaped by global discourses about self-determination and anti-colonial resistance and made the French adapt the “mission civilisatrice” and its underlying racism to the metropole, either in the surveillance of colonial immigrants or Josephine Baker’s Revue nègre. The colonial Other was thereby made an essential and inseparable part of French identity and modernity in the interwar period.

Our journey through the “colonial subconscious” begins with the supposedly most profane part: colonial food. While exotic food from the colonies had already been available before 1914, the wartime necessities, caused by the loss of the agricultural self-sufficiency, changed the Parisian culinary world. The colonial lobby used these shifts to portray the colonies “as necessary to sustaining life in the metropole.” Although some of these new foodstuffs were rejected by the population, the volume, availability and interest in older colonial products – sugar, chocolate, and coffee – increased after the war and came more and more from the French colonies in particular, due to protectionist trade policies. Moreover, foods like rice, bananas and pineapples became easily available only after the war and changed eating habits permanently, unlike whole dishes from the colonies. Besides, the loss of livestock in the war made the French import non-exotic frozen meet, a way new technology was introduced in the colonial trade. The Colonial Exhibition from 1931, finally, presented the visitors a dual impression of colonial food: exotic goods were contrasted with Algerian wine and agricultural products symbolizing the progress the French had brought to their overseas departments.[4] All these developments helped introduce the colonies in everyday life, the same way adverts with colonial imagery did, which used racist stereotypes already prominently featured in postcards and jokes about the West African troops serving in France.[5]

The 1931 exhibition, however, was the most successful and prestigious presentation of the colonies in the metropole. Both in terms of visitors and money invested, the exhibition outside Paris celebrating the anniversary of the seizure of Algiers in 1830 surpassed its precursors, despite the economic crises. It offered its eight million visitors a virtual tour through the colonies, each being represented by its own pavilion. While the 1889 Paris Exhibition, marking the centenary of the Revolution, had been a symbol of France’s republican identity, this imperial show should cement France’s imperial identity, and, as Marshall Lyautey, head of the exhibition, put it, “intensify the loyalty of the metropolitan population to the colonial empire.”[6] The leitmotiv of the show was to contrast French progress in form of modern technology with the colonial, exotic Other, as already seen in the Algerian pavilion. The best symbol of this was undoubtedly the electric illumination of the reconstruction of the “Khmer temple of Angkor Wat, the chief attraction of the fairground”. The availability to reach the exhibition with modern means of transport like the metro line built only for this purpose was part of this French imperial modernity.[7] The French visitor was thereby reminded of the insurmountable line which separated him from, but at the same time connected him to the colonial world, which could only with the help of the French become modern, albeit only to a certain degree. This show, however, constitutes only the peak of a constant propaganda effort of the government and the colonial lobby to promote the colonies to the French. Apart from the memorialization of colonial conquest in street names or metro stations, which had already been a prewar propaganda tool, the colonies became a subject of the secondary school curriculum in 1925.[8] Moreover, the colonial lobby tried to propagate the importance of the colonies for the metropole by publishing a vast amount of books and articles about their wartime participation. What is more, the government tried to make entrepreneurs invest in the colonies and import raw materials from France’s own possessions.[9]

Another way the French came in contact with their empire were new technological advancements: radio broadcasts and movies. The former reached an ever increasing number of listeners in forms of state-controlled news broadcasts about the empire as well as through private-owned plays set in the colonies. These plays, unlike the state programs, did not present the colonies in a positive light, but rather exhibited disappointment in the colonial project and stressed both the dangers and the boredom French experienced in their empire. French culture was depicted as clearly superior to the native ones, the colonies were thus only an economic advantage and “all of the cultural and social advantages travelled in the other direction.” After all, the shows were more about French identify than about a realistic depiction of life in the colonies, which “could only show a poor reflection of the best that was France, and make the metropole and French home more glorious in comparison.”[10] For many French in the metropole, these shows, however, were the only way to experience far-away places like Indo-China or Sub-Saharan Africa and therefore crucial for the French imperial identity by presenting a clear cultural hierarchy and racial stereotypes to their listeners. “Cinéma colonial” presented a similar picture. While documentaries showed the colonies in moving pictures to the French already since 1897, the interwar period saw the rise of colonial movies, which were shot mostly in North Africa and influenced by the colonial administration as the price for their financial backing of the shootings. These movies borrowed themes and images from the earlier films as well as orientalist paintings, magazines, dioramas or postcards. Like the radio shows, they stressed racial and cultural superiority of the French colonisers and legitimised the French rule, especially the Foreign Legion. What is more, “by disseminating colonial mythology, film helped Frenchmen transcend narrow identities and redefine themselves as bearers of civilisation to the colonized”[11] and thereby also to overcome class differences, since both the French working-class and the bourgeoisie were part of this civilisation. The later discussed Rif War, finally, marked the end of the shootings in Morocco.

Although available only to a minority of the French, visiting the colonies as tourists also played an important part in consolidating the top-down relationship between colonisers and colonised in the French national and imperial identity. Also pushed by the colonial lobby and propagated at the 1931 exposition, colonial tourism was represented as a duty for French citizens, a vehicle for tourists to educate themselves about the ‘facts’ of colonialism and the ‘good news’ of France’s civilizing mission through first hand experiences.” Adverts for the organized tours, especially to North Africa and Indochina, stressed the exotic experience and the difference between France and “’timeless’ peoples and landscapes.” Also, tourism stressed again the technological superiority for instance by focusing on steamships in its posters. These ships transported over 300,000 tourists from France to Algeria and Tunisia in 1923.[12] Again, colonial governors like Lyautey promoted colonial tourism, which shows the connection between the private companies and the government officials in the creation of the imperial identity.

The last analysed aspect of “banal imperialism” is the négritude of the 1920s. Being only one part of the “remarkable affinity for the things of the colonial world”[13] of cultural modernism in interwar France, this phenomenon is inseparably linked to the success of Josephine Baker in the Revue Nègre and her subsequent career as a star of cinéma colonial. This fascination with black culture was a “particular form of cultural primitivism that developed out of earlier exoticist discourses in the French intellectual tradition.”[14] For Carole Sweeney, this phenomenon, which “emerged out of a profound social and cultural crisis around modernity and empire in metropolitan France”, is “revealing an epochal desire for an alternative temporal and geographical space in which the increasingly alienated subject of modernity sought historical and aesthetic refuge in a process of racial re-imagination.” For our analysis this means, that it is a cultural manifestation of the racial barrier which is part of the imperial modernity created in interwar France, even if presented as fascinating and modern. We can thus state so far that “French culture had indeed devoured colonial culture, making it an integral part of itself.”[15]

Another aspect of the interwar imperial identity is the relationship between the state and the colonial immigrants. In the interwar period, France had the highest level of foreigners worldwide, roughly 3 million or 7% of the population in 1931. Of these, North Africans, especially Algerians, the largest share of colonial migrants, constituted only a small percentage, but aroused a disproportionate degree of public attention.[16] This migration as well as the attitude of the French public and administration towards it was closely connected to the French rule in Algeria. Not only was the double standard of humanity, which denied the universality of the ideals of the Revolution, developed in Algeria, but the French also created the poverty which made Algerians leave their homeland. Due to the high demand for labour in 1914 the government opened the borders for migrants from Algeria. The losses in the war together with a low fertility rate even increased this demand after the war. The vast amount of publications on the “Arab problem” following this immigration was an expression of the need the metropolitan society felt “to define itself in relation to an immediate, visible minority presence which was perceived as threatening, a barbaric intrusion into the heart of Empire.”[17] This discourse reproduced racist stereotypes already present before the war and linked them to a perceived threat of a Communist “infection” of the colonial workers. This racism mixed with anti-communist fear also shaped the surveillance of the government, which the North African migrants faced more than any other immigrant group. A coalition of leading national politicians and right-wing municipal councillors in Paris created a surveillance system which shaped the attitude of the French state towards migrants from the Maghreb for decades to come. A joint institution was established, manned by Europeans from Algeria, “who introduced into the metropole colonial attitudes and techniques of control” and combining police surveillance and some kind of “welfare” institutions including mosques, worker hostels, and a Muslim hospital at the outskirts of Paris, which most migrants refused to go to. These measures were aimed at segregating the migrants from the rest of the society and their dangerous influences like Communism. They gained support from “across the political spectrum, from the right-wing leagues to the left wing of the Socialist Party.”[18] What made the situation of the North African migrants even worse was the absence of any consular representation, which helped Italian or Polish migrant workers when they faced problems.

As already indicated at the beginning, the migrants from – not only the French – colonial world used Paris to share their visions of independence for their respective countries and developed an anti-colonial network closely linked to the Parti communiste français (PCF) and the Comintern-funded Anti-imperialist League. “The French capital functioned as a vantage point that clarified the contours of a global system.”[19] Soon after the war, the first anti-colonial newspapers were published by colonial migrants and university students, who even organized an “anti-exhibition” to the 1931 colonial show, presenting colonial oppression.[20] The cooperation between the French left and the anti-imperial movement was, however, ambivalent, as the case of the Algerian Etoile nord-africaine shows. It was founded in 1926 by the PCF, but tensions rose both with the Front populaire government over its colonial policy and the Communists. After it was dissolved in 1937, its leadership moved to Algiers, turned to radical nationalism and cut its connections to the French left.[21]

The Rif War, finally, shows the cleavages in the French society and entailed a highly charged discourse over one of the first threats to the French imperial rule, which, as we have seen, had become a crucial part of French culture. The war was only one of four uprisings at the time, the others being rebellions in Syria, Vietnam and the Congo, which were, however, too far away from France to attract as much attention.[22] The Rif war was the “by-product of a much longer struggle between Rif Berber tribes and the Spanish”[23], which had divided Northern Morocco between themselves and the French in 1912. Under their leader Abd el-Krim, however, several Berber tribes resisted the Spanish conquest and formed the Rif Republic, an independent Islamic State. In 1924, Rif troops started an offensive on French Morocco as well to further their influence and liberate the whole of Morocco. Being challenged by this attack, which even threatened the French position in Algeria, the French coordinated their effort to drive el-Krim’s forces back with the Spanish, and ultimately the two armies managed to crush the resistance and consolidated their rule in Morocco in 1926. This colonial war, fought with modern weaponry and even poison gas on the Spanish side caused heavy left-wing resistance in France, which was, however, only the most extreme form of the general criticism of the colonial project articulated in varying intensity.[24] The protests, which culminated in a general strike in October 1925, were led by the PCF, which had very close links to the Comintern in Moscow, although the latter constantly reminded the former to pay more attention to the anticolonial struggle. The campaign started in late 1924 following the Spanish defeat with a fraternisation letter of the party leadership with el-Krim in l’Humanité, the party newspaper, and the demand for independence of the Rif Republic. While the majority of the governing socialists in the Cartel des gauches – which was divided over the issue – did not join the anti-imperialist campaign, other radical left-wing groups like Clarté, a pacifist group emerging from the bloodshed of WWI as an “International of the Mind” and a group of left-wing and surrealist intellectuals joined in a press war with the socialists and conservatives, which we will now have a closer look at.[25]

In July 1925, at the height of the war, Henri Barbusse, leader of Clarté, published a letter in l’Humanité, headed “Les travailleurs intellectuels aux côtés du prolétariat contre la guerre du Maroc”, in which he and the other signatories, forced by the events in Morocco, protest against “cette nouvelle grande guerre qui se déploie et s’allonge sept ans après le massacre du dix-sept cent mille Français et de dix millions d’hommes dans le monde“ and demand independence for the Rif as part of the right for self-determination of every people. They see its origin in imperialism and the secret treaty between France and Spain. Yet, they argue in favour of French honour, which is, other than the government claims, not violated by anti-war protest, but by the new bloodshed, which shall be ended by the League of Nations.[26] The reaction to this letter we find five days later in Le Figaro, in an open letter entitled “Les Intellectuels aux côtés de la Patrie”, signed by, inter alia, members of the Académie française. They claim that the majority of intellectuals was on the side of “la patrie” and accuse the writers of the former letter of hypocrisy, because they didn’t protest against the violence against intellectuals in Soviet Russia. The French are depicted as bringing peace, progress and humanity to North Africa, which has ended an eternal, inter-tribal war. In the same issue, an article entitled “Les réalités du Maroc” depicts the Rif rebellion as threatening the entire empire and consequently France’s position as a great power. The author finds the reason of the rebellion in “certaines imprudences de notre politique islamisante” as well as in the disorder WWI has left behind in Europe, a reference to the Communist Opposition.[27] This anticommunism was, as we have already seen in the case of the colonial immigrants, deeply rooted in the political elite and the driving force behind efforts for colonial modernisation, which should, according to Colonial Minister Albert Sarraut, serve as an anti-communist security measure.[28]

Call for fraternisation of French and Rif soldiers in L'Humanité, 07.07.1925, p.1. The text reads: “La Fraternisation dans la mort”. Subtitle: “Le capitalisme vous fait frateriser DANS LA MORT ; soldats français et riffains, fraternisez DANS LA VIE!”
Call for fraternisation of French and Rif soldiers in L’Humanité, 07.07.1925, p.1. The text reads: “La Fraternisation dans la mort”. Subtitle: “Le capitalisme vous fait frateriser DANS LA MORT ; soldats français et riffains, fraternisez DANS LA VIE!”

On the same day, l’Humanité published a call for fraternisation of French and Rif soldiers. The whole country is described as rising against the imperialists, who have brought war in the country they pretend to cultivate. Interestingly, they too draw a line between Communism and anti-imperialism by citing the resistance of French soldiers to intervene in the Russian civil war as an example for successful fraternisation.[29] The socialist newspaper Le Populaire presents a forth position. Like Barbusse, they call for the League of Nations to solve the situation, but at the same time they consider the war necessary, although “le Parti socialiste n’assume aucune responsabilité du passé pour l’occupation militaire du Maroc.” Therefore, they condemn the propagated fraternisation, which would make the soldiers victims both of French militarism and “de la politique étrangère de bolchevisme.” The evacuation of Morocco would only worsen the situation and has therefore to be opposed.[30] Yet, even the Communist resistance and attitude towards the colonial question was ambivalent, as we have seen already in the case of the Algerian nationalists. In the course of the 1930s, the party, whose base “had never been entirely committed to the rights of colonial people”, refrained from its anti-racist stance and “amounted to a tacit defence of the empire.”[31]

The Maghreb, this essay has shown, “marked France’s passage through the twentieth century.”[32] It formed a decisive part of the French inseparably linked national and imperial modernity by creating a constant duality and hierarchy of culture and humanity. The colonial Other was thereby imprinted on French culture and politics, visible in the Négritude or the racist surveillance practices. The discourse around the Rif war, the first real threat to the imperial world order, was closely linked to the rather inner-European contestation of varying vision of modernity. If we look further into the history of Western Europe in the 20th century, we find that the Rif war was of great importance for the dark side of modernity in both France and Spain, the two countries fighting the Rif Republic hand in hand: it is the same figures that lead or partake in the suppression of the first at least for some years successful African struggle for independence that will later lead the fight against the French and Spanish republics, Francisco Franco and, after Lyautey’s removal in 1925, Philippe Pétain. Part of this dark side of modernity was also the “colonial holy alliance”, which was apparent at the participation of fascist Italy at the 1931 colonial exhibition. At the same time, el-Krim’s guerrilla tactics inspired Che Guervara to create his version of an anti-imperial modernity[33], which had been imagined in interwar Paris, the place where Algerian, Chinese and Vietnamese anti-imperial fighters met who should change history so dramatically in the era of decolonization. The city thus remained the “capital of modernity” in the first half of the 20th century.

Primary Sources

Barbusse, Henri: “Les travailleurs intellectuels aux côtés du prolétariat contre la guerre du Maroc”, in L’Humanité, 02.07.1925, p. 1.

“Devant La Tuerie. Fraternisation!”, in L’Humanité, 07.07.1925, p. 1.

“Les Intellectuels aux côtés de la Patrie”, in Le Figaro, 07.07.1925, p. 1.

“Paix immédiate! Evacuation! Tout le Maroc se soulève contre l’envahisseur”, in Le Figaro, 07.07.1925, p. 1.

“Pour la paix au Maroc. Une Conférence socialiste internationale”, in Le Populaire, 01.08.1925, p.2.

“Résolution sur le Maroc. Votée à l‘unanimité”, in Le Populaire, 31.07.1925, p. 1.

Romier, Lucien: “The realities of Morocco”, in Le Figaro, 07.07.1925, p. 1.

Secondary Sources

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[1] Harvey, David: Paris, Capital of Modernity (New York: Routledge, 2006).

[2] Goebel, Michael: Anti-Imperial Metropolis. Interwar Paris and the Seeds of Third World Nationalism (Cambridge: Cambridge University Press, 2015).

[3] Billig, Michael: Banal Nationalism (London: Sage Publications, 1995).

[4] Janes, Lauren Rebecca Hinkle: The Taste of Empire: Colonial Food in Interwar Paris (Pro Quest Dissertations Publishing, 2011), pp. 1-20, 333.

[5] Thomas, Martin: The French empire between the wars. Imperialism, politics and society (Manchester: Manchester University Press, 2005), pp. 190-191.

[6] Lebovics, Herman: True France. The Wars over Cultural Identity, 1900-1945 (Ithaca: Cornell University Press, 1994), p. 53.

[7] Ibid., pp. 57-59.

[8] Thomas: Empire, pp. 188-189.

[9] August, Thomas G.: The Selling of the Empire. British and French Imperialist Propaganda, 1890-1940 (Westport: Greenwood Press, 1985), pp. 54-64.

[10] Neulander, Joelle: Airing the exotic: Colonial landscapes on French interwar metropolitan Radio, Historical Journal of Film, Radio and Television, 27 (2007), pp. 313-332.

[11] Slavin, David Henry: Colonial Cinema and Imperial France, 1919-1939. White Blind Spots, Male Fantasies, Settler Myths (Baltimore: John Hopkins University Press, 2001), pp. xi-4.

[12] Furlough, Ellen: Une leçon des choses: Tourism, Empire, and the Nation in Interwar France, French Historical Studies, 25 (2002), pp. 441-473.

[13] Lebovics: France, p. 94.

[14] Sweeney, Carole: La Revue Nègre: négrophilie, modernity and colonialism in inter-war France, Journal of Romance Studies, 1 (2001), pp. 1-13.

[15] Ezra, Elizabeth: The Colonial Unconscious. Race and Culture in Interwar France (Ithaca: Cornell University Press, 2000), p. 3.

[16] MacMaster, Neil: Colonial Migrants and Racism. Algerians in France, 1900-62 (New York: St. Martin’s Press, 1997), p. 4.

[17] Ibid.

[18] Rosenberg, Clifford: The Colonial Politics of Health Care Provision in Interwar Paris, French Historical Studies, 27 (2004), pp. 637-668.

[19] Goebel: Metropolis, p. 3.

[20] Thomas: Empire, pp. 186-201.

[21] Aissaoui, Rabah: Algerian nationalists in the French political arena and beyond: the Etoile nord africaine and the Parti du peuple algérien in interwar France, The Journal of North African Studies, 15 (2010), pp. 1-12.

[22] Thomas: Empire, p. 211.

[23] Ibid., p. 212.

[24] Daughton, J.P.: Behind the Imperial Curtain. International Humanitarian Efforts and the Critique of French Colonialism in the Interwar Years, French Historical Studies, 34 (2011), pp. 503-528.

[25] Drake, David: The PCF, the Surrealists, Clarté and the Rif War, French Cultural Studies, 17 (2006), pp. 173-188.

[26] L’Humanité, 02.07.1925, p. 1.

[27] Le Figaro, 07.07.1925, p. 1.

[28] Thomas, Martin: Albert Sarraut, French Colonial Development, and the Communist Threat, 1919-1930, The Journal of Modern History, 77 (2005), pp. 917-955.

[29] L’Humanité, 07.07.1925, p. 1.

[30] Le Populaire, 01.08.1925, p.2 and 31.08.1925, p. 1.

[31] Slavin: Cinema, pp. 4, 73-74.

[32] Ibid.

[33] Er, Mevliyar: Abd-el-Krim al-Khattabi: The Unknown Mentor of Che Guevara, Terrorism and Political Violence, 0 (2015), pp. 1-23.

Brechts “Trommeln in der Nacht” – ein modernes Revolutionsstück

„Glotzt nicht so romantisch!“[1] Kaum eine Aufforderung bringt die Grundidee von Brechts Epischem Theater kürzer und treffender auf den Punkt, nämlich die Auflösung der Illusion im Theater, die Aufforderung an das Publikum, sich mit dem Geschehen auf der Bühne kritisch auseinander zu setzen und aus den vorgeführten Umständen ebenjene in der Realität zu ändern. Dennoch zählt das Stück, zu dessen Uraufführung an den Münchner Kammerspielen im Jahre 1922 Plakate mit unter anderem ebenjener Aufforderung auf Brechts Wunsch hin im Zuschauerraum hingen, nämlich „Trommeln in der Nacht“ – ursprünglich hatte Brecht dem Stück den Namen „Spartakus“ gegeben – nicht zur Gattung des Epischen Theaters, das in der Forschung zum ersten Mal in „Mann ist Mann“ in Erscheinung tritt.[2]  Hin und hergerissen ist die Wissenschaft, wenn es um die Einordnung des Stückes in eine Theatergattung geht: Konrad Feilchenfeldt etwa fasst das Stück als ‘Zeitstück’ auf[3], Hans Kaufmann hebt das Komödienhafte bei seiner Einordnung hervor[4], Werner Hecht will es als Auseinandersetzung mit dem Expressionismus wissen[5], Manfred Voigts mit der Romantik.[6]

Doch nicht nur dass das Stück in der Forschung nicht recht in eine bestimmte Gattung einzuordnen ist, es entbehrt auch generell eines allzu großen Interesses: „Überhaupt liegt Trommeln in der Nacht der gegenwärtigen Forschung etwas fern. Wie Hans Kaufmann richtig bemerkt, steht ‘das Stück des Zwanzigjährigen […] in der heutigen Brecht-Debatte im Schatten der späteren Werke des Dichters.’“[7] Dennoch meint jener Hans Kaufmann eben auch, dass in den „Trommeln“[8] „[…] so bedeutende Ansätze der Erneuerung eines realistischen Dramas [stecken], daß man von seinem Erscheinen eine neue Phase in der Geschichte des deutschen Dramas datieren kann.”[9]

Die dieser Arbeit zugrunde liegende Fragestellung ist, in welchem Maße Elemente aus Brechts epischem Theater in „Trommeln in der Nacht“ bereits vorhanden sind. Dabei geht es von bühnentechnischen Mitteln wie den bereits erwähnten Plakaten sowie der Nutzung von Musik über spezifisch antiillusionistische Mittel in der Sprache und der bewusste Zerstörung der romantischen Emotion in den Gesprächen hin zur von Brecht in frühem wie spätem Stadium benutzten Gestik. Daran soll deutlich werden, dass es in dem Stück zwar schon – entgegen Brechts eigenem späteren Urteil – eine Verfremdung des Vorgangs auf der Bühne gibt, diese aber noch in ihren Grundzügen steckt bzw. in einer anderen Art und Weise vorhanden ist als in den späteren Stücken, die die Forschung zur Gattung des epischen Theaters zählt.

Epische Elemente in “Trommeln in der Nacht”

Hintergrund/Umwelt

Eines der markantesten Mittel Brechts, bereits in den „Trommeln“ durch das Bühnenbild und die  Umwelt der dramatischen Konstellation Einfluss auf den Zuschauer zu nehmen, sind Plakate im Zuschauerraum, die bereits zu Beginn erwähnt wurden. Diese erinnern den Zuschauer nicht nur daran, das Geschehen nicht zu romantisieren und ihm somit die politische Relevanz und Reflexion auf die eigene Wirklichkeit zu nehmen, sondern kündigen auch die Handlung des kommenden Aktes an, zwar nicht wie beispielsweise im Stück „Mutter Courage und ihre Kinder“ durch konkrete Angaben des kommenden Geschehens zwecks Vernichtung der Spannung und Konzentration auf die Art der Darstellung, doch durch Vorausdeutungen der Thematik bzw. durch inhaltliche Anregungen, durch die der Zuschauer das Geschehen unter ebendiesen Aspekten betrachten kann. Es wird somit Einfluss auf die Betrachtungsweise des Zuschauers genommen, seine Wahrnehmung soll in eine bestimmte Richtung gelenkt werden, ebenso wie der Zuschauer beispielsweise im „Guten Mensch von Sezuan“ durch die Apostrophen der Schauspieler ans Publikum zu einer ganz spezifischen Deutung gelangen soll, nur dass dieser Effekt in den „Trommeln“ noch schwach zu erkennen ist. Am deutlichsten wird die Einflussnahme auf den Zuschauer im vierten Akt, der mit dem Plakat „Es kommt ein Morgenrot“ den Morgen der Revolution beschreibt, denn die Bezeichnung Morgenrot nimmt voraus, dass die ‘rote’ Revolution – wie das Morgenrot des Tages am Mittag vergangen ist – sich ebenso wandeln bzw. vergehen wird wie Kraglers revolutionäre Haltung am Ende des Stückes.

Für Astrid Oesmann sind nicht nur die Schilder Teil eines „[…] complex network of epic components that simultaneously support and interrupt the fable of the play. The stage directions, for example, call for signs bearing the title of each act to serve as part of the set. The sign simultaneously announces the title of the act and imports Kragler’s fragmented past into the bourgeois present “[10] Meiner Meinung nach bieten sie jedoch nicht allein Einblick in seine Vergangenheit, sondern sind auch – wie gerade geschildert – eine konkrete Einflussnahme auf den Zuschauer.

Doch nicht allein die Plakate bezeugen ein ‘unterbewusstes’, zumindest aber noch nicht konzeptionalisiertes Benutzen epischer Elemente in den „Trommeln“. Vor allem der Rote Mond aus Pappe, der sinnbildich für die Revolution beim Auftauchen Kraglers rot aufglüht und den er am Ende mit einer Trommel vom ‘Himmel’ wirft, parodiert sowohl die romantische Sicht auf die Revolution als auch auf das Theater selbst. Guy Stern meint dazu: „Der rote Mond dient also nicht nur dem politischen Engagement, wenn von einem solchen überhaupt die Rede sein kann, sondern in erster Linie der Darstellungstechnik: Er ist meines Erachtens das erste Beispiel einer Brechtschen Verfremdung. So wird dieses Stilmittel auch von Marianne Kesting aufgefaßt: ‘Die Sprüche im Zuschauerraum, in deutlicher Absicht des épater le bourgeois angebracht, enthielten zugleich einen Angriff auf die Wirklichkeitsidentifikation der naturalistischen Bühne. Durch allerlei Verfremdungen wie das Aufglühen des roten Monds . . . übertrug Brecht die Vorgänge auf eine parabolische Ebene und betonte das Spiel als Spiel.’“[11] Die Auffassung des Mondes als erstes Verfremdungsmittel ist insofern gerechtfertigt, als dass der Mond nicht nur ein parodistisches Bühnenelement ist, durch das eine Romantisierung der Bühnenvorgänge verhindert werden soll, sondern sich auch in den Dialogen widerspiegelt: Kragler meint etwa, als Anna ihm gesteht, schecht zu sein, da sie nicht bis zuletzt auf ihn gewartet habe: „Ich weiß nicht, was du sagst. Aber vielleicht ist es der rote Mond.“[12] Der Kellner Manke meint später auch: „Er hat den Mond im Kopf.“[13] und verwendet somit wieder die bühnentechnische ‘Umwelt’ Kraglers, um seinen Zustand zu beschreiben. Der Bühnenhintergrund greift also sowohl in die inhaltliche als auch in die rezeptionelle Ebene ein, indem den Zuschauern deutlich gemacht wird, dass Kraglers revolutionäres Verhalten lediglich den ‘roten Umständen’ der Zeit geschuldet sind, ihm ein tiefes revolutionäres Denken jedoch fehlt.

Musik

Zahlreiche Lieder durchbrechen das Geschehen des Stückes bzw. begleiten es, zwar noch nicht in epischer Weise von den Schauspielern den Erzählfluss unterbrechend vorgetragen, doch Brecht selbst schreibt 1935 in einer Abhandlung Über die Verwendung von Musik für ein episches Theater: „Für episches Theater wurde, soweit es meine eigene Produktion betrifft, in folgenden Stücken Musik verwendet: „Trommeln in der Nacht“, „Lebenslauf des asozialen Baal“, […]. In den ersten paar Stücken wurde Musik in ziemlich landläufiger Form verwendet; es handelte sich um Lieder oder Märsche, und es fehlte kaum je eine naturalistische Motivierung dieser Musikstücke. Jedoch wurde durch die Einführung der Musik immerhin mit der damaligen dramatischen Konvention gebrochen […]“[14]

Neben den politisch motivierten Liedern, also des Deutschlandliedes zur Verdeutlichung der nationalistischen Haltung der Balickes (Balicke meint über das Lied: „Das ergreift mich immer wieder.“[15]) sowie die Marseillaise als Ankündigung der Revolution, die Brecht in der zweiten Fassung durch die Internationale ersetzt[16], begleiten auch vor allem religiöse Lieder wie „Ich bete an die Macht der Liebe“ oder Gounods „Ave Maria“ die Handlung. Deutlich wird dabei, dass durch die Lieder ebenso wie bereits beim Bühnenbild bzw. den Plakaten Einfluss auf die Rezeption des Zuschauers genommen wird, das Stück geht also über den Text hinaus und bildet eine Vorform der späteren Verwendung von Musik für Brechts Theater.

Lediglich gegen Ende hin, im vierten Akt, kommen songmäßige Elemente im Stück auf: So singt ‘Der besoffene Mensch’ zwei mal gegen Ende des vierten Aktes die Zeilen:

„Meine Brüder, die sind tot

Und ich selbst wär’s um ein Haar

Im November war ich rot

Aber jetzt ist Januar“[17]

Zwar wird hierdurch die Handlung nicht wie später etwa in der Dreigroschenoper unterbrochen, um das Geschehen zu kommentieren, doch ebenso wie das gleich auf diese Zeilen folgende von Kragler vorgetragene Lied „Ein Hund ging in die Küche“, das jedoch nicht an einem Stück, sondern bis zum Ende des Aktes strophenweise die Trialoge unterbricht, nimmt es Stellung zur Handlung und unterbricht diese zeitweise.

Illusion/Antiillusion

Obwohl Brecht selbst später schreibt, das Mittel der Verfremdung habe ihm nicht zur Verfügung gestanden, kann man zusätzlich zu den bereits genannten Mitteln der Bühnentechnik auch in der Sprache Tendenzen erkennen, die eine antiillusionistische Tendenz erkennen lassen. An mehreren Stellen wird so deutlich, dass manche Äußerungen der Schauspieler auch an das Theaterverständnis der Zuschauer gerichtet sind: Balicke sagt beispielsweise im ersten Akt, um Anna davon zu überzeugen, Murk zu heiraten: „Also mach du nur keine Oper!“[18]. Im zweiten Akt wird wieder auf die Oper angespielt: „Kellner tritt vor[zu Murk]: Waren Sie beim Militär? Murk: Nee. Ich gehöre zu den Leuten, die eure Heldentaten bezahlen sollen. Die Walze ist kaputtgegangen. Babusch: Reden Sie doch keine Oper! Das ist ja ekelhaft. Schließlich haben Sie doch verdient, nicht? […] Balicke: Sehen Sie, das ist es, worauf es ankommt. Hier liegt der Hase im Pfeffer. Das ist keine Oper. Das ist Realpolitik.“[19]

Gegensätzlich dazu stehen jedoch die steten Anspielungen auf Kraglers ‘gespenstische’ Gestalt: Bei seinem Erscheinen meint er etwa: „Na, was schauen Sie denn so überirdisch? Auch Geld für Kränze hinausgeschmissen? Schade drum! Melde gehorsamst: habe mich in Algier als Gespenst etabliert.“[20] Deutlicher wird es sogar noch später, als Balicke ihm vorwirft: „Sie sind überhaupt nur aus einem Roman. Wo haben Sie ihren Geburtsschein?“[21] oder als ihn die Prostituierte Auguste im Fünften Akt fragt: „Hast du eine Erscheinung?“[22] Diese scheinbar gegensätzlichen Tendenzen lassen sich dadurch erklären, dass er nicht „[…] den Helden der Revolution [verkörpert], den er gar nicht verkörpern will, sondern den Helden des Kriegs als Überlebenden.“[23], wie Konrad Feilchenfeldt meint. Dem stimme ich insofern zu, als dass Kraglers illusionistische Darstellung, die noch dadurch verstärkt wird, dass sich Kragler mit dem exakten Wortlaut vorstellt, den Anna vorausgesagt hatte, seiner Existenz als Kriegsheimkehrer geschuldet ist und an dieser Stelle einen rein inhaltlichen Bezug herstellt, keinen zur dramentechnischen Form, was deutlich macht, dass ein antiillusionistischer Verfremdungseffekt im Stück noch in den Kinderschuhen steckt und nicht durchgängig Verwendung findet.

Der deutlichste Angriff auf die Illusion des Theaters findet sich jedoch ganz am Ende des Stückes, als Kragler in bereits epischer Weise dem Publikum entgegen ruft: „Es ist gewöhnliches Theater. Es sind Bretter und ein Papiermond und dahinter die Fleischbank, die allein ist lebhaftig.“[24] und mit seiner Trommel den Papiermond vom ‘Himmel’ wirft. Erneut spricht er das Publikum direkt an: „Glotzt nicht so romantisch! Ihr Wucherer! Trommelt. Ihr Halsabschneider! Aus vollem Halse lachend, fast erstickend: Ihr blutdürstigen Feiglinge, ihr!“[25] Es ist kaum zu leugnen, dass es sich hierbei um epische Elemente handelt. Das Theater wird als solches enttarnt, die (romantische) Illusion zerstört, was sogar noch durch die Regieanweisungen unterstrichen wird, die an dieser Stelle deutlich machen, dass der Mond „[…] ein Lampion war […]“ und der Fluss „[…] kein Wasser hat.“[26]

Werner Hecht meint zum Thema der Illusion im Stück, dass Brecht „Von vornherein versuchte, […] ein Wirklichkeitsabbild zu geben ohne Illusionen über diese Wirklichkeit, ohne Illusionen über die Möglichkeiten des bürgerlichen Menschen.“[27] Dies ist – wie dargestellt – nur insofern richtig, als dass es zwar deutliche und weniger deutliche Angriffe auf die Illusion der Bühne gibt, jedoch auch in der Gestalt des Kragler diese Tendenzen teilweise revidiert werden.

Emotion

Eine der durchgängigsten Tendenzen des Stückes ist die systematische Zerstörung der Emotionen. Dies kann man einerseits als Parodie auf den romantischen Pathos ansehen, andererseits aber auch als antiillusionistisches Element, das dem Zuschauer die romantische Indentifizierung mit den Personen erschweren soll. Schon im ersten Akt, als Balicke seiner Tochter die (romantische) Erinnerung an Kragler nehmen will und sie von Murk überzeugen will – „Balicke: Na, er [Murk] bringt dich schon rum, er braucht nur gewisse Vollmachten, so was wird am besten in der Ehe geschmissen. Ich kann dir das nicht so erklären, du bist zu jung dazu! Kitzelt sie. Also: es gilt? Anna: lacht schleckig: Ich weiß gar nicht, ob der Friedrich will!“[28] – wird die Vorstellung einer romantischen Liebesbeziehung zerstört, ebenso als Anna Murk anschließend sagt: „Das zwischen uns, das ist nichts!“[29] und Murk sie dann „[…] mit Gelassenheit“[30] küsst. Neben dem Vater, der immer wieder zotenreich die Beziehung zwischen den beiden kommentiert und der sehr unromantisch und merkwürdig geschilderten Liebesbeziehung zwischen Anna und Murk ist beispielsweise auch Annas erste Reaktion auf Kraglers Ankunft, auf den sie vier Jahre lang gewartet hat: „Anna nimmt eine Kerze auf, steht ohne Haltung, leuchtet ihm ins Gesicht: Haben dich nicht die Fische gefressen?“ und kurz darauf „Haben Sie dich nicht ins Gesicht geschossen?“[31] ebenso ’emotionslos’ wie Kraglers Antwort auf Annas Geständnis, sie hätte auf ihn warten sollen: „Kragler: Du hättest eine Photographie gebraucht.“[32] Die Emotion wird zerredet, sobald sie aufkommt. Ein noch drastischeres Beispiel ist das Gelächter aller Personen in der Kneipe, als Kragler Anna seine Liebe gesteht. Das an sich romantische Wiederfinden Kraglers und Annas endet mit Kraglers Worten: „Das Geschrei ist alles vorbei, morgen früh, aber ich liege im Bett morgen früh und vervielfältige mich, daß ich nicht aussterbe.“[33] An diesen wenigen Beispielen wird deutlich, wie jedes emotionelle Moment bewusst zerstört wird, um die Zuschauer an der Einfühlung in die Personen zu hindern. Wiederum wird hier die Tendenz deutlich, dass eine Verfremdung bzw. antiillusionistische Absicht in anderer Form als in den späteren Stücken vorherrscht, man diese Tendenzen aber in ihrer Wirkung dennoch nicht abstreiten kann.

Gestik

Ein Element, das man sowohl in Brechts frühen als auch in den späten epischen Stücken in gleicher Form erkennen kann ist das der Gestik. Für Brecht selbst „[…] zeichnet [der Gestus] die Beziehungen von Menschen zueinander. Eine Arbeitsverrichtung zum Beispiel ist kein Gestus, wenn sie nicht eine gesellschaftliche Beziehung enthält wie Ausbeutung oder Kooperation.“[34] Auch Astrid Oesmann sieht in den „Trommeln“ bereits Brechts spätere gestische Theorie verwirklicht: „Epic components and Gestus combine in a system of internal quotation that constitutes both Kragler’s presence and the presentation of his past. These components, usually associated with Brecht’s later work, serve here the aesthetic fragmentation of the subject.“[35]

Die in den Regieanweisungen angegebene Gestik zeigt besonders an einem Beispiel den Einfluss auf die inhaltliche Ebene: Das Sitzen wird als gestische Metapher für die gescheiterte Revolution benutzt: Balicke meint etwa im zweiten Akt: „Balicke gedämpft: Bring ihn [Kragler] zum Sitzen! Er ist schon halb eingeseift. Im Sitzen gibt es kein Pathos. Laut: Setzt euch alle!“[36] Babusch bringt Kragler daraufhin tatsächlich zum Sitzen, muss ihn jedoch ein zweites Mal niederdrücken, weil dieser erneut aufgestanden ist. Immer wieder im Laufe des zweiten Aktes setzt er sich und steht wieder auf. Als Anna ihn im vierten Akt erneut auffordert, sich zu setzen, bleibt Kragler jedoch in der Tür stehen, was wiederum ein zweites Stilmittel ist, das sich im Stück immer wieder findet und durch das die Zerrissenheit Kraglers zwischen Revolution und kleinbürgerlicher Reaktion verdeutlicht wird. Zugespitzt und parodisiert wird dieses Stilmittel dann im letzten, mit dem Untertitel „Das Bett“ versehenen Akt und Kraglers Worten „Jetzt kommt das Bett, das große, weiße, breite Bett, komm!“[37] Später wird die Symbolik auch auf Murk übertragen: „Murk: Braut! Ist sie das? Ist sie meine Braut? Bricht sie nicht schon aus? Ist er wieder da? Liebst du ihn? Schwimmt die grüne Nuß hinunter? Juckt’s dich nach afrikanischen Schenkeln? Weht der Wind daher? Babusch: Das hätten Sie in einem Stuhl nicht gesagt!“[38]

Außer diesem eher darstellungstechnischen Gestus wimmeln die Regieanweisungen jedoch auch ansonsten von sehr deutlichen und demonstrativen gestischen Anweisungen, die die Intention des Gesagten deutlich unterstreichen. Werner Hecht meint zudem: „Das Gestische, Mimische, auch Akustische lobte Brecht, wenn darin mehr zum Ausdruck, zur Anschauung gebracht wurde, als der bloße Texte besagte.“[39] Dies ist insofern richtig, als dass gestischen Regieanweisungen oft alltägliche Dinge dastellen wie Balickes Rasur am Anfang, das viele Trinken oder das Wasserlassen zweier unbekannter Männer, wodurch eine natürliche, alltägliche Stimmung vermittelt wird, was wiederum einem abgehobenen romantischen Theaterkonzept entgegengesetzt ist.

Fazit

Sucht man gezielt nach epischen Elementen in „Trommeln in der Nacht“, so kann man diese durchaus an vielen Stellen und auf unterschiedliche Art und Weise feststellen: Von den Schildern, die den Zuschauer ihre romantischen Sichtweisen an den Kopf werfen und die Thematik des folgenden Aktes ankündigen über musikalische Unterbrechungen und Einflussnahme auf den Inhalt und die Betrachtungsweise der Zuschauer, die in der Sprache zutage tretende antiillusionistische Tendenz – Kraglers Gestalt ausgenommen – und der Zerstörung der romantischen Emotion hin zur brechtschen Gestik findet sich ein reiches Repertoir an Stilmitteln, die man einem ‘frühen’, noch nicht entwickelten Verfremdungseffekt zuordnen kann. Was die Resultate dieser Arbeit jedoch nicht rechtfertigen ist eine Zuordnung des Stückes in die Reihe der epischen Werke Brechts, insofern widerspricht sie in diesem Punkt nicht der Forschungslage. Selbst wenn viele Tendenzen erstaunlich antiillusionistisch anmuten, so bleiben es Elemente in einem Stück, das an sich nicht die Verfremdung als oberstes Ziel hat und die Handlung über ebenjenes Konzept des epischen Theaters an den Zuschauer heranführt. Zudem steht einer solchen Einordnung in Brechts spätere – marxistisch orientierte – Werke im Wege, dass es keine eindeutige politische Botschaft enthält, was Brecht sebst auch Jahre später an seinem frühen Werk bemängelt. Es fehlt der lehrstückhafte Charakter, das Deutlichmachen bestimmter ökonomischer oder machtpolitischer Strukturen wie etwa in der „Heiligen Johanna der Schlachthöfe“ oder dem „Aufhaltsamen Aufstieg des Arturo Ui“. Brecht ist in Fragen der Revolution in jenen Jahren nach dem Ersten Weltkrieg ebenso zerrissen wie sein Protagonist in den „Trommeln“, Andreas Kragler, der Artillerist aus Afrika.

Bibliographie

Werke und Quellen

Brecht, Bertolt: Trommeln in der Nacht, Frankfurt am Main 1967

Brecht, Bertolt: Gesammelte Werke 15. Schriften zum Theater 1. Über Bühnenbau und Musik des epischen Theaters, Frankfurt am Main 1967

Brecht, Bertolt: Gesammelte Werke 16. Schriften zum Theater 2. Neue Technik der Schauspielkunst. Gestik, Frankfurt am Main 1967

Sekundärliteratur

Feilchenfeldt, Konrad: Bertolt Brecht. „Trommeln in der Nacht“ Materialien, Abbildungen, Kommentar, München, Wien 1976

Hecht, Werner: Brechts Weg zum epischen Theater. Beitrag zur Entwicklung des epischen Theaters 1918 bis 1933, Berlin 1962

Kaufmann, Hans (Philologe): Bertolt Brecht – Tragödie, Komödie, Episches Theater, Ost-Berlin 1962

Kaufmann, Hans (Philologe): “Drama der Revolution und des Individualismus: Brechts Drama ‘Trommeln in der Nacht’“,  In: Weimarer Beiträge, VII (1961)

Oesmann, Astrid: The Theatrical Destruction of Subjectivity and History: Brecht’s Trommeln in der Nacht, In: The German Quarterly 70 (1997)

Stern, Guy: Brechts “Trommeln in der Nacht” als literarische Satire, In: Monatshefte 61 (1969)

Van Laak, Lothar: Medien und Medialität des Epischen in Literatur und Film des 20. Jahrhunderts. Bertolt Brecht – Uwe Johnson – Lars von Trier, München 2009

Voigts, Manfred: Brechts Theaterkonzeptionen. Entstehung und Entfaltung bis 1931, München 1977

[1]Bertolt, Brecht: Trommeln in der Nacht, Frankfurt am Main 1967

[2]Siehe hiezu: Lothar Van Laak: Medien und Medialität des Epischen in Literatur und Film des 20. Jahrhunderts. Bertolt Brecht – Uwe Johnson – Lars von Trier, München 2009, S. 187

[3]Konrad Feilchenfeldt: Bertolt Brecht. „Trommeln in der Nacht“ Materialien, Abbildungen, Kommentar, München, Wien 1976

[4]Hans Kaufmann (Philologe): Bertolt Brecht – Tragödie, Komödie, Episches Theater, Ost-Berlin 1962, S. 136

[5]Werner Hecht: Brechts Weg zum epischen Theater. Beitrag zur Entwicklung des epischen Theaters 1918 bis 1933, Berlin 1962, S. 9

[6]Manfred Voigts: Brechts Theaterkonzeptionen. Entstehung und Entfaltung bis 1931, München 1977, S. 58

[7]Guy Stern: Brechts “Trommeln in der Nacht” als literarische Satire, In: Monatshefte 61 (1969), S. 241-260, hier S. 241

[8]Im Folgenden soll hier das Stück – wie in der Forschung üblich – lediglich als „Trommeln“ genannt werden

[9]Hans Kaufmann, “Drama der Revolution und des Individualismus: Brechts Drama ‘Trommeln in der Nacht’“,  Weimarer Beiträge, VII (1961), S. 316

[10]Astrid Oesmann: The Theatrical Destruction of Subjectivity and History: Brecht’s Trommeln in der Nacht, In: The German Quarterly 70 (1997), S. 136-150, hier S. 138

[11]Stern: Brechts “Trommeln in der Nacht” als literarische Satire, S. 251

[12]Brecht: Trommeln, S. 25

[13]Ebd. S. 40

[14]Bertolt Brecht: Gesammelte Werke 15. Schriften zum Theater 1. Über Bühnenbau und Musik des epischen Theaters, Frankfurt am Main 1967, S. 472

[15]Brecht: Trommeln, S. 14

[16]Sieh hierzu etwa: Stern: Brechts „Trommeln in der Nacht“, S. 250

[17]Brecht: Trommeln, S. 48

[18]Ebd., S. 8

[19]Ebd., S. 30

[20]Ebd., S. 18

[21]Ebd., S. 37

[22]Ebd., S. 52

[23]Feilchenfeldt: Bertolt Brecht. „Trommeln in der Nacht“, S. 95

[24]Ebd., S.59

[25]Ebd., S. 59

[26]Ebd., S. 59

[27]Hecht: Brechts Weg zum epischen Theater, S. 10

[28]Brecht: Trommeln, S. 10

[29]Ebd., S. 11

[30]Ebd., S. 11

[31]Ebd., S. 24

[32]Ebd., S. 25

[33]Ebd., S. 59

[34]Bertolt Brecht: Gesammelte Werke 16. Schriften zum Theater 2. Neue Technik der Schauspielkunst. Gestik, S. 753

[35]Oesmann: The theatrical destruction, S. 138

[36]Brecht: Trommeln, S. 27

[37]Brecht: Trommeln, S: 59

[38]Ebd., S. 35

[39]Hecht: Brechts Weg zum epischen Theater, S. 16

Wohnungsbau in Rom und Moskau in den 1920er Jahren im Vergleich

Der gewaltige „Palast der Sowjets“ (oder vielmehr dessen Plan) inmitten stalinistischer Prunkarchitektur auf der einen Seite, die freigelegte Via dell’Impero oder die Città Universitaria auf der anderen Seite. Das könnten die ersten Assoziationen zum Städtebau im sozialistischen Moskau und dem faschistischen Rom sein. So bedeutend diese propagandistischen Großprojekte auch sind, reicht ein Blick auf sie bei weitem nicht aus, um den politischen Gehalt der städtebaulichen Hauptstadtpolitik zu erschließen. Gerade vom vielleicht marginal erscheinenden Bereich des alltäglichen Wohnens und des dafür nötigen Wohnungsbaus geht also diese Arbeit aus und sucht durch eine vergleichende Perspektive einen breiteren Blickwinkel zu erreichen.

Interessant macht den Vergleich gerade Moskaus und Roms die fast zeitgleiche Machtergreifung der beiden neuen, jeweils auf ihre Weise revolutionären und sicherlich durch den 1. Weltkrieg erst ermöglichten und durch ihn geprägten Regierungen. Sowohl die Bolschewiki unter Lenin also auch die italienischen Faschisten unter Mussolini wollten einen neuen Staat mit einem neuen Menschen, beide verstanden sich als Befreier vom Alten, auch wenn dies in Italien mit einem Antikekult verbunden war. Im Bereich des Wohnungsbaus spiegelt sich dies wie wir sehen werden durch unterschiedliche Herangehensweisen mit trotzdem teilweise ähnlichen Resultaten wieder.

In dieser Arbeit soll dieser Vergleich anhand der Fragestellung durchgeführt werden, was der Wohnungsbau über die jeweiligen Legitimations- und Herrschaftsmechanismen aussagt. Der betrachtete Zeitraum beschränkt sich dabei auf die 1920er Jahre, also von 1917/1922 bis ca. 1930. Dies ist nicht nur des Umfangs der Arbeit geschuldet, sondern auch der Präzision der Fragestellung auf die Etablierungsphase der beiden Systeme. Der betrachtete Gegenstand ist – um die gestellte Frage beantworten zu können – der gesamte Wohnungsbau, es handelt sich also nicht allein um einen Vergleich nur der sozialen Wohnungsbaumaßnahmen. Dies bezieht sich freilich vor allem auf das Beispiel Rom.

Zunächst soll – nach einem kurzen Überblick über die allgemeine Bedeutung des Wohnungsbaus für beide Regime – der ideengeschichtliche Hintergrund verglichen werden, den der Bereich des Wohnens umfasste, um die ideologischen Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten. Anschließend sollen die Planungen den tatsächlich umgesetzten wohnungsbaulichen Maßnahmen entgegengestellt werden, um die sich im konkreten Handeln ergebenden Herrschaftsmechanismen zu analysieren.

Geschichtlicher Überblick

Zentral für das Verständnis des Faschismus, gerade auch in Bezug auf den Bereich des Wohnungsbaus, ist seine Konzentration auf die die Bewegung tragenden Mittelschichten, deren Kern die „qualitativ stark zunehmenden Angestellten der neu geschaffenen oder ausgebauten staatlichen Institutionen“[1] waren. Bereits in den ersten Jahren nach der Machtergreifung der Faschisten erkennt man in den wirtschaftsfreundlichen Maßnahmen, die der Bewegung zwar Sympathien beim bürgerlichen Lager einbrachten, jedoch zu Lasten der Arbeiterschaft gingen, die mit Lohnkürzungen konfrontiert wurden, dass sich das Regime in der Hauptstadt vor allem unter den Beamten seine loyalsten Anhänger suchte und fand.[2] Damit verbunden ist die Tatsache, dass der Wohnungsbau in Rom weit mehr als in Moskau von einer Heterogenität geprägt war, die sich durch die später vorgestellten verschiedenen Institute und die nicht wie im sowjetischen Fall aktiv umgestaltete Sozialstruktur ergab. Gleichermaßen wurden Arbeiter- wie Villenviertel für die Oberschicht gebaut, kurz: Die Idee des neuen faschistischen Menschen bedeutete nicht, Klassenunterschiede im Bereich des Wohnens aufzulösen. Vielmehr bestand die Trennung der verschiedenen Schichten weiter, gerade auch, wie wir sehen werden, im Wohnungsbau. Dennoch sollten sie durch die Klammer der faschistischen Partei zusammengehalten werden.

Allgemein gesprochen stand in den ersten Jahren des Regimes der Umbau der Innenstadt im Vordergrund, während die gezielte Stadterweiterung eher in die dreißiger Jahre fällt. Dies wird am Piano Regolatore von 1931 deutlich, der erstmals konkrete Planungen für den Bau neuer Stadtviertel im Erweiterungsgebiet Roms vorsah. Eine erste wichtige, wenn auch mehr oder minder offensichtliche Tendenz im Städtebau Roms war die starke Konzentration auf Repräsentanz und Antikenkult. Der Wohnungsbau spielt zwar auch immer eine für die Legitimation des Regimes wichtige Rolle, dennoch erkennen wir im Unterschied zu Moskau bereits in den 20er Jahren, also noch in der Konsolidierungsphase des neues Regimes, zahlreiche repräsentative Maßnahmen und den Umbau der Innenstadt zu propagandistischen Zwecken.

Moskau bildet ein sehr unterschiedliches Bild, obgleich auch Gemeinsamkeiten vorliegen, die den Vergleich nahelegen. Die wohl wichtigsten Unterschiede zum Fall Rom sind zum einen die soziale Beschaffenheit Moskaus als Industriestadt mit den damit einhergehenden Problemen bzw. der schlechten Wohnsituation der Arbeiterschaft vor dem Krieg und zum anderen die radikalen gesellschaftspolitischen Vorstellungen der Bolschewiki, die sich bereits in den ersten Jahren nach der Revolution zeigten und in Moskau bemerkbar wurden. Lebten vor 1917 viele Arbeiter in überfüllten Baracken neben den Fabriken am Stadtrand oder im Fall der Unfähigkeit, die Miete im Voraus zu bezahlen, in sogenannten Nachtasylen, verbesserte sich durch die Enteignungen der Bürgerhäuser nach der Revolution zumindest für einige Angehörige der Arbeiterklasse die Wohnsituation. Zudem bestand der Großteil der Häuser noch immer aus Holz und verfügte über keinerlei sanitären Komfort, eine Folge des vor dem Krieg so gut wie kaum realisierten sozialen Wohnungsbaus.[3]

Eine erste allgemeine Tendenz ist der in den zwanziger Jahren vorherrschende Unterschied zwischen Theorie und tatsächlicher Umsetzung wohnungsbaupolitischer Maßnahmen. Die bekannte Planungseuphorie der jungen Avantgarde spiegelt sich auch in den ambitionierten Plänen zur Umgestaltung Moskaus wieder. Zwar finden wir später vorgestellte Ideen des Kommunehauses und der großen Grünanlagen bereits bis 1930 teilweise realisiert, die großen Abrissarbeiten im Zentrum finden jedoch erst im Zuge des Generalplans zur Rekonstruktion Moskaus des Jahres 1935 statt. Mit dem Verbot der Avantgarde und dem Richtungswechsel zum Sozrealismus blieben auch die meisten der Pläne aus den 20er Jahren unverwirklicht.

Der Wohnungsbau steht in der Sowjetunion nicht nur in der Theorie unter einem anderen Vorzeichen als in Italien. Getrieben von der Wohnungsnot und den oft untragbaren hygienischen Bedingungen in der Hauptstadt stehen hygienisch-ökonomische Maßnahmen im Fokus der Baupolitik des Mossowjet[4]. Eine Parallele zur Bevorzugung der staatstragenden Schichten in Italien – im sowjetischen Fall der Parteielite und Spezialisten der Industrie – bildet sich im Bereich des Wohnungsbaus erst im Generalplan der 30er Jahre, als die größeren Wohnungen an den neu erschlossenen Moskva-Ufern diesen Schichten vorbehalten waren.[5]

Planerische Ansätze

Institutionelle Ebene

In Rom setzte das faschistische Regime zunächst auf die großen öffentlichen Wohnungsbaugesellschaften: Neben dem Istituto per le Case Popolari (PCI), der vor allem im sozialen Wohnungsbau aktiv war wurde das Römische Wohnungsbauinstitut für Staatsbedienstete (IRCIS) für den faschistischen Wohnungsbau eingespannt, das Ende der 1920er Jahre im 1924 gegründeten Nationalen Wohnungsbauinstitut für Staatsbedienstete (INCIS) aufging. Der 1923 gleichgeschaltete ICP war sowohl an den anfänglichen Gartenstädten wie am Bau kompakter urbaner Stadtviertel beteiligt. Neben den eigentlichen Sozialwohnungen für subproletarische und Arbeiterschichten war das Institut aber auch am Bau von preisgünstigeren Wohnungen für den römischen Mittelstand beteiligt. Bis 1929 war das ICP vor allem in den Stadterweiterungsgebieten aktiv, so beispielsweise in der bekannten und später noch zu besprechenden „Garten-borgata“ Garbatella.[6] Der Bau der urbanen Mietshäuser für die Mittelschichten durch das INCIS sollte bevorzugt in hochwertigen innerstädtischen Lagen geschehen. Das Institut sollte – gefördert durch staatliche Mittel – gut ausgestattete Mietwohnungen errichten.[7] Oftmals wurden diese öffentlichen Gesellschaften auch zur Förderung privaten Wohnungsbaus benutzt, zu einem sogenannten „Brückenkopf-Wohnungsbau“[8].

Gegen Ende der 20er Jahre wird eine Wende hin zum privaten geförderten Wohnungsbau deutlich, der private Sektor konnte nun ICP und INCIS durch staatliche Anreize vom Wohnungsmarkt verdrängen.[9] Der ICP konzentrierte sich in dieser Phase nur noch auf den Bau von Wohnungen für die ärmsten Schichten der Bevölkerung.

Die starke Trennung zwischen urban angesiedelter Mittelschicht und der Verdrängung ärmerer Schichten an die Peripherie ist auch auf die liberalistischen Maßnahmen der Regierung wie der partiellen Aufhebung der Mietpreisbindung oder der Abschaffung der Besteuerung von Bauland ein Jahr nach dem Marsch auf Rom zurückzuführen. Eine weitere Verschärfung dieser Tendenz findet sich in der vollständigen Aufhebung des Mietpreisstopps im Jahre 1928, der zwar der Immobilienwirtschaft half, jedoch die Kündigung zahlreicher nicht zahlungskräftiger Mieter zur Folge hatte.[10]

In Moskau unterscheidet sich die institutionelle Situation sehr stark von der vor allem gegen Ende der 20er Jahre stark auf die private Wirtschaft setzenden faschistischen Verwaltung. Hauptverantwortlich für den Wohnungsbau ist der Mossowjet[11], der bereits im April 1918, einen Monat nach der Erklärung Moskaus zur neuen Hauptstadt, die Gründung einer Architekturwerkstatt, die sich mit der Ausarbeitung von Plänen zur Umgestaltung der Stadt beschäftigen sollte, veranlasste.[12] 1921 folgte die Berufung der Sonderkommissionen „Neues Moskau“ und „Groß-Moskau“, die sich jeweils mit der Umgestaltung der Innenstadt und der Peripherie Moskaus befassen sollten.[13] Genau in der hier betrachteten Zeitspanne, von 1920 bis 1930, setzte sich auch die Kunsthochschule WChUTEMAS[14] mit den neuen Formen revolutionärer Architektur auseinander. Die hier erarbeiteten avantgardistischen Pläne – vor allem im Zeichen des Konstruktivismus – flossen beispielsweise in Form von Diplomarbeiten in reale Projektierungen ein. So war etwa die Diplomarbeit „Der Landsitz in Ostankino – Gartenstadt“ Teil des Projekts „Neues Moskau“, auch wenn der Arbeit ein Skizzendasein vorbehalten blieb. Auch studentische Pläne bezogen sich neben vielen anderen Projekten auf den Wohnungsbau, beispielsweise in der Planung für sozialen Wohnraum im „Kommunalen Wohnviertel des Stadtbezirks Chamownitscheski“.[15]

Finanziell wurde der Wohnungsbau durch die 1925 gegründete Zentrale Bank für Kommunal- und Wohnungshaushalt („Zekombank“) gefördert, die den Beginn des Massenwohnungsbaus ab 1925 ermöglichte.[16] Zudem kam es im Zuge der Neuen Ökonomischen Politik (NEP) auch zur Förderung privaten Wohnungsbaus, was jedoch fast ausschließlich zum Bau eingeschossiger Holzhäuser führte.[17]

Eine allgemeine Tendenz in der institutionellen Struktur des Wohnungs- und Städtebaus in Moskau sind die zahlreichen Wettbewerbsausschreibungen, die mal nur einzelne Wohnblöcke betrafen, mal ganze Stadtviertel. Beispielsweise wurde der 1922 „unter der Schirmherrschaft des Mossowjet von der ‚Moskauer Architekturorganisation‘ MAO ausgeschriebene Wettbewerb zur ‚Erstellung von Arbeitermusterhäusern‘“[18] richtungsweisend für die folgende Bauperiode. Ein anderes Beispiel ist der Wettbewerb um die ‚Grüne Stadt‘ an der Moskauer Peripherie von 1929/30: der letztlich gescheiterte Wettbewerb zeigt trotz des am Ende ausgeblieben Erfolgs durch die zahlreichen unterschiedlichen eingereichten Pläne die offene Debatte und zugleich die Wichtigkeit des grünen, besseren Wohnens und Lebens zumindest in den Planungen der Stadt.[19]

Bereits im Vergleich der institutionellen Rahmenbedingungen für den Wohnungsbau in Rom und Moskau zeigen sich elementare Unterschiede. Dem sozialistischen Stadtrat mit seinen Wettbewerben, in denen sich die Avantgarde mit ihren Vorstellungen über die neue Stadt und das neue Leben einbringen können, stehen zwar ebenso öffentliche Wohnungsbaugesellschaften entgegen, die jedoch immer mehr vom Markt verdrängt werden und dem kapitalistischen Wohnungsbau weichen müssen. Zudem wird bereits aus der Aufteilung der Gesellschaften für sozialen und bürgerlichen Wohnungsbau der Charakter des faschistischen Italiens als weiterhin kapitalistisch geprägte Nation deutlich, dem sich zumindest in den ersten Jahren der bolschewistischen Herrschaft im Bereich des Wohnungsbaus in Moskau keine vergleichbare Hierarchie als Vergleichsgegenstand anbietet.

Das Konzept der Gartenstadt

Eine interessante Parallele in der Konzeption des Wohnungsbaus bildet die Idee der Gartenstadt, die in beiden betrachteten Fällen zu Beginn der 20er Jahre eine Rolle spielt. In beiden Fällen ist die Idee kein neues, für das jeweilige Regime spezifisches Konzept. Die ursprünglich aus England übernommene Idee der ‚Garden-City‘[20] ist bereits vor der Etablierung der beiden neuen Regime in beiden Staaten anzutreffen.

In Rom beschränkt sich das Konzept auf die beiden Garten-Vororte Garbatella und Aniene, die beide bereits vor 1922 begonnen und von den Faschisten fertig gebaut wurden. Die Idee hinter diesen beiden Garten-Vororten war eine Dezentralisierungspolitik, die jedoch aufgrund massiver Kritik an dem Vorhaben schon bald ihr Ende fand. Das bekannte und oft zitierte Beispiel Garbatella wird später genauer betrachtet.

In Moskau gewinnt das Konzept Gartenstadt mehr an Bedeutung als in Italien. Die Idee, das Problem der Wohnungsnot durch außerhalb der Stadt liegende kleine Städte im Grünen zu lösen, bestimmte die Planungen um das neue Moskau in der ersten Hälfte der 20er Jahre maßgeblich. Zahlreiche Pläne und beispielsweise der bereits zitierte Wettbewerb um die ‚Grüne Stadt‘ Ende der 20er Jahre greifen auf das Konzept zurück, das in Russland bereits durch die Gründung einer Gartenstadtbewebung 1913 seine Fürsprecher besaß. Die Stärke der Idee der Gartenstadt erwuchs dabei aus den sozialen und ökonomischen Faktoren, die nach dem Bürgerkrieg in der Stadt vorherrschten. Den Rückgang der Bevölkerung durch die Schließung vieler Fabriken, Hunger und Epidemien fassten viele Städtebauer als Beginn der Dezentralisation der Großstädte auf und wollten dem durch die neue Siedlungsform am Stadtrand begegnen.[21] Auch die Idee des kollektiven Lebens spiegelte sich in den ersten Jahren in dieser Art der eher bäuerlichen Gemeinschaft wieder.[22] Deutlich wird die beschriebene Tendenz daran, dass im Entwurf des Projekts ‚Neu-Moskau‘ von 1924 um die Stadt ein Ring an Gartenstädten vorgesehen war, der durch eine gute Verkehrsanbindung mit der Innenstadt verbunden sein sollte.[23]

Es wird deutlich, dass das Konzept der Gartenstadt im sowjetischen Fall für die weiteren Planungen von größerer Bedeutung war, was man auch im in den Planungen stets vorhandenen großen Fokus auf ausreichende Grünanlagen in und außerhalb der Stadt sieht, auch wenn gerade das Beispiel Garbatella in Rom zeigt, welche doch wichtigen Spuren die Idee im Stadtbild hinterließ. Interessant ist, dass die Idee, die Probleme der modernen Großstädte durch eine Auslagerung von Wohnraum an die Peripherie der Stadt, um bessere Wohnbedingungen zu erreichen – dies war in Garbatella und Aniene anders als bei vielen der borgate auch in Rom der Fall –, keine Tendenz eines spezifischen Systems war und auch von beiden Regimen nur übernommen wurde.

Gesamtplanung

1923 wurde aufgrund des unkontrollierten Wachstums der außerhalb des Regulierungsplans von 1909 liegenden Peripherie von Rom eine Kommission einberufen, die einen neuen, den Umständen entsprechenden Regulierungsplan erstellten sollten. Dieser trat 1931 in Kraft und sah erstmals eine Einteilung der Neubauten in verschiedene Typen vor. „Nur 15 % des Neubestandes verteilten sich auf eine intensive Blockbebauung, 30 % gingen auf einzeln stehende Mehrfamilienhäuser und 28 % auf Ein- und Zweifamilienhäuser. Die restlichen 27 % des gesamten Wohnbauvolumens waren für Villen und Reihenhäuser vorherbestimmt worden.“[24] Für den Zeitraum bis 1931 kann man jedoch noch keinen faschistischen Gesamtplan mit festen Vorgaben erkennen.

Zu erwähnen in diesem Zusammenhang ist auch die Haltung der Faschisten und hierbei insbesondere Mussolinis zur Stadt insgesamt. Eine allgemeine Skepsis in Bezug auf große Menschenansammlungen in Metropolen und die Sympathien für das dörfliche Leben hatten jedoch auf Rom keinen großen Einfluss. Zwar erkennt man in den 30er Jahren teilweise den Willen, den Zuzug vor allem ärmerer Einwohner aus dem Süden Italiens zu stoppen, im hier betrachteten Zeitraum war jedoch Rom als Hauptstadt den großtstadtfeindlichen Tendenzen nicht ausgesetzt. Vielmehr sollte die Stadt, um in Konkurrenz zu den andern europäischen Metropolen treten zu können, stark anwachsen und die 2 Mio.-Einwohner-Marke erreichen.

Franz Bauer vertritt in seinem Buch „Rom im 19. und 20. Jahrhundert“ die These, Mussolini sei am Wohnungsbau nichts gelegen gewesen und er betreffe nur ein allgemeines Problem jedes Staates: „Die Wohnungsfrage gehörte zu jener Kategorie von Aufgaben, die Mussolini als problemi della necessità klassifiziert hatte: Imperative des politischen und administrativen Handelns, […], die aus elementaren Bedürfnislagen kommen, Handlungszwänge, die letztlich ideologieunabhängig sind und bei denen Pragmatik vor Dogmatik geht.“[25] Natürlich ist es richtig, dass der Bau von Wohnungen zur Aufgabe jedes Staates gehört oder gehören sollte, jedoch wird meiner Ansicht nach durch diese Sichtweise nicht berücksichtigt, dass die Entscheidung, welche Art von Wohnungen in welchem Umfang an welcher Stelle gebaut werden, einen großen Einfluss auf die Bevölkerung hat. Natürlich sind die großen Monumente im Zentrum, die Città Universitaria oder die freigelegten antiken Bauten von größerer propagandistischer Wirkung. Über Konsens und Machtsicherung sagen die verschiedenen Wohnbauten, gerade in Rom, jedoch mehr aus. In Bezug auf den Gesamtplan bedeutet dies, dass das Fehlen von allumfassenden Plänen einer Neugestaltung der Hauptstadt vor allem im Wohnungsbereich, wie wir sie in Moskau gleich sehen werden, auch der nicht allumfassenden Herrschaft Mussolinis und der faschistischen Partei neben König und auch Papst und dem klassenstrukturierten Gesellschaftsmodell entsprach.

In Moskau gewinnt die Gesamtplanung durch die bereits erwähnte Hauptstadtwerdung 1918 eine neue Bedeutung. Nachdem die ersten Maßnahmen der neuen Machthaber reine Strukturveränderungen sind – so etwa die bereits erwähnten Umsiedlungen von Arbeitern in Häuser der ehemaligen Oberschichten[26] – wird bereits in den ersten Jahren mit der Neuplanung Moskaus begonnen. Der erste Plan der 1918 gegründeten, bereits erwähnten Architekturwerkstatt, wurde bereits im Dezember 1918 einem Gremium der Abteilung für Stadtplanung des VSNCH[27] vorgelegt und positiv aufgenommen. Neben dem Ausbau der Verkehrsinfrastruktur, insbesondere der Metro, sollten neue Wohnbauflächen erschlossen werden. Wichtig für diese Arbeit ist auch der Fokus auf eine Verbesserung der allgemeinen hygienischen Bedingungen, die u.a. durch zahlreiche Grünanlagen in der Innenstadt erreicht werden sollte.[28] Natürlich ist der Fokus auf die Verbesserung der Lebensbedingungen zu Beginn der bolschewistischen Herrschaft auf die Situation in der Stadt zurückzuführen, die wohl keinem Vergleich mit Rom genügen. Dennoch ist meiner Meinung nach wichtig zu betonen, dass die ersten Planungen bis Ende der 20er Jahre von repräsentativen Ideen, die mit der Freilegung der antiken Bauten in Rom vergleichbar wären, zugunsten der Verbesserung der sozialen und ökonomischen Situation der Arbeiter absahen. Wie im Fall Roms kann hier ebenfalls das Argument angeführt werden, dass sich die neue Regierung ebenso wie die Faschisten auf die Bevölkerungsgruppe stützten, durch die sie ihre Herrschaft durchsetzten und legitimierten, also die Arbeiterschaft.

Auch das Projekt ‚Neues Moskau‘ sah eine allgemeine Entlastung der Innenstadt vor. Neben dem Ring aus Gartenstädten sollten auch die Bahnhöfe in einen Entlastungsring außerhalb der Innenstadt verlegt werden. 1923 schließlich fiel nicht nur der Beschluss des Baus der Moskauer Metro, deren erste Planungen um 1900 fallen, als man sich bereits vor der Elektrifizierung der Straßenbahnen Gedanken über die Errichtung von Untergrundbahnen machte[29], und deren Idee im Verlauf der zwanziger Jahre bis zur politischen Entscheidung 1931 immer präsent blieb[30]. Es wird auch durch die ‚Erste Allrussische Landwirtschaftsausstellung‘, so viel sei hier vorweggenommen, ein erster Ansatz des Planentwurfs ‚Neues Moskau‘ zur Begrünung der Stadt vorgenommen. Durch die Ausstellung wurde ein „mehr als 65 Hektar umfassendes Gebiet städtebaulich erschlossen, gestaltet und begrünt. […] Die Ausstellung, die eine Ausdehnung der Stadt nach Süden in den Bereich der Sperlingsberge vorsah, ‚war als Anfang einer aktiven und ausgedehnten Bautätigkeit in der Hauptstadt der Republik gedacht.‘ Sie sollte der Anfang des ‚Neuen Moskau‘ sein.“[31]

Das parallel laufende Projekt ‚Groß-Moskau‘, „das im Auftrag der Moskauer Kommunalwirtschaft (MKCH) von einer Kommission unter dem Vorsitz von Sergej S. Žestakov ab 1921 bearbeitet wurde und parallel zu den Planungen des ‚Neuen Moskau‘ entstand, wurde 1925 in Form einer Broschüre veröffentlicht.“[32] Darin hieß es:

‚Moskau wurde wieder staatliches Zentrum […]. Deshalb besteht Grund zu der Annahme, dass Moskau sich in Zukunft in eine der größten Städte der Welt verwandeln wird […]. Die natürliche Entwicklung der Stadt und die erforderliche Erweiterung ihres Territoriums muss früh genug bedacht werden […]. Die Bevölkerung Moskaus wird in 20 Jahren, d.h. 1945, auf vier Millionen anwachsen.‘“[33]

Aufgrund des hohen Sanierungsbedarfs sollte die Stadt nicht komplett neu gebaut werden, sondern vielmehr durch Auflockerung dicht besiedelter Bezirke sowie Straßenregulierungen in der Altstadt und Gartenstädten in der Stadtrandzone umgebaut werden.[34]

In der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre erkennt man ein Hineinwachsen in den Gesamtwirtschaftsplan des Landes. Die Industrialisierung spielte nun eine immer wichtigere Rolle, vor allem ab Beginn des ersten Fünfjahrplans 1928. Trotz eines Entgegenwirkens blieb der Wohnungsbau immer mehr hinter dem Industrieaufbau zurück. Die 1927 erfolgte ‚Verordnung über Maßnahmen zur Verwirklichung von Arbeiterwohnungen‘ und der Beschluss ‚Über die Wohnungspolitik‘ von 1928 sollten der Wohnungsnot, die durch den massiven Zuzug vom Land in die neuen Industrien der großen Städte, insbesondere Moskaus, vorherrschte, entgegenwirken, brachten jedoch keine endgültige Lösung des Wohnungsproblems.[35]

Bei der Betrachtung der Gesamtplanung der beiden Städte fällt auf, dass der Wohnungsbau in der Gesamtplanung eine sehr unterschiedliche Rolle einnimmt. Natürlich muss jedoch zunächst die sehr unterschiedliche soziale und ökonomische Situation betont werden. Während in Rom zwar durch den Zuzug aus dem Süden, die Vergrößerung des Verwaltungsapparats und nicht zuletzt durch die Pläne, Roms Einwohnerzahl auf 2 Mio. zu erhöhen, stets Wohnungsknappheit vorherrschte, ist die Lage im durch Bürgerkrieg, Hungersnot und Rückgang der Bevölkerung in den ersten Jahren der bolschewistischen Herrschaft geprägten Moskau doch durchaus dramatischer. So beginnen die ersten Wettbewerbe um Entwürfe des Palasts der Sowjets erst in den dreißiger Jahren, nach der Konsolidierung des neuen Staates und der Verbesserung der wirtschaftlichen Situation, während in Rom bereits in den 20er Jahren mit den repräsentativen Maßnahmen im Zentrum begonnen wird.

Detailplanungen

Neben der Gesamtplanung lohnt es sich, einen genaueren Blick auf die Pläne bezüglich der verschiedenen Häusertypen und kleineren Wettbewerbe zu werfen. Auffällig ist die Breite an verschiedenen Gebäudeklassen im römischen Wohnungsbau, die neben der erwähnten Unterscheidung in Bevölkerungsschichten auch eine architektonische Vielfalt mit sich brachten.

Anders als der erste Blick auf die Baracken am Stadtrand vermuten lässt sollten die borgate zumindest in der Theorie eine Verbesserung der Lebens- und Wohnbedingungen mit sich bringen und zudem zur Rurifizierung beitragen[36], was jedoch in den meisten Fällen nicht zutraf. Neben dem bekannten Beispiel der borgate wurden im Bereich des sozialen Wohnungsbaus auch sogenannte case pololari errichtet, die bereits vor 1922 gebaut worden waren, als nach der Hauptstadtwerdung 1870 Arbeiterwohnungen benötigt wurden. Diese Sozialbauten, die vor allem vom ICP gebaut wurden, konnten verschiedene Formen annehmen und konnten oft nicht von Mittelklasse-Häusern unterschieden werden. Nach der Machtübernahme Mussolinis wurden diese Sozialbauten von den Faschisten weitergeführt.[37] Neben den meist eingeschossigen borgate in der Peripherie gab es also auch mehrgeschossige Häuser bis hin zu den ‚superblocchi‘ genannten dicht bewohnten Mietskasernen für die ärmeren bzw. Arbeiterschichten.[38]

Im Wohnungsbau für die eher bürgerlichen Schichten kann man zunächst den Siegeszug des Haustyps palazzine erkennen, einzuordnen zwischen den Intensivbauten und den kleineren villini, die bisher den Großteil der Wohnhäuser in Rom bildete. Im Rahmen des Generalbebauungsplans von 1909 wurde erstmals der Bautyp villino festgelegt, ein maximal dreigeschossiges freistehendes Gebäude. 1920 wurde die Bauordnung durch ein Dekret modifiziert, das 1925 von den Faschisten bestätigt wurde. Dadurch wurde auch der Bautyp der palazzine festgelegt. Entscheidend ist die erhöhte Geschosshöhe von fünf Geschossen, was eine intensivere Bebauung der städtischen Gebiete ermöglichte. „Die palazzine wurde zum dominanten Bautyp für bürgerliche Schichten und prägte ganz neue Stadtteile.“[39]

Dennoch muss betont werden, dass sich in vielen Fällen auch beim Bau kompakter urbaner Quartiere keine vollständige Trennung in Bewohner der Mittel- und Unterschicht erkennen lässt. Eine solche Trennung lässt sich vielmehr zwischen den Bewohnern der abgelegenen Borgate und den urbanen Quartieren ziehen, innerhalb derer es natürlich Abstufungen gab. „Im sozialen Wohnungsbau wurden keineswegs vorrangig hoch verdichtete Bautypen errichtet, sondern – wie beim mittelschichtsorientierten Wohnungsbau – palazzine, während für Wohlhabende neben palazzine auch villini und richtige Villen gebaut wurden.“[40] Die These des rein auf die Bindung an den Mittelstand setzenden Wohnungsbaupolitik muss also ein wenig abgeschwächt werden: Zwar erkennt man in der Idee der Borgate Verdrängungsmechanismen des Subproletariats, jedoch kann nicht davon gesprochen werden, dass die unteren Schichten im Ganzen aus der Stadt verdrängt und vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen werden sollten.

Ein bisher noch nicht erwähnter Punkt ist die Parallele der Idee des kollektiven Lebens, die in beiden Regimen, wenn auch in Rom nur in kleinem Ausmaße, existierte. Soll im Fall von Moskau darauf gleich intensiver eingegangen werden, muss hier das Beispiel Garbatella genügen, in dessen zum temporären Aufenthalt vorgesehenen ‚alberghi collettivi‘ oder ‚alberghi popolari‘ kollektive Einrichtungen wie Gemeinschaftsküchen errichtet wurden.[41] Franz Bauer meint dazu:

„Ähnliche Ideen eines mit Gemeinschaftseinrichtungen kombinierten sozialen Wohnungsbaus hatten damals Konjunktur in der europäischen Architektenavantgarde […]; sie entsprachen dem kollektivistischen Menschenbild der Zeit und ihren Vorstellungen von der Wünschbarkeit oder Notwendigkeit sozialer Disziplinierung und ökonomischer Rationalisierung der Lebensführung der industriellen Massen. Der von ‚linken‘ und ‚rechten‘ Ideologien und Regimen der Zwischenkriegszeit gleichermaßen propagierte Idealtypus eines selbstlos gemeinschaftsorientierten, seine Individualität bereitwillig dem Kollektiv unterordnenden ‚Neuen Menschen‘ wies dabei erstaunliche Parallelen auf.“[42]

Das auch bald gescheiterte Projekt der ‚alberghi collettivi‘ jedoch mit den vielfältigen, gleich zu besprechenden Plänen und auch Umsetzungen in der UdSSR auf eine Linie zu stellen, finde ich angesichts der großen gesellschaftlichen Unterschiede in Italien, die wie gesehen vom Regime auch gewollt waren, eine etwas zu steile These.

Im Fall Moskau steht bei den Detailplänen die Frage des neuen, sozialistischen und kollektiven Lebens im Vordergrund. Drei Wettbewerbe sind hierfür von besonderer Bedeutung. Im ersten, 1922/23 ausgeschrieben, wurden „Wohnkomplexe mit einem Netz von Versorgungseinrichtungen auf begrenzter Fläche inmitten vorhandener Bebauung [gefordert]. Nach dem Programm sollten beide Wohnviertel aus zwei Wohnbautypen (separate Wohnungen für Familien und Gemeinschaftswohnungen für Alleinstehende) bestehen, aus Klub, Kindergarten und Krippe, Gemeinschaftsküche mit Kantine, Bädern, Wäscherei, Garage usw.“[43] Die Breite der verschiedenen eingereichten Entwürfe von Cottagehäusern, Sektionsbau oder Kommunehäusern zeigt, wie offen die Debatte zu dieser Zeit war. Zugleich macht der Wettbewerb die Abkehr vom Konzept des Einzelanwesens deutlich, das von den Vertretern der Gartenstadt bevorzugt wurde sowie das „Suchen nach neuen Gebäudetypen, die Wohnräume und solche für kommunale und gesellschaftliche Zwecke besaßen.“[44]

Im 1925 ausgeschriebenen ‚2. Wettbewerb zur Erstellung eines kommunalen Haustypes‘ war die Idee des kommunalen Wohnens ebenfalls vorhanden. In dem geplanten Wohnkomplex für 750 bis 800 Personen sollten die Individualhaushalte keine eigenen Küchen erhalten. Die Aufteilung in Wohnungen für Alleinstehende, Paare und Familien war genau vorgegeben. Der ausgewählte Entwurf sah Wohnungen und Gemeinschaftseinrichtungen in einem Gesamtgebäudekomplex in unterschiedlichen Stockwerken vor und wurde zwischen 1926 und 1928 tatsächlich realisiert.[45]

In den sowjetischen Planentwürfen wird nicht nur die Zukunftseuphorie in der jungen Sowjetunion deutlich, sondern durch die Vorgaben der von staatlicher Seite ausgeschriebenen Wettbewerbe auch die Tendenz der Verwirklichung des neuen sozialistischen Lebens. Natürlich ist der Vergleich mit den tatsächlich vollzogenen Bauvorhaben im anschließenden Kapitel wichtig, um diesem Punkt kein zu großes Gewicht zu geben, dennoch kann man festhalten, dass die Idee des neuen Menschen in den 20er Jahren eine große Rolle spielte. Ernüchterung macht sich freilich breit, betrachtet man die Schnittmenge zwischen den Plänen in den 20er Jahren, gerade auch denen in gesamtplanerischer Hinsicht – geradezu grotesk wirkt auf uns heute die Idee der „Fliegenden Stadt“ mit beweglichen Kommunehäusern in der 1928 vorgelegten Diplomarbeit „Stadt der Zukunft“ von G. Krutikov[46] –, mit der Umsetzung dieser Pläne in den 30er Jahren und dem ‚Ende der sozialistischen Stadt‘[47] im Generalbebauungsplan von 1935.

Im Vergleich mit Rom möchte ich hervorheben, dass hier eine Gleichsetzung der beiden neuen, durch den 1. Weltkrieg ermöglichten ‚Gewaltregime‘ auf Grundlage einer wie auch immer gearteten Totalitarismus-Theorie nicht wirklich greift. Im betrachteten Zeitraum erkennen wir deutliche Unterschiede zwischen dem auf Klassenunterschiede setzenden faschistischen Regime mit seiner die römische Antike rezipierenden Propagandabaupolitik und dem leninistisch organisierten Moskau mit seinen Umsiedlungsmaßnahmen, Maßnahmen für bessere und hygienischere Wohnbedingungen und seinen ersten Ansätzen des kommunalen Wohnens. Mit Gewissheit lässt sich jedenfalls sagen, dass die beiden Regime ihre Herrschaft primär auf unterschiedliche Gruppen stützten und auch auf diese ausrichteten. Dabei möchte ich aber ebenso nicht behaupten, die Wohnungsprobleme im sozialistischen Moskau seien durch die Maßnahmen der Bolschewiki und die avantgardistischen Ideen des kollektiven Wohnens gelöst worden und die Situation in der Sowjetunion der 20er Jahre oder die von den Bolschewiki ausgehende Gewalt in irgendeiner Art und Weise schönreden oder rechtfertigen, schließlich wurde in diesem Kapitel auch erst die Theorie und Planung hinter dem Wohnungsbau betrachtet.

Die Wende um 1931

Gegen Ende der von uns betrachteten Periode, also in einer Phase der bereits geschehenen Etablierung beider neuer Systeme – auch wenn wir im Falle der Sowjetunion natürlich die Errichtung der stalinistischen Diktatur berücksichtigen müssen –, kommt es zu einem Wandel im Städte- und Wohnungsbau. Harald Bodeschatz sieht in seiner vergleichenden Perspektive in der Hinwendung zu mehr repräsentativen Bauten, auch im Wohnungsbau, einen Wettbewerb der drei Staaten Deutschland, Italien und Sowjetunion bzw. der Systeme Stalinismus, Nationalsozialismus bzw. Faschismus.[48] Weniger interessant als die bekannten Repräsentationsbauten wie der geplante Palast der Sowjets oder die EUR, die Città Universitaria oder die Sportstadt in Rom ist für unsere Herangehensweise zumindest ein kurzer Ausblick auf den Wohnungsbau der 30er Jahre, der sich in vielem von jenem in den ersten etwa zehn Jahren der beiden Regime vollzieht. Am Eindrücklichsten dabei sind neben dem Bau der Metro, deren erste Linie bereits 1935 in Betrieb genommen wird und dem lange geplanten Moskva-Volga-Kanals freilich die neuen, im Zuge des Generalplans an den freigelegten Moskva-Ufern entstandenen besseren Wohnungen für die neue Eliten des stalinistischen Systems, die für die Industrialisierung unabdingbar waren. Es entsteht also eine interessante Parallele zur Fixierung auf den staats- bzw. systemtragenden Mittelstand in Italien. Hier kann man in den 30er Jahren zunächst einen noch stärkeren Unterschied zwischen Barackenbewohnern und reichen Stadtbewohnern ausmachen, obgleich das Problem der – oft auch illegalen – Borgate nun erstmals konkret, auch von Mussolini selbst, angegangen wird und der Bau neuer, besser ausgestatteter borgate die zunehmenden illegalen Baracken ersetzen soll.[49] Eine weitere interessante Parallele in diesem Zusammenhang ist der zunehmende Drang zur Begrenzung des Zuzugs neuer Bevölkerungsgruppen, der die bestehende Wohnungsnot noch verstärkte. In Moskau versuchte man dem durch den Fünfjahrplan entstandenen massiven Zuzug ehemaliger Dorfbewohner in die großen Städte durch die Einführung eines Inlandspasses begegnet[50], in Rom kam in den 30er Jahren die Idee auf, Zuwanderer aus anderen Teilen Italiens in ihre Herkunftsorte zurückzuschicken, was jedoch nur sehr begrenzt funktionierte.[51]

Umgesetzte wohnungsbauliche Maßnahmen

Sagt der planerische und ideengeschichtliche Aspekt des Wohnungsbaus zwar viel über die jeweiligen Legitimationsgrundlagen aus, so bedarf es zur Analyse der tatsächlichen Herrschaftsausübung auf diesem Feld auch der Betrachtung der umgesetzten Maßnahmen, die sich vor allem in Moskau teils stark von den zahlreichen Planungen unterschied.

Rom

In Rom sticht, verglichen mit Moskau, wie wir gesehen haben die Fülle an verschiedenen Häusertypen im Wohnungsbau hervor. Nach der im vorigen Kapitel vorgenommenen eher theoretischen Unterteilung ist nun auch von Bedeutung, welche dieser Typen in welchem Umfang an welcher Stelle gebaut wurden. Um den sozialen Wohnungsbau richtig verstehen zu können, muss zunächst noch auf die bisher noch nicht erwähnte Verdrängung vieler Römer aus der Innenstadt verwiesen werden. Durch die Abrissarbeiten im Rahmen der Freilegung antiker Monumente und allgemein die Innenstadtrekonstruktion wurden zahlreiche ehemalige Innenstadtbewohner an die Peripherie verdrängt.[52] Die 1924 errichtete borgate Acilia beispielsweise wurde für jene Menschen errichtet, die durch die Abrissarbeiten um das Nationaldenkmal ihre Wohnung verloren hatten.[53]

Bei der Verteilung der Investitionen des ICP fällt auf, dass im Zeitraum von 1922 bis 1926 9% direkt auf den Bau von Wohnungen in Schnellbauweise für diese aufgrund der Abrissarbeiten im Zentrum verdrängten Familien und 8% auf reguläre Wohnungen für Gekündigte entfallen. Neben diesen auf durch die faschistische Politik selbst herbeigeführte Wohnungsnot antwortenden Maßnahmen wurde ein Großteil der Investitionsmittel des ICP für kostengünstigen Wohnungsbau (22%) und den Bau von ‚Volkswohnungen‘ (34%) verwandt.[54] Die Form der vom ICP errichteten Gebäude nahm dabei in den 20er Jahren vor allem die der Blockbebauung an. Vor allem nach der Abkehr von der Idee der Gartenstadt „konzentrierte sich der öffentlich geförderte Wohnungsbau nun auf die Anlage kompakter urbaner Wohnanlagen in Blockbauweise. Diese Anlagen waren von unterschiedlicher Größe: Sie konnten Teil eines Baublocks sein, einen ganzen Baublock oder mehrere umfassen beziehungsweise ein ganzes Quartier prägen.“[55] Vor allem in den Quartieren Garbatella, Testaccio und Trionfale erbaute der ICP in den 20er Jahren über 12.000 Wohnungen, einige davon außerhalb des damals gültigen Generalbebauungsplans.[56] Doch auch im Fall der Wohnungen für Beamte durch den INCIS findet sich die Blockbebauung in den 20er Jahren, wenn auch hier ausgestattet mit einem großen Innenhof, Gemeinschaftseinrichtungen und in großbürgerlicher Manier gestaltet. Insgesamt fielen etwa 15% der im Zeitraum 1924 bis 1928 erstellten Lizenzen auf den Bautyp intensivo, also deutlich mehr als auf palazzine (5,5%) und villino (2,8%).[57] Letztere Bautypen fand man ebenso im Zentrum wie in den Neubaugebieten in unmittelbarer Nähe des historischen Stadtkerns. Besonders der Aventin und das Viertel Parioli in bester Lage wurden durch diese Bautypen geprägt.[58]

Gegen Ende der 20er Jahre kommt zudem der erwähnte geförderte private Wohnungsbau in Form sogenannter case convenzionate zum Tragen, wodurch sowohl in bereits bestehenden als auch komplett neuen Vierteln eine große Zahl neuer Häuser gebaut wird, wodurch viele von der Aufhebung des Mietpreisstopps von 1917 im Jahre 1928 aus ihren Wohnungen verdrängte eher ärmere Familien eine neue Wohnung fanden.[59]

Den wohl bekanntesten Teil der faschistischen Wohnungsbaupolitik stellen die borgate dar, die in den meisten Untersuchungen einen großen Platz einnehmen. Das Problem existierte schon im liberalen Vorkriegsitalien, als Neuankömmlinge, die in der Stadt auch nicht temporär Fuß fassen konnten, sich eigene Baracken außer Sichtweite der großen Straßen bauen mussten.[60] Nach 1918 lebten wohl 45.000 bis 100.000 Einwohner in Baracken.[61] Fand also bereits vor 1922 eine teilweise Verdrängung subproletarischer Schichten aus dem Stadtzentrum statt, bildete diese Siedlungsform eine auch politische Lösung der Wohnungsnot unter Mussolini. Ursprünglich sollten diese Barackensiedlungen außerhalb der Stadt nur temporären Charakter besitzen, dienten dem Regime jedoch bald zur Ausgrenzung von in der Innenstadt nicht erwünschten Bevölkerungsschichten. „Als Begründung für die soziale Segregation wurde die nötige Anpassung an veränderte wirtschaftliche Verhältnisse genannt, d. h. dass die geplante Verlegung von Industrieanlagen in das Umland, den Zuzug von Arbeitskräften nach sich ziehen musste. Da Rom aber ohne bedeutende Industrieanlagen war, konnte die angetriebene Entwicklung nur in Verbindung mit spekulativen Interessen gebracht werden.“[62]

Die sich aus der Wohnungsnot ergebenden Barackensiedlungen wurden zum einen so weit außerhalb der Stadt und ohne eine entsprechende verkehrsinfrastrukturelle Anbindung erbaut, dass die Bewohner meist ihrer Arbeit im Zentrum nicht länger nachgehen konnten.[63] Viele dieser Verdrängten waren eher links eingestellte Arbeiter, die dadurch besser kontrolliert werden konnten.[64] Gleichzeitig hatten die Siedlungen jedoch auch keinen Bezug zum sie umgebenden Land und können auch als gescheiterter Versuch der Rurifizierung gesehen werden, bei dem Arbeiter in Bauern verwandelt werden sollten.[65] Zum anderen waren die Lebensbedingungen in den meisten Fällen überaus schlecht. Neben den schlechten Baumaterialien fehlten teilweise Wasserleitungen und eigene Toiletten.[66]

Am schlimmsten waren die Wohnbedingungen in den sogenannten case minime der provisorischen borgate. Die Wohnungen bestanden dort meist aus einem Raum von ca. 4m² und einer Küche und verfügten über keine eigenen sanitären Anlagen. Daneben gab es aber auch sogenannte konsolidierte borgate mit festen, 1-2-stöckigen Bauten und sogenannte urbane Borgate mit 3-4-stöckigen Wohngebäuden.[67]

Anders als oft dargestellt wohnten in den borgate jedoch nicht nur die Opfer der Abrissarbeiten im Zentrum. Laut der neueren Forschung sammelte sich in den borgate „eine jeweils sehr unterschiedliche Mischung aus sehr armen Menschen, die Opfer der Aufgabe der Mietpreisbindung waren, Bewohner illegaler Behausungen und Hütten, arme Zuwanderer aus ländlichen Regionen („Landflüchtige“), Arbeitslose oder Teilzeitbeschäftigte, später auch Rückwanderer aus dem italienischen ‚Ausland‘ und viele andere.“[68] Auch die Lebensverhältnisse in den borgate seien nicht so homogen gewesen wie oft dargestellt.[69]

Ebenso bekannt wie die borgate als Ausdruck der faschistischen Verdrängung der ärmsten Bevölkerungsschichten aus der Stadt ist das bereits kurz erwähnte Viertel Garbatella, bei dem sich verschiedene der vorgestellten Konzepte bzw. Gebäudetypen des sozialen Wohnungsbaus zeigen. Bereits 1920 begonnen, befand die Siedlung sich zunächst isoliert an einer möglichen Entwicklungsachse nach Ostia und erfuhr bis Ende der 20er Jahre verschiedene Bauphasen. Auch an der Bebauung anhand einer Reihe von Detailplänen anstelle eines einheitlichen, von vornherein festgelegten Gesamtplans, zeigt sich, wie das Regime im Bereich des Wohnungsbaus für ärmere Schichten der zunehmenden Wohnungsnot lediglich nach und nach entgegenwirkte und keine genügenden Maßnahmen zur Lösung dieses Problems ergriff. Der erste Bauabschnitt wurde noch vor dem Marsch auf Rom verwirklicht und bestand, der Idee der Gartenstadt verpflichtet, aus 204 Wohnungen des Bautyps villino. Ab 1923, vor allem zwischen 1925 und 1927, wurden in Garbatella dann stärker verdichtete Bauformen verwandt, u.a. für Barackenbewohner und Abriss-Verdrängte. Von 1926 bis 1928 entstanden schließlich die vier bereits erwähnten alberghi suburbani. Aufgrund des fehlenden Gesamtplans besaß Garbatella eine große architektonische Vielfalt – vom barocchetto bis zum Realismus – und gilt als ‚Exerzierfeld des Wohnungsbaus‘.[70]

Die bisher mehr oder weniger vertretene These der bewussten Vernachlässigung des sozialen Wohnungsbaus durch die faschistische Regierung, da diese lediglich an einer Bindung der staatstragenden Mittelschichten an die Stadt und das System interessiert waren, muss jedoch durch einen Blick auf die Situation in anderen europäischen Großstädten der Zeit zumindest ergänzt werden, um nicht den Anschein der Einmaligkeit der italienischen Situation auf diesem Gebiet zu erwecken. In der Literatur wird darauf verwiesen, dass die Wohnungsnot ein Problem der Zeit sei, verschärft durch den 1. Weltkrieg, der in Rom einen faktischen Baustopp bewirkte. In einer vergleichenden Studie zur europäischen Wohnungspolitik von 1900 bis 1939 heißt es etwa:

„There are striking similarities in the development of both theory and practice of housing policy in the European countries. One of the most significant examples is the break-through towards state intervention in housing policy during World War I […]. The years after the end of World War I, during which ‘war socialism’ had generally advanced, marked the transition from paradigmatic and sectoral concepts towards broadly based public housing schemes, although not in all the countries investigated.”[71]

Außerdem muss auf den bedeutenden Bevölkerungszuwachs verwiesen werden. Von 1921 bis 1941 stieg die Einwohnerzahl von 560.000 auf 1,4 Mio. Dass dieser Zuwachs ohne die Ansiedlung von Industriebetrieben geschah, ist auch ein Grund für die Armut der Barackenbewohner, die im aufgeblähten Verwaltungsapparat keine Erwerbstätigkeiten fanden und denen somit nur die äußerste Peripherie als Wohnort blieb.[72]

Betrachtet man die für uns relevanten Jahre 1921-1930 in einem größeren Rahmen, so sieht man, dass 43% des von 1911 bis 1951 gebauten Neubauvolumens auf jene neun Jahre entfallen, also überdurchschnittlich viel.[73] Dies macht deutlich, welchen großen Anteil der Bereich des Wohnens – nicht allein für die Mittelschichten, aber in besonderer Weise für diese – in der Machtausübung und Konsensgestaltung in den ersten Jahren der faschistischen Herrschaft ausmacht.

Moskau

Die Situation in Moskau nach Welt- und Bürgerkrieg ist wie bereits beschrieben ungleich schwieriger als in Rom. Neben den erwähnten Umsiedlungsmaßnahmen bestehen die praktischen wohnpolitischen Maßnahmen deshalb zunächst in speziellen staatlichen Krediten zur Renovierung von Arbeiterwohnungen. Dies war vor allem durch den Verfall vieler Wohnungen aufgrund der zunächst erfolgten völligen Befreiung von jeder Miete erforderlich.[74] In den ersten Jahren nach der Revolution führte dies zu einem Verlust von schätzungsweise 10-20% des gesamten Wohnungsbestandes.[75]

Nachdem in Moskau zunächst das für Metropolen ungewöhnliche, kriegsbedingte Phänomen des Rückgangs der Bevölkerung vorherrschte, wuchs die Bevölkerung von 1923 und 1926 wieder um ein Drittel, u.a. bedingt durch die zumindest teilweise bereits einsetzenden Industrialisierungsmaßnahmen. In diese Periode fällt auch der Beginn des Massenwohnungsbaus, der auf 1924/25 datiert wird.[76] Bei den nach dem wieder einsetzenden Zuzug dringend benötigten Wohnungen wurde vor allem auf Rentabilität gesetzt.[77]

Die Idee des kommunalen Lebens findet zwar in einigen Fällen seine praktische Umsetzung – 1921 waren in Moskau 865 Kommunehäuser registriert –, bei der Realisierung der ersten kooperativen Siedlungen am Stadtrand war jedoch nach wie vor die Erstellung hygienischen und billigen Wohnraums entscheidend. Erst in der zweiten Hälfte der 20er Jahre erfolgte die kategorische Verbindung mit Gemeinschaftseinrichtungen, ebenso wie die funktionale Zuordnung der Wohnungen zum Arbeitsplatz und die Tendenz zum Massivbau. Im Rahmen der ersten Industrieförderungen und des Beginns des Massenwohnungsbaus kann man allgemein die Tendenz der Hinwendung vom siedlungsorientierten zum städtischen Wohnen erkennen. „Die Konsequenzen schlugen sich in Materialwahl, Größe und Standort der Häuser nieder. Eindeutig zeigte sich gegen Mitte der 20er Jahre, dass der mehrgeschossige Massenwohnungsbau den ‚Individuellen‘ Holzwohnungsbau verdrängte und die Standorte sich auf innerstädtische Randgebiete verlagerten.“[78] In diesem Zusammenhang soll auch noch einmal an die zuvor beschriebenen Wettbewerbe erinnert werden, die bei Beginn der Bauphase ab 1925 zumindest in abgeänderter Form verwirklicht wurden und die Idee der Gemeinschaftseinrichtungen vorangetrieben hatten.

In gewisser Weise kann man in der nicht nur theoretischen Abkehr vom Konzept der Gartenstadt, sondern auch in der praktischen Umsetzung des städtischen bzw. stadtnahen mehrstöckigen Wohnungsbaus eine Parallele zu Rom feststellen, zumindest in Bezug auf die herrschaftstragenden Schichten. Mit Ausnahme der borgate als zunächst provisorisch gedachter Verdrängungsmechanismen entsprechen doch die superblocchi bzw. palazzine in gewisser Weise der sowjetischen Blockbebauung.

Die auch schon vor dem ersten Fünfjahrplan einsetzende Industrialisierung prägte zwar den Neubau von Wohnungen, die mit 4-6 Geschossen an Wohndichte zunahmen, jedoch änderte dies trotzdem wenig an der Gesamtstruktur Moskaus. Noch immer waren über 50% aller Wohnbauten Holzhäuser, die Hälfte aller Wohnhäuser war eingeschossig.[79]

Trotz der wohnungsbaulichen Maßnahmen verschlechterte sich die Wohnungssituation zunehmend. Beim Vergleich mit den dreißiger Jahren ist zwar die Höhe der neugebauten qm-Zahl an Wohnraum von 1925 bis 1930 relativ hoch. Auch erkennt man den beschriebenen Beginn des Massenwohnungsbaus ab 1925: Während 1924 noch 58.000 qm neu gebaut wurden, sind es 1927 404.000 qm und 1930 bereits 516.000 qm. Berücksichtigt man aber das bis 1924/25 nur marginale Neubauvolumen, die ab 1922 abnehmende und erst in den 1960er Jahren wieder tatsächlich ansteigende qm-Anzahl je Einwohner (1922: 7,4; 1925: 5,9; 1930: 5,5) und das starke Anwachsen der Bevölkerung (vom Tiefpunkt 1920 mit knapp einer Mio. auf 2,46 Mio. im Jahre 1930), so erkennt man die sich abzeichnende Wohnungsnot.[80]

Interessanterweise können wir in Moskau die genaue Gegenbewegung zu Rom im privaten bzw. staatlichen Anteil am Wohnungsbau erkennen. Während 1923/24 noch knapp 23% aller Neubauten privat finanziert wurde – ab 1922 war dies aufgrund der Maßnahmen der NEP wieder möglich –, waren es 1928/29 noch 7,6%. Der Anteil der Moskauer Regierung wächst im selben Zeitraum von 34% auf 51%, jener des Staates und von Kooperativen verändert sich nur gering.[81]

Eine dauerhafte Errungenschaft aus den 20er Jahren, die mit dem Wohnungsbau nur indirekt zu tun hat und im Theorie-Kapitel bereits vorgestellt wurde, ist die Etablierung von großen Grünanlagen zur Verbesserung der allgemeinen Wohnbedingungen. “To this day no township in the former Soviet Union is so small that it does not have its Park of Culture and Rest. Of all the basic tenets, the greening of towns is probably the one that has most widely and successfully implemented.”[82]

Ebenso nur indirekt mit dem Wohnungsbau verbunden und hier nur am Rande erwähnenswert sind jene Einrichtungen wie Arbeiterklubs, Kulturhäuser oder öffentliche Bäder, die nicht direkt in Wohnkomplexe eingebunden waren, aber ebenso der Idee des kommunalen, sozialistischen Lebens dienten.[83] Das 1925 von Alexander Rodtschenko geplante und realisierte „Arbeiterclubhaus für den Pavillon der UdSSR auf der Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes in Paris“[84] repräsentierte diese Tendenz sogar nach außen hin.

Im Fall Moskaus ist also eine eindeutige und klare Beurteilung schwierig, zu sehr sind die 20er Jahre noch Aufbau- und Etablierungsphase. Zwar können wir bereits einige erste Umsetzungen der neuen Ideen und Planungen beobachten, jedoch obsiegt in den meisten Fällen der tatsächlich in dieser Periode gebauten Wohnungen der Pragmatismus und die Verbesserung der hygienischen Bedingungen. Dennoch werden die 20er Jahre auch gesehen als „a period when within less than ten years all the most productive concepts of modern city planning were first advanced, when innumerable designs were produced, and when a not inconsiderable number of buildings, including some of the highest quality, were built in the face of the severest technical and material difficulties.“[85]

Fazit

Vergleiche zwischen zwei so verschiedenen Systemen wie dem Leninismus und dem Faschismus und auch zwischen zwei so unterschiedlichen Städten wie Moskau und Rom unterliegen der Schwierigkeit, gemeinsame Kriterien zu finden und nicht allein die offensichtlich großen Unterschiede aneinander zu reihen. In dieser Arbeit konnten jedoch aufgrund der engen thematischen wie zeitlichen Eingrenzung einige interessante Ergebnisse erarbeitet werden und die Betrachtung der jeweiligen Situation durch den Vergleich erweitert werden.

Die anfangs gestellte Frage nach den im Wohnungsbau der Etablierungsphase der beiden Regime erkennbaren Legitimations- wie Herrschaftsmechanismen bzw. nach den in einem Vergleich stets naheliegenden Gemeinsamkeiten und Unterschiede darin ist – was nicht anders zu erwarten war – nicht so eindeutig zu beantworten, wie man es bei einem solchen Systemvergleich gern hätte. Wie wir gesehen haben, macht die recht klare These des auf die staatstragenden Mittelschichten fixierten faschistischen Staates im Gegensatz zum auf den Arbeiterwohnungsbau mit kollektiven Gemeinschaftseinrichtungen setzenden sozialistischen Staat generell durchaus Sinn. Argumente hierfür sind die unterschiedlichen Institute für sozialen und eher bürgerlichen Wohnungsbau und die damit verbundene klassenspezifische Trennung im Bereich des Wohnens zusammen mit der auf die Privatwirtschaft setzenden und den Mietpreisstopp kündigenden Politik Ende der 1920er Jahre. Auch die Abrissarbeiten im Zentrum, die propagandistische Wirkung höher setzten als das Wohl der dadurch wohnungslos gewordenen ehemaligen Innenstadtbewohner, unterstreicht dies. Allerdings darf man sich vom dauerpräsenten Bild der borgate auch nicht blenden lassen, schließlich gab es auch zahlreiche innerstädtische Blockbauten für Arbeiter. Außerdem zeigt das Beispiel Garbatella, dass auch im Bereich des sozialen Wohnungsbaus in der Peripherie verschiedene architektonische Formen Verwendung fanden und das Bild der Baracken darum bereichert werden muss.

Ebenso muss die These des sozialistischen Musterwohnungsbaus abgeschwächt werden. Die Idee des Kommunehauses versinnbildlicht zwar die Idee des neuen Menschen, ebenso wie die allumfassenden Planungen für den Umbau Moskaus den Neuanfang und die avantgardistische nachrevolutionäre Aufbruchstimmung deutlich machen. Eine Vergrößerung der Wohnungsnot ist dennoch trotz der Umsiedlungs- wie Baumaßnahmen in den 20er Jahren auszumachen.

Definitiv deutlich geworden ist, dass der Wohnungsbau keine unbedeutende Randerscheinung des Städtebaus in der Zwischenkriegszeit war, sondern dass wir an ihr aufgrund der Einflussmöglichkeiten der beiden Regime in diesem Bereich ablesen können, welche Bevölkerungsgruppen in welchem Maße in die Gesellschaft einbezogen wurden. Auch in der Theorie und Planung – sei sie verwirklicht worden oder nicht – des für jede Bevölkerung zentralen Bereich des Wohnens erkennen wir Präferenzen und Legitimationsmuster der beiden Systeme.

Literaturverzeichnis

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[1] Bodenschatz, Harald: Diktatorischer Städtebau in der Zwischenkriegszeit. Besonderheiten Italiens mit Blick auf das nationalsozialistische Deutschland und die Sowjetunion, In: Mattioli, Aram und Steinacher, Gerald (Hg.): Für den Faschismus bauen, Zürich 2009, S. 61

[2] Woller, Hans: Geschichte Italiens im 20. Jahrhundert, München 2010, S. 95 ff.

[3] Kreis, Barbara: Moskau 1917-35. Vom Wohnungsbau zum Städtebau, Dissertation an der Hochschule für bildende Künste, Hamburg 1985, S. 14 ff.

[4] Моссовет (Московский городской совет) = Moskauer Stadtrat, oberstes staatliches Organ in Moskau von 1917-1993

[5] Bodenschatz, Harald/Post, Christiane (Hg.): Städtebau im Schatten Stalins. Die internationale Suche nach der sozialistischen Stadt in der Sowjetunion 1929-1935, Berlin 2003, S. 95

[6] Bodenschatz, Harald: Städtebau für Mussolini. Auf dem Weg zu einem neuen Rom, Berlin 2013, S. 25, 61, 70

[7] Ebd., S. 25f., 68, 72

[8] Ebd., S. 73

[9] Ebd., S. 129

[10] Bauer, Franz J.: Rom im 19. und 20. Jahrhundert. Konstruktion eines Mythos, Regensburg 2009, S. 260

[11] Kreis: Moskau 1917-35, S. 54

[12] Bodenschatz: Städtebau im Schatten Stalins, S. 64

[13] Ebd., S. 65f.

[14] Akronym für „Höhere Künstlerisch-Technische Werkstätten“; von 1927 bis 1930 WChUTEIN (Künstlerisch-Technische Hochschule)

[15] Tschepkunowa, Irina: Die WChUTEMAS. Ein russisches Labor der Moderne. Architekturentwürfe 1920-1930, In: WChUTEMAS. Ein russisches Labor der Moderne. Architekturentwürfe 1920-1930. Ausstellungskatalog zur gleichnamigen Ausstellung im Martin-Gropius-Bau Berlin, 5. Dezember 2014 bis 6. April 2015, S. 6-13

[16] Kreis: Moskau 1917-35, S. 33

[17] Osterwold, Matthias: Moskau, In: Friedrichs, Jürgen (Hg.): Stadtentwicklungen in kapitalistischen und sozialistischen Ländern, Hamburg 1978, S. 259

[18] Kreis: Moskau 1917-35, S. 35

[19] Bodenschatz: Städtebau im Schatten Stalins, S. 79 ff.

[20] Bauer: Rom im 19. und 20. Jahrhundert, S. 215

[21] Chan-Magomedow, Selim O.: Pioniere der sowjetischen Architektur. Der Weg zur neuen sowjetischen Architektur in den zwanziger und zu Beginn der dreißiger Jahre, Dresden 1983, S. 273 ff.

[22] Kreis: Moskau 1917-35, S. 30

[23] Bodenschatz: Städtebau im Schatten Stalins, S. 65

[24] Graben, Helga beim: Die Entwicklung des Wohnungswesens von Rom unter den Prozessen der Urbanisierung. Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Naturwissenschaften im Department für

Geowissenschaften der Universität Hamburg, Hamburg 2008, S. 66

[25] Bauer: Rom im 19. und 20. Jahrhundert, S. 220f.

[26] Bis Mitte 1920 wurde dadurch der Anteil der Arbeiter an Einwohnern in der Innenstadt von 3-5% auf 40% erhöht. Siehe Kreis: Moskau 1917-35, S. 20

[27] ВСНХ (Высший совет народного хозяйства) = Oberster Rat für Volkswirtschaft; von 1917-32 oberstes Organ der sowjetischen Volkswirtschaft

[28] Bodenschatz: Städtebau im Schatten Stalins, S. 65

[29] Neutatz, Dietmar: Die Moskauer Metro. Von den ersten Plänen bis zur Großbaustelle des Stalinismus (1897-1935), Köln (u.a.) 2001, S. 28

[30] Ebd., S. 45-68

[31] Bodenschatz: Städtebau im Schatten Stalins, S. 69

[32] Ebd., S. 70

[33] Ebd., S. 70; zitiert nach: Sestakov, S.S.: Bol’saja Moskva [Groß-Moskau], Moskva 1925

[34] Ebd., S. 70

[35] Kreis: Moskau 1917-35, S. 53 f.

[36] Painter, Borden W.: Mussolini’s Rome. Rebuilding the Eternal City, New York 2007, S. 94

[37] Painter: Mussolini’s Rome, S. 95 ff.

[38] Graben: Die Entwicklung des Wohnungswesens, S. 71

[39] Bodenschatz: Städtebau für Mussolini, S. 27 f.

[40] Ebd., S. 28

[41] Graben: Entwicklung des Wohnungswesens, S. 75 ff.

[42] Bauer: Rom im 19. und 20. Jahrhundert, S. 218

[43] Chan-Magomedow: Pioniere der sowjetischen Architektur, S. 277

[44] Ebd., S. 277

[45] Kreis: Moskau 1917-35, S. 42

[46] Kreis, Barbara: Zwischen „Lebendiger Klassik“, Rationalismus und Konstruktivismus – Die Höheren Künstlerisch-Technischen Werkstätten WChUTEMAS in Moskau 1920-1930, In: WChUTEMAS, S. 22, 27

[47] Bodenschatz: Städtebau im Schatten Stalins, S. 95

[48] Bodenschatz: Diktatorischer Städtebau in der Zwischenkriegszeit, S. 45-64

[49] Bodenschatz: Städtebau für Mussolini, S. 132 ff.

[50] Ebd., S. 94

[51] Ebd., S. 133

[52] Bodenschatz: Städtebau für Mussolini, S. 83

[53] Borden: Mussolini’s Rome, S. 94

[54] Graben: Entwicklung des Wohnungswesen, S. 74

[55] Bodenschatz: Städtebau für Mussolini, S. 26

[56] Ebd., S. 61

[57] Graben: Entwicklung des Wohnungswesens, S, 86ff.

[58] Painter: Mussolini’s Rome, S. 105ff.

[59] Painter: Mussolini’s Rome, S. 98 ff.

[60] Bauer: Rom im 19. und 20. Jahrhundert, S. 264 f.

[61] Bodenschatz: Städtebau für Mussolini, S. 24

[62] Graben: Entwicklung des Wohnungswesens, S. 79

[63]Ebd., S. 78

[64] Painter: Mussolini’s Rome, S. 95

[65] Ebd., S. 94

[66] Bodenschatz: Städtebau für Mussolini, S. 27

[67] Graben: Entwicklung des Wohnungswesens, S. 80 ff.

[68] Bodenschatz: Städtebau für Mussolini, S. 83. Bodenschatz bezieht sich hier auf folgende Studie: Villani, Luciano: Le borgate des fascismo. Storia urbana, politica e sociale della periferia romana. Wissenschaftliche Untersuchung an der Università di Torino. Mailand 2012

[69] Ebd.

[70] Bodenschatz: Städtebau für Mussolini, S. 61 ff.

[71] Zimmermann, Clemens: Introduction, In: Europäische Wohnungspolitik in vergleichender Perspektive 1900-1939, hg. Von Clemens Zimmermann, Stuttgart 1997, S. 1

[72] Harlander, Tilman: Notwohnen und Selbsthilfe in der Großstadtperipherie der 20er und 30er Jahre. Beispiele aus Österreich, Deutschland, Italien und Griechenland, In: Europäische Wohnungspolitik in vergleichender Perspektive 1900-1939, hg. Von Clemens Zimmermann, Stuttgart 1997, S. 75

[73] Graben: Entwicklung des Wohnungswesens, S. 93 ff.

[74] Kreis: Moskau 1917-35, S. 32 f.

[75] Osterwold: Moskau, S. 259

[76] Kreis: Moskau 1917-35, S. 32 f.

[77] Chan-Magomedow: Pioniere der sowjetischen Architektur, S. 277

[78] Kreis: Moskau 1917-35, S. 43 ff.

[79] Kreis: Moskau 1917-35, S. 58 f.

[80] Diese Zahlen sind dem statistischen Anhang entnommen aus: Colton, Timothy J.: Moscow. Governing the Socialist Metropolis, Cambridge/London 1995, S. 757 f., 796 ff.

[81] Colton: Moscow, S. 164 ff.

[82] French, R. Antony: Plans, pragmatism and people. The legacy of Soviet planning for today’s cities, London 1995, S. 47

[83] Ebd., S. 44

[84] Projektaufgaben der Architekturfakultät, In: WChUTEMAS, S. 158

[85] Kopp, Anatole: Town and Revolution. Soviet Architecture and City Planning 1917-1935, New York 1970, S. 233