Leseprobe

Auszug aus dem Roman “Ein Puzzle”

Auf ihre Frage, ob es Fotografien meiner Urgroßmutter gebe, die sie für ihren Film benutzen könnte, oder gar irgendwelche Aufnahmen, die in der Familie entstanden sein könnten, wusste ich keine rechte Antwort. Mein Vater hatte nichts erwähnt, und auch als ich ihn am Abend danach fragte, konnte er sich nicht daran erinnern, dass je bei Festen oder Ausflügen Bilder gemacht worden waren. Dafür, das fand ich schön, habe seine Mutter ihm aber oft Geschichten erzählt zu den Orten, an die sie gefahren waren, hatte vor ihm Karten ausgebreitet, aber auch mit ernster Miene berichtet von traurigen Ereignissen, die dort passiert waren und die er natürlich erst viel später wirklich hatte einordnen können. 

Was mir aber einfiel an dieser Stelle, und ich war froh, davon berichten zu können, war mein Erbe, die Kamera. Vielleicht sei das ein interessantes Bild für ihre Dokumentation, oder zumindest ein interessanter Gedanke, dass diese Frau, die so dunkle oder weitgehende Metaphern in ihren Texten verwendete und so tief abtauchte in ihren Beschreibungen der Weltentwürfe ihrer Helden, wie ich mich dunkel erinnerte, zwar eine Kamera besessen habe, aber in ihrer Wohnung und ihrem Nachlass keinerlei Fotografien hinterlassen hatte. 

Ich selbst hatte zunächst eigentlich eher an den Schmuck-Charakter dieses Geräts gedacht und mich gefragt, wie Besucher meines Zimmers, die es natürlich sehr selten gab, auf diesen Anblick reagieren könnten. Sie zu verkaufen, hätte ich mich nicht getraut. Es war mir zunächst nicht in den Sinn gekommen, warum weder meine Urgroßmutter noch meine Großmutter den Film in all den Jahren hätten entwickeln lassen sollen.

Als ich die Kamera erwähnte, blickte sie gerade auf von ihrem Milch-Kaffee. Ich weiß nicht, was in diesem Moment in ihren Augen lag, ich habe sie nie gefragt, und kann es bis heute nicht recht bestimmen. Mir fiel auf, dass ich keinerlei Foto der Kamera gemacht hatte und mir auch die Modellnummer nicht hatte merken können. Ich wundere mich noch immer, wie ich es damals zustande brachte, sie einfach so zu mir nach Hause einzuladen, um sie ihr zu zeigen. Schon als wir etwas peinlich berührt am Tresen standen, um zu bezahlen, fühlte ich mich wohl in ihrer Gegenwart. 

Ich muss oft daran zurückdenken, wie genau sie damals mein Zimmer studiert hatte. In all der Zeit hatte ich mir immer gewünscht, jemand würde sich diese Zeit nehmen, diese Bilder und Bücher, die mich zu einem so hohen Prozentsatz spiegelten, einmal genau zu betrachten. Vielleicht hatte ich alles für sie aufgehängt. 

Die Kamera hatte sie sicher als erstes wahrgenommen, als sie den Raum betreten hatte, sie stand seit dem ersten Tag auf jenem prominenten Platz auf dem Schreibtisch. Trotzdem ließ sie sich all die Zeit, bevor sie darauf zu sprechen kam.  

Nachdem sie den Apparat von allen Seiten begutachtet hatte, meinte sie, sie habe während eines Praktikums gelernt, dass man solche alten Apparate immer noch zur Entwicklung einschicken könne. Sie könne sich einfach nicht vorstellen, dass sich nichts darin befinde. Zumindest einen Versuch sei es doch wert. Vielleicht finde sich darauf etwas, das sie verwenden könnte. 

Zuerst war ich etwas zurückhaltend, weil ich es hasste, Menschen mit Anrufen oder Emails zu stören, die sicher Besseres zu tun hatten. Aber sie hatte mich natürlich schon überzeugt.  

Das Entwickeln stellte sich wider Erwarten als erstaunlich preiswert und die zuständige Person, wie das eben so ist, als freundlich und hilfsbereit heraus. Fast klang ihre Stimme so, als sei sie über die Abwechslung dankbar. Die Herzlichkeit meiner Dankesbekundung war jedenfalls ernst gemeint. 

Die entwickelten Fotos breitete ich vor mir in der Reihenfolge ihrer Entstehung aus. Ich betrachtete alle nacheinander und versuchte, irgendwelche Zusammenhänge festzustellen. Es hätten viel mehr Bilder Platz gefunden in der Kamera, warum also hatte meine Großmutter nur diese wenigen Aufnahmen gemacht? 

Zunächst erkannte ich einen jungen Mann in einer traditionell wirkenden Kleidung vor einer orientalischen Gebäudefront, einer Moschee wahrscheinlich. 

Dann war da eine Aufnahme einer niedrigen hölzernen Bühne inmitten eines Parks, auf dem aber kein Spiel stattfand, sondern auf der nur eine recht junge Frau in einem altmodischen Kleid saß, die Beine baumeln ließ und mit einem Blick, der aufgrund der Qualität der Photographie schwer zu deuten war, aus dem Bild heraus schaute. 

An dritter Stelle stand ein junger Mann mit einer Trompete in der gesenkten linken Hand auf einer Straße und beobachtete angestrengt an ihm vorbeiziehende Musiker einer Art Band. Hinter ihm ragten Balkone mit gerankten Blumenmustern aus Stahl empor. 

Danach erblickte man einen gewaltigen Strom, auf den drei Augenpaare gerichtet waren. Diese gehörten jungen asiatisch aussehenden Menschen, und in ihnen lag eine Mischung aus Nervosität und Angst. Hinter ihnen wucherte schemenhaft eine größtenteils hölzerne Stadt und unzählige Menschen waren am Vorübereilen und Tragen verschiedenster Dinge, die aber nicht zu erkennen waren. 

Das vorletzte Bild zeigte eine etwa mittelalte Frau in einem Sari, deren Züge kaum zu erkennen waren, so schnell wirkte ihr Gang durch eine enge Gasse, in die wenig Licht einzudringen schien. Neben ihr lief eine jüngere Frau, die die Kamera wohl nicht bemerkt hatte. 

Ganz rechts lag dann schließlich ein Foto, auf dem ein Schachspiel an einem kleinen provisorischen Tisch zu sehen war. Die Spieler starrten vertieft auf das Brett, hinter ihnen waren Hütten auf staubiger Erde und in einer Ecke zwischen Pfosten gespannte Drähte über ihren Köpfen zu sehen, und um sie hatte sich eine Menge versammelt, die wohl das Spiel verfolgten. 

Ob ich die Bilder ästhetisch ansprechend fand, konnte ich gar nicht sagen. Noch nicht einmal, ob sich die Fotografin im Laufe der Zeit an ihr Gerät gewöhnt hatte und geradere oder anderweitig formschönere Bilder zustande gebracht hätte. 

Ich verglich die Orte und Menschen auf den Fotos mit den sechs Reportagen, die ich von ihr gelesen hatte, und wie vermutet stimmten die Bilder mit den Texten überein, denn in letzteren stand, soweit ich mich erinnern konnte, immer genau eine Person im Mittelpunkt der Reportgage, durch die hindurch die Orte und Umstände geschildert wurden.